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Das Problem liegt auf politischer Ebene

«,Breaking the Silence‘ geht es letztlich darum, Israel demokratischer, transparenter und auch moralischer zu machen», sagt Mikhael Manekin, Leiter der Organisation.

«Bund»: War es eigentlich schwierig, Soldaten zu finden, die bereit waren, über ihre Erfahrungen zu sprechen?

Mikhael Manekin: Es war nicht unmöglich – aber die meisten wollen nicht reden, unabhängig von ihrer politischen Einstellung. Seit Beginn unserer Tätigkeiten vor fünf Jahren haben wir aber mit ungefähr 600 Soldaten sprechen können, die in den besetzten Gebieten im Einsatz waren. Es gibt also einige, die sehr wohl reden wollen – oft haben wir gar nicht die Kapazitäten, alle Gesprächswilligen zu treffen, wir haben nur acht ständige Mitarbeiter.

Was motiviert die Soldaten, ihr Schweigen zu brechen?

Viele treibt die Sorge um Israel, tief verwurzelter Patriotismus, die Liebe zum Land an. Gerade beim Gaza-Krieg fragten sich viele, was das noch zu tun hatte mit ihren Vorstellungen von der Armee und ihren Aufgaben.

Drohen den Soldaten denn keine Sanktionen, wenn sie mit «Breaking the Silence» sprechen?

Nein, wir führen alle Gespräche anonym. Alles, was wir publizieren, hat die Militärzensur passiert und wurde gutgeheissen. Die Aussagen der Soldaten gefährden ja nicht die Staatssicherheit.

Bereits kurz nach dem Krieg gab es Berichte über massives Fehlverhalten von Soldaten in Gaza. Die Armee sagte sogleich, es handle sich um Verfehlungen Einzelner.

Unser neuster Bericht zeigt deutlich, dass das Problem auf politischer Ebene liegt, und nicht bei einzelnen Soldaten im Feld. Nicht die Soldaten legen die Verhaltensregeln fest, die etwa besagen, dass es in Ordnung ist, palästinensisches Eigentum zu zerstören.

Das alleine erklärt aber noch nicht, warum israelische Soldaten teils exzessive Gewalt anwenden oder mutwillig palästinensisches Eigentum zerstören.

Es sind verschiedene Faktoren, die sie antreiben. Da ist zunächst einmal die Angst vor Angriffen. Viele der Soldaten sind erst 19 Jahre alt, die Angst macht sie aggressiv. Und die Langeweile führt viele dazu, problematische Dinