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Der Kampf endet in einer Grossfusion

In der Westschweiz endet der Kampf um die Gratisblätter in einer Grossfusion: Edipresse-Verleger Pierre Lamunière verkauft das Schweiz-Geschäft des Lausanner Familienunternehmens an die Zürcher Tamedia.

Dass die Vertreter der beiden Medienhäuser diese Umwälzung der Schweizer Presselandschaft gestern nicht zuerst in Zürich, sondern am Morgen gemeinsam am Direktionssitz von Edipresse in Lausanne bekannt gaben, sollte symbolhaft Empfindlichkeiten besänftigen. Denn mit Edipresse geht das weitaus grösste Westschweizer Verlagshaus an den weitaus grössten Printverleger der Deutschschweiz über. Das weckt Ängste und Sorgen. «Wir waren alle immer stolz auf Edipresse», sagte der Waadtländer Regierungspräsident und Finanzdirektor Pascal Broulis gestern in einer ersten Reaktion am welschen Radio. Seine Hoffnung: Es sei jetzt wichtig, dass ein Entscheidzentrum in der Westschweiz erhalten bleibe, um die Viefalt der Presse zu wahren. Opposition, wie sie die Waadtländer Regierung bei der geplanten Zusammenführung von Radio und Fernsehen in der Westschweiz angekündigt hat, schliesst Broulis aus.Kall nennt die Übernahme FusionDieses Geschäft ist unter Druck geraten. Nicht die Gratisblätter seien schuld an sinkenden Auflagen der Tageszeitungen, behauptete Tamedia-Chef Martin Kall gestern in Lausanne, Konkurrenz erwachse den Medien zunehmend durch branchenfremde Player wie Google sowie ausländische TV-Sender, zu denen Werbegelder abflössen. Kall sprach stets von einer Fusion. In Realität handelt es sich aber, wie 2007 bei der Berner Espace Media um eine Übernahme. Kall rechnet dank Synergien mit einem jährlichen Sparpotenzial von 30 Millionen und will den Umsatz durch neue Internet-Angebote steigern. Nach der Übernahme von Edipresse erreicht Tamedia einen Umsatz von 1,25 Milliarden Franken. Die Nummer 1 im Schweizer Printbereich baut damit ihren Abstand weiter aus. Edipresse stehe nicht am finanziellen Abgrund, Pierre Lamunière sei nicht zum Verkauf gezwungen gewesen, sagte Kall. « Edipresse ist gesund, und ich selbst fühle mich noch jung im Kopf», bestätigt der Edipresse-Verleger. Doch angesichts seines Alters von 60 Jahren habe er sich rechtzeitig um eine stabile Nachfolge kümmern wollen. «Ein solcher Entscheid improvisiert sich nicht.» Ein Verkauf an den in der Westschweiz aktiven französischen Herausgeber Hersant sei nicht zur Diskussion gestanden, sagte Lamunière. «Ich will nicht einfach Geld machen, ich habe nach einer Schweizer Lösung gesucht.» Jacques Richard, Chef der Hersant-Schweiz-Gruppe, die unter anderem die beiden Neuenburger Tageszeitungen «Express» und «Impartial» produziert, erklärte gegenüber der Freiburger «Liberté», sie habe Edipresse nie kaufen wollen. Ein Verkauf an Ringier oder an die NZZ-Gruppe sei auch geprüft worden, Tamedia habe sich aber als «natürlicher Partner» aufgedrängt, sagte Lamunière.Tamedia und Edipresse geben in ihrer Sprachregion mehrere Regionalzeitungen heraus. Beide sind bestrebt, überregionale Teile ihrer Blätter zusammenzulegen. Beide verlegen Sonntagszeitungen, Zeitschriften, Pendlerzeitungen und Oline-Plattformen. Zudem kennt Lamunière den Präsidenten des Tamedia-Verwaltungsrats und Vertreter der Mehrheitseigentümerfamilie Coninx, Pietro Supino, persönlich. Supino: Für Vielfalt Supino behauptet, Befürchtungen, dass künftig Chefs in Zürich entscheiden würden, seien nicht begründet. Er sagte, Tamedia stehe zur Vielfalt: «Wir handelten ja völlig unvernünftig, wenn wir sie mutwillig wieder zerstörten, immerhin bezahlen wir eine stattliche Summe.» Dass Edipresse nahe bei den Lesern bleiben wird, betont natürlich auch deren Generaldirektor Tibère Adler. Und Verleger Lamunière beruhigt mit der Formel von einer «grösstmöglichen Autonomie» von Edipresse; es würden keine Aktivitäten nach Zürich verschoben, das Management bleibe in Lausanne, die Chefredaktoren im Amt. Lamunière wird seinerseits Aktionär von Tamedia und sitzt in deren Verwaltungsrat. Die Übernahme von Edipresse gleicht damit dem Berner Modell. Auch hier existiert Espace Media unter der Kontrolle von Tameedia weiter. Charles von Graffrenried sitzt im Tamedia-Verwaltungsrat. Aber die anstehenden Entscheide über die Zukunft des «Bund» werden in Zürich getroffen. Skeptisch auf den Giganten reagiert die Mediengewerkschaft Impressum. Noch mehr Druck fürchtet auch die unabhängige Freiburger Tageszeitung «Liberté». Durch die Präsenz von Tamedia «vom Boden- bis zum Genfersee» seien die Freiburger mehr denn je die Asterixe, sagt Wirtschaftsredaktor Christian Campiche. Die «Liberté» produziert als einzige Westschweizer Zeitung ausserhalb der jetzt von Tamedia übernommenen Edipresse eine weitgehend unabhängige und substanzielle Inland- und Auslandberichterstattung. Chefredaktor Louis Ruffieux sagt, die «Liberté» sei schon bisher ziemlich allein gewesen. «Jetzt sind wir noch mehr allein.» Vor der Übernahme hatte Edipresse Hersant die Lieferung des überregionalen Mantels für deren Neuenburger Zeitungen offeriert. Solche Kooperationen, sagte Richard, seien auch nach der Übernahme möglich. Ein redaktioneller Zusammenschluss zwischen Tamedia/Edipresse und Hersant und damit eine Lösung der Hersant-Blätter aus dem Pool mit der «Liberté» könnte die Freiburger Zeitung existenziell gefährden. Das Schreckgespenst, dass in der Romandie einmal fast alles von Tamedia kontrolliert werden könnte, ist nicht ganz irreal. Monopol in der AgglomerationDie Edipresse verfügt heute mit «24 heures» (Waadt), «Tribune de Genève» (Genf), den überregionalen Blättern «Le Matin» und «Le Matin bleu» sowie ihrer Beteiligung an «Le Temps» im bevölkerungsreichen Genferseebecken praktisch über ein Monopol. Medienspezialist Uli Windisch von der Uni Genf will aber eine Chance für Lokalzeitungen wie den «Nouvelliste» im Wallis oder den «Quotidien Jurassien» sehen, ein treues Publikum noch besser an sich zu binden. Er vertritt die gleiche These wie Daniel Hammer, Generalsekretär des Westschweizer Verlegerverbandes: Die Übernahme führe nicht zu einer uniformen Presse. Weniger optimistisch ist Lausannes Stadtpräsident und Nationalrat Daniel Brélaz. Gegenüber der Nachrichtenagentur SDA sprach er vom Risiko eines kulturellen Verlusts für den viel kleineren Westschweizer Markt, auf dem sich heute noch überdurchschnittlich viele Zeitungen behaupten. >

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