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Das Schweigen gebrochen

Exzessive Gewalt gegen palästinensische Zivilisten, mutwillige Vandalenakte, der Einsatz menschlicher Schutzschilde: Diese Vorwürfe gegen die israelische Armee stammen – von israelischen Soldaten.

Kampfpause: Israelische Soldaten Ende Januar, nahe der Grenze zum Gazastreifen. (Keystone)
Kampfpause: Israelische Soldaten Ende Januar, nahe der Grenze zum Gazastreifen. (Keystone)

Die meisten Israelis wollen vom Gaza-Krieg nichts mehr hören. Sie halten ihn für eine harte, aber notwendige Antwort auf die Raketen-Angriffe der Hamas. Als sechs Wochen nach Kriegsende Aussagen von Soldaten publik wurden, die an einer Militärakademie brutale Übergriffe der Armee geschildert hatten, löste das zwar einen Nachschock aus. Aber alsbald kam die Armee in einem internen Untersuchungsbericht zum Schluss, man habe sich nichts vorzuwerfen. Eine «sehr kleine Anzahl» unschöner Vorfälle möge es gegeben haben während jener 22 Wintertage. Insgesamt jedoch hätten die Streitkräfte «im Einklang mit internationalem Recht» operiert. Kein Grund, weiter nachzubohren. 54 Zeugenprotokolle«Breaking the Silence», eine Organisation israelischer Reservisten, ist da anderer Meinung. Heute Mittwoch gehen sie mit ihrer Dokumentation von 54 Zeugenprotokollen an die Öffentlichkeit, basierend auf den Aussagen von dreissig Soldaten und Offizieren, die im Gaza-Krieg im Einsatz waren. «Breaking the Silence» hat ihnen garantiert, Namen sowie genaue Angaben zu Ort und Zeit nicht zu nennen. Ernste Vorfälle habe man aber nur aufgenommen, «wenn es mindestens zwei Augenzeugen dafür gab», versichert Gründungsmitglied Yehuda Shaul.In diese Kategorie fällt etwa die Erschiessung eines alten Mannes. Laut mehreren Aussagen irrte er, ausgerüstet mit einer Fackel, durch die Nacht. Die Soldaten geben an, sie hätten ihn in einiger Distanz entdeckt, «etwa 150 bis 200 Meter entfernt» von palästinensischen Häusern, in denen sich eine israelische Einheit verschanzt hatte. Für «abschreckendes Feuer» habe der Kommandant vor Ort kein Okay gegeben. Damit gemeint ist, im Radius von 30 Grad danebenzuzielen, um jemand zur Umkehr zu bewegen. Schliesslich sei der Alte weniger als 20 Meter vom Haus entfernt gewesen, was als «Nullreichweite» gilt. Er habe unbewaffnet gewirkt, «als ob er Schutz oder Essen suchte». Nur sagt ein anderer Soldat: «Wir hatten viele Warnungen wegen der Gefahr von Selbstmordattentaten. Also mussten wir den Kerl niederknallen.» Im Nachhinein gesehen sei es ein Fehler gewesen, zumal man den Alten nicht gewarnt habe. Dessen Schrei, als er tödlich getroffen niedersank, werde er sein Leben lang nicht vergessen. Genauso wenig wohl den Kommentar des Kommandanten: «Das ist die Eröffnung für heute Nacht!» «Leichter Finger am Abzug»So erschütternd Einzelfälle exzessiver Gewalt sein mögen, «das eigentliche Problem», sagt Yehuda Shaul, «ist das Konzept dahinter». In den protokollierten Aussagen deutet vieles darauf hin, dass die Kommandoebene die Truppen von Beginn an auf möglichst aggressives Vorgehen einstimmte. Nicht zuletzt, sagt Shaul, «um das Selbstvertrauen nach dem Libanon-Debakel von 2006 wiederherzustellen». Ein «leichter Finger am Abzug» war erwünscht. «Mein