Zum Hauptinhalt springen

Einst angelockt, nun verachtet

Sie stellen fast 50 Prozent der Bevölkerung Israels: die Mizrahim. Trotzdem gehören die orientalischen Juden nicht wirklich dazu. Sie gelten – ob orthodox oder säkular – bei vielen als Juden zweiter Klasse. Ihre Loyalität gegenüber Israels Politik steigert dies noch – ebenso ihren Hass auf die eigene Herkunft.

Eine Familie orientalischer Juden beim Chanukka-Fest in der Siedlung Modiin Illit. (Keystone)
Eine Familie orientalischer Juden beim Chanukka-Fest in der Siedlung Modiin Illit. (Keystone)

Die Sitzgruppe ist beige und ausladend, der Grossbildfernseher glänzt in Metallic und die Bonsaipflanzen vor der grossen Glasfront sind perfekt abgestimmt: Irit Cohens Reihenhaus in Yehud wirkt wie aus dem Magazin «Schöner Wohnen». Hier, in der Vorstadt Tel Avivs, ist solcher Luxus noch bezahlbar. Das Leben sei weit günstiger als in Jerusalem, sagt die 40-jährige Irit Cohen. Das Gehalt ihres Mann, eines Ingenieurs, reiche auch, um viele der Wünsche der beiden Söhne zu erfüllen – von den Trainingsanzügen mit aufgenähter US-Flagge bis zum sportlichen Tretauto. Alles perfekt – wären da nicht die polnischen Nachbarn. Sie haben ihren Kindern verboten, mit den Buben von Irit Cohen zu spielen, weil sie eine dunklere Hautfarbe haben. 1963 kamen die Cohens aus Marokko nach Israel. Angelockt von der Jewish Agency, der 1929 gegründeten zionistischen Organisation, die nach 1948 in erster Linie für die Besiedlung des frisch gegründeten Staates verantwortlich war. Einwanderer brauchte es Anfang der Sechzigerjahre besonders, denn Israel hatte 20 Prozent mehr Land erobert, als der Teilungsplan für Palästina von 1947 für den Judenstaat vorgesehen hatte. Irits Eltern glaubten den Verheissungen der Jewish Agency, sie träumten vom schönen Leben im Lande Zions. Nach der Ankunft wurden sie nach Zefat geschickt, in eine Entwicklungsstadt im Norden Israels. Es gab weder Wasser noch Strom und auch sonst keine Infrastruktur. «Dafür hätten meine Eltern nicht ihr gutes Leben in Marokko aufgeben müssen», sagt Irit. «Was sagst du da?», unterbricht sie ihre Schwiegermutter Rahel. «Seit jeher haben die Araber uns Juden gehasst, das beweisen die Pogrome», sagt Rahel. «Welche Pogrome?», fragt Irit. Nun wechseln die beiden Frauen die Sprache, statt Englisch sprechen sind nun Hebräisch – und immer lauter. Rahel, die aus Irak stammt, berichtet immer wieder von den Verfolgungen in ihrer früheren Heimat. Irit hat keine solchen Erfahrungen. «Fünfte Kolonne der Zionisten»Solch unterschiedliche Erfahrungen und Hintergründe gibt es in vielen Familien. «Die Juden, deren Präsenz in Irak bis ins Jahr 587 v.Chr. zurückreicht, erlebten insbesondere ab der britischen Mandatszeit 1920 massive Anfeindungen», sagt Adam Shatz, der als Redakteur der «London Review of Books» auf den Mittleren Osten spezialisiert ist. «Sie wurden als fünfte Kolonne der Zionisten und Briten gesehen. Nachdem die Engländer 1941 einmarschierten, kam es zu Übergriffen von Arabern auf Juden.»Zunehmend bemühte sich die Jewish Agency, die irakischen Juden nach Israel zu holen. Im Jahr 1950 plante sie, 125 000 irakische Juden nach Israel zu holen. Damals explodierten in Irak mehrmals Bomben – immer wieder wurde der Verdacht geäussert, der Mossad