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Gigantische Güterprognosen

Der grösste Hafen Europas rüstet sich auf eine massive Zunahme der Güterströme in den kommenden Jahren. Diese werden auch in der Schweiz zu bewältigen sein. Doch vorderhand sorgt die Wirtschaftskrise für einen heftigen Dämpfer.

Kilometerlang führt die Autofahrt entlang von Hafen- und Industrieanlagen – gigantischen Container-Terminals, Tank- und Chemietürmen, Raffinerien, Kraftwerken. Und weit und breit ist kein Meer in Sicht, nur Industrie und immer noch mehr Industrie. Der Rotterdamer Hafen erstreckt sich auf einer Länge von 35 Kilometern entlang der verzweigten Rhein-Maas-Mündung. In den letzten hundert Jahren ist er aus der Innenstadt immer weiter an die Nordsee hinausgewachsen. Der Handel ist explodiert, und zur Minimierung der Transportkosten verkehren immer grössere Schiffe auf den Weltmeeren, die die Maas-Mündung nicht mehr befahren können. Und nun wächst der Hafen noch weiter in die Nordsee hinaus. Bis in vier Jahren soll dem Meer eine Fläche von 2000 Hektaren Land abgerungen werden. Vergangenen Herbst wurde mit der Aufschüttung des neuen Hafengebiets «Maasvlakte 2» begonnen – nachdem erst letztes Jahr eine Hafenerweiterung in Betrieb genommen worden war. Der Ausbau soll 3 Milliarden Euro kosten und die heute bewirtschaftete Rotterdamer Hafenfläche um einen Fünftel vergrössern. Hochseeriesen mit 17 und mehr Metern Tiefgang, die 12500 Container fassen, werden dannzumal in Rotterdam rund um die Uhr unabhängig von Ebbe und Flut gelöscht werden können. Das ist in Europa heute noch in keinem anderen Hafen möglich. In Hamburg etwa beträgt der maximale Tiefgang 14,5 Meter, in Antwerpen sind es gar nur 12,5 Meter. Gigantismus allenthalbenIm Rotterdamer Hafen, dem weitaus grössten in Europa und (hinter Schanghai und Singapur) der Nummer 3 weltweit, dominiert in jeder Beziehung Gigantismus. Das gilt auch für die Wachstumsprognosen: Bis in zwanzig Jahren soll der Güterumschlag gegenüber heute auf 800 Millionen Tonnen verdoppelt werden. Der Container-Umschlag soll sich bereits bis 2020 auf 27 Millionen Einheiten (TEU, siehe Kasten «Container-Revolution») verdreifachen. Im Container-Geschäft haben die Häfen in Asien Rotterdam in den letzten Jahren überholt. Hier besteht Nachholbedarf. Worauf sich die Prognosen der Rotterdamer Hafenbehörde aber genau stützen, bleibt im Gespräch unklar. Klar ist nur, dass sämtliche Prognosen der letzten Jahrzehnte in der Realität immer wieder übertroffen wurden. Das muss zur Erklärung genügen.Ausbau auf Schiene und StrasseDie Hafen-Verantwortlichen lassen ihren kühnen Prognosen denn auch bereits Taten folgen. Die Autobahn entlang der Maas-Mündung durchs Hafengebiet wird ab nächstem Jahr für 1,3 Milliarden Euro von zwei auf drei Spuren ausgebaut. Die Schiene wurde mit der 4,7 Milliarden Euro teuren Betuweroute, einer ausschliesslich dem Güterverkehr vorbehaltenen Eisenbahnlinie (siehe Artikel «Verlagerung auf Holländisch»), bereits massiv ausgebaut. Und auch die in Holland wichtige Binnenschifffahrt wird auf das erwartete Wachstum vorbereitet. Denn die «Herausforderung» der nächsten Jahre bestehe darin, die im Hafen ankommenden Güter «ins Hinterland» zu bringen, sagt Gerard Eijkelenboom von der Hafenbehörde.Schweizer SorgenDie Anstrengungen gilt es auch in der Schweiz zu beachten. Treffen die Prognosen auch nur annähernd ein, wird sich auch der Güterverkehr durch die Schweiz massiv erhöhen. Die Schweizer Verlagerungspolitik, die darauf abzielt, die heutigen Lastwagentransitfahrten durch die Schweiz zu halbieren, droht angesichts der Rotterdamer Prognosen zu Makulatur zu verkommen. Denn auch wenn die angestrebte Verlagerung auf die Schiene Fortschritte machen sollte, wird allein schon die prognostizierte Verkehrszunahme das Halbierungsziel verunmöglichen. Fachleute weisen zudem seit Längerem darauf hin, dass die Zubringerstrecken zu den Neat-Tunneln rasch an Kapazitätsgrenzen stossen werden, womit der mit den beiden Basistunneln am Gotthard und Lötschberg realisierte Kapazitätssprung nur begrenzt sein dürfte. Nicht nur mit Neubaustrecken, sondern auch betrieblich muss die Schiene gegenüber der Strasse wettbewerbsfähiger gemacht werden. Die Schweiz beteiligt sich dabei an den Bemühungen der EU für durchgehende, grenzüberschreitende Güterverkehrs-Korridore (siehe Kasten «Rotterdam–Genua»). Auswirkungen der KriseGegenwärtig erleben aber die an ständiges Wachstum gewöhnten Hafen-Verantwortlichen einen ungewöhnlich starken Dämpfer. Das letzte Quartal 2008 war schlecht, Transportvolumen und Tarife brachen regelrecht ein. Aufs ganze Jahr gerechnet nahm die Gütermenge in Rotterdam zwar noch leicht zu, doch stagnierte der Containerumschlag bei 10,8 Millionen TEU. 2007 war noch ein Wachstum von 12 Prozent registriert worden. Ob sich der Abschwung bald schon auch auf die Ausbauprojekte auswirken wird, ist zu erwarten, aber zurzeit noch nicht konkret.Der Hafen Rotterdam ist für die Niederlande ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. 320000 Arbeitsplätze hängen davon ab, 70000 davon direkt im Hafengebiet. Die Zahl der Hafenarbeiter, die mit dem Beladen und Entladen der Frachter beschäftigt sind, ist dabei rückläufig. Wo früher Handarbeit gefragt war, sind heute computergesteuerte Kranroboter im Einsatz. Befördert wurde diese Entwicklung durch die rasante Verbreitung standardisierter Container (siehe Kasten «Container-Revolution»). Der Containermarkt ist in den letzten Jahrzehnten dreimal so schnell gewachsen wie die Weltwirtschaft.>

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