bester Arabischübersetzer ist mein Granatwerfer», wird ein Bataillonsführer zitiert. Ein Reservist beschreibt es so: «Ziel war, die Operation mit möglichst geringen Verlusten für die Armee auszuführen, ohne uns zu fragen, welchen Preis die andere Seite bezahlen muss.» Mit dieser Maxime wurden auch verbotene Methoden wie die «Johnny-Prozedur» gerechtfertigt, bei der Palästinenser der Armee als menschliche Schutzschilde dienen mussten. Gleiches gilt für den Gebrauch von weissen Phosphor-Bomben in dicht bevölkerten Gebieten, der eigentlich verboten ist.Ein Soldat berichtet, wie mehrfach per Armeesender die Genehmigung erteilt wurde: «Phosphor in die Luft.» Auf die Nachfrage, zu welchem Zweck, erwidert er: «Weil es Spass macht, cool ist.» An anderer Stelle wird klarer, wozu die Phosphorbomben dienten: Wenn das Risiko für die Truppen zu gross war, in ein mutmasslich vermintes Haus einzudringen, wurde von oben Phosphor abgeschossen. «Der kreiert einen Feuerschirm über dem Ziel – klar, dass sich das ganze Haus entzündet.» Klar auch, dass das keine präzise Waffe ist. Spass an der ZerstörungDer Grad an Zerstörung wird als enorm beschrieben, disproportional zum als gering erlebten Widerstand der Palästinenser. Im Panzer mit seiner enormen Reichweite fühle man den Feind nicht wirklich, so erklärt es ein Soldat. Oft habe Langeweile vorgeherrscht. Umso mehr fanden «eine Menge Leute» seiner Panzerkompanie Gefallen daran, auf Häuser zu feuern. Bevorzugtes Ziel: «Wassertanks ins Visier nehmen.» Bulldozer machten anschliessend das Gelände wie etwa in Abed Rabbo im Norden Gazas platt – in derart grossem Stil, dass Einsatzkarten nichts mehr taugten, weil eingezeichnete Koordinaten nicht wieder zu finden waren. Verbreitetes Phänomen bei der Einnahme von Häusern war offenbar ebenso ein Hang zum Vandalismus. «Man bricht schiessend durch die Tür. Die Soldaten schauen sich nach Fernsehern oder Computern zum Zertrümmern um, suchen Schubladen nach Interessantem durch.» Die «Schamprozedur», bei der sich je zwei Kameraden am Ende gegenseitig durchsuchen sollten, nütze wenig. «Es war, als ob sie Angst hatten, etwas zu finden, was sie nicht sehen sollten.» Der Fall einer Einheit, die vor dem Abzug aufräumte und eine schriftliche Entschuldigung für die palästinensischen Hauseigentümer hinterliess, scheint eine rühmliche Ausnahme gewesen zu sein. Zivilisten sind nicht KämpferInternationales Kriegsgesetz verpflichtet die Konfliktparteien, die zivile Bevölkerung zu schonen. Zwischen Kämpfern und Zivilisten zu unterscheiden, sagt der israelische Bürgerrechtsanwalt Michael Sfard, «ist oberstes Prinzip». Davon leite sich alles weitere ab, etwa das Verbot zu plündern oder mutwillig, ohne militärischen Zweck, Eigentum zu zerstören. Wer diese Prinzipien missachte, sagt Sfard, öffne Kriegsverbrechen Tür und Tor. Manches in den Soldatenaussagen bewegt sich im Grenzbereich, ist aber schwer vereinbar mit dem Anspruch der israelischen Armee, die moralischste der Welt zu sein. Auf die Frage, was in seiner Erinnerung an Gaza bleibe, erwidert ein Soldat: «Wie Leute fähig sind, andere sterben oder leiden zu sehen. Wie furchtbar leicht es ist, gleichgültig zu werden.»

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