sei der Drahtzieher hinter diesen Anschlägen, um die «Lust zur Auswanderung» anzuheizen. Beweise liegen aber nicht vor.Die orientalische Lobby1951 tauschte Rahels Familie ihre irakische Staatsbürgerschaft gegen die israelische ein. Von da an galt es, der europäisch-jüdischen Hegemonialklasse, den Ashkenazim, zu begegnen. Diese hatte den Zionismus im 19. Jahrhundert als Fortsetzung des europäischen Nationalprojektes initiiert. Es war ihr Projekt, es war ihr Zionismus, bei dessen Umsetzung sie die Mizrahim vor allem als religiös verwandte Arbeitskräfte benötigten und einsetzten. Die Familie der 59-jährigen Rahel hat diese Erfahrung gemacht: «In Bagdad war mein Vater ein wichtiger Kaufmann, in unserem Kibbuz musste er Bananen pflücken.» Die Enttäuschung sei gross gewesen, doch weil es keinen Ausweg gegeben habe, hätten sie alle Beleidigungen heruntergeschluckt. «Eure Pausenbrote stinken. Ihr seid stinkende Araber», hätten die Kinder in der Schule gesagt. «Ihr Mizrahim sorgt euch nur um euren Bauch. Dass der Kühlschrank voll ist und die Kinder etwas zu essen haben. Wir Ashkenazim, wir kümmern uns um die Bildung unserer Kinder», habe sie auf dem Markt immer wieder hören müssen.Je rassistischer die Töne, umso grösser die Motivation, sich von seiner Abstammung, vom Arabertum, zu distanzieren. Am offensichtlichsten konnte man dies mit seiner politischen Gesinnung zur Schau stellen. Kritik an Israels Politik ist daher kaum zu hören – Kriege und Repression gegen die Palästinenser ändern daran nichts. Umso lauter wird das propagandistische Narrativ nachgebetet, das Völkerrechte, die Massaker, die internationalen Resolutionen und die Leiden der Palästinenser ausblendet und diese zu einem Feind hochstilisiert, in dessen monströsem Schatten Israels Existenz zusehends bedroht ist. «Als Ariel Sharon den Arabern in 2005 die Siedlungen in Gaza zurückgab, bedankten sie sich mit der Hamas», sagt Rahel. «Wenn wir ihnen im Westjordanland auch nur einen Zentimeter entgegenkommen, besteht Israel schliesslich nur noch aus einem schmalen Streifen, in dem sie uns dann abschlachten können.» Visionen der UltraorthodoxenRoni Benhabib sieht das genauso. Sie und ihre Familie stammen aus Jemen und auch sie verteidigt Israel leidenschaftlich gegen «die Araber». Darin aber enden die Parallelen zu den Cohens, die sich – polnische Nachbarn hin oder her – erfolgreich in die säkulare, zionistische Mehrheitsgesellschaft Israels eingereiht haben. Für Roni ist das kein Ziel. In ihrem ultraorthodoxen Glauben kann das wahre Israel überhaupt erst mit der Rückkehr des Messias entstehen. Aber man könne gleichwohl Vorleistung erbringen und die Feinde des verheissenen Landes bereits jetzt bekämpfen, sagt die 29-Jährige. Und so lebt sie zwar in Israel, gleichzeitig aber in einem Land, das es noch nicht wirklich gibt. Allerdings in einer Art Reduit: in Modiin Illit, einer Siedlung westlich von Jerusalem, mit 40000 Einwohnern, wo das Auswahlkomitee streng darauf achtet, dass nur Ultraorthodoxe in die Siedlung einziehen.Ihr Leben sei hart, sagt Roni. In ihrer 3-Zimmer-Wohnung gibt es weder Bilder noch einen Fernseher, auch Spielzeug für die Kinder sucht man vergeblich. Im elf Quadratmeter grossen Kinderzimmer stehen drei Betten, und Roni sieht noch Platz für zwei weitere – obgleich sie, wie viele Ultraorthodoxe, unterhalb der Armutsgrenze lebt. Beten auf StaatskostenMit 28 ging ihr heute 42-jähriger Mann Yossi in Klausur, um die Tora in einer Yeshiva, einer Talmud-Schule, zu studieren. 2000 Schekel monatlich erhält er für sein Studium in der hauptsächlich mit Steuergeldern finanzierten Schule – auf Lebenszeit, wenn er möchte. Das ist zu wenig zum Leben, aber es ist ein Luxus, der säkulare Israelis zur Weissglut treibt. Laut einer Studie des israelischen Zentralbüros für Statistik aus dem Jahr 2007 machen sie zehn Prozent der sieben Millionen Israelis aus. Und die Zahlen steigen ständig: Viele sagen, in den Yeshivas entstehe ein staatsgefährdendes Gebräu. Hunderttausende Männer, die auf Staatskosten leben und Kenntnisse von Mathematik ebenso ablehnen wie die Evolutionstheorie oder Englisch. Yossi lässt die Kritik kalt. «Mit einer Kultur, in der mit Nacktheit alles, vom Eiscreme bis zum Auto, verkauft wird, habe ich nichts zu tun», sagt er. Roni verfolgt unser Gespräch aus der Küche und brät aus übrig gebliebenen Nudeln Fladen. Nun aber steht sie im Türrahmen. Nicht nur der Werteverfall setze ihnen zu, sagt sie. Als Mizrahim fühlten sie sich von der Gesellschaft ausgeschlossen, nicht nur von der säkularen, auch von der orthodoxen, der «gottesfürchtigen», sagt sie. «Ob bei den Sabbat-Gesängen, beim Yom-Kippur-Essen oder bei der Aussprache bestimmter Wörter, täglich reiben uns die Ashkenazim unter die Nase, dass wir alles schlechter machen als sie.»Aufgeregt erzählt sie dann vom Schicksal ihres Onkels. Ende 2007 wurde er in Kfar Shalem, einem ärmlichen, vorwiegend von Jemeniten bewohnten Gebiet im Süden Tel Avivs, auf die Strasse gesetzt, mit 29 anderen Familien. Einfach so. Ohne Entschädigung. Der Besitzer des Bodens plant eine lukrative Überbauung. «Vor 60 Jahren haben uns die Ashkenazim hierhergelockt, und heute traktieren sie uns mit Fusstritten.» Es gilt, was einst warDa stellt sich die Frage, ob die Ungerechtigkeit, welche die Familie Benhabib erfährt, sie für das sensibilisiert, was mit den Palästinensern geschieht. Zumal Modiin Illit zu 44 Prozent auf Land gebaut wurde, das sich in palästinensischem Privatbesitz befindet. Dies hat die israelische Friedensorganisation Peace Now dokumentiert. Doch die Benhabibs folgen einer anderen Logik: «Vor 2000 Jahren gab es schon ein jüdisches Reich, die Römer benannten es nach der Niederschlagung der Juden nur in Syria Palaestina um. Und bis zum Kollaps des Osmanischen Reiches haben die Türken die Region beherrscht. Mit welchem Recht redet die Welt also von Palästinensern, denen wir das Land weggenommen hätten?» In ihrem Erzählstrang existieren weder Palästinensergebiete noch besetztes Land, es gibt nur Judäa und Samaria wie vor 2000 Jahren. Und wie steht Yossi, der wegen seiner religiösen Überzeugung keinen Militärdienst geleistet hat, zum jüngsten israelischen Krieg im Gazastreifen, der 1434 Menschen, mehrheitlich Zivilisten, das Leben kostete? Die Antwort kennt er aus der Bibel: «Der Herr wird deine Feinde, die sich gegen dich erheben, vor dir schlagen. Auf einem Weg sollen sie ausziehen wider dich und auf sieben Wegen vor dir fliehen. 5. Buch Mose, Kapitel 28, Vers 7», sagt er.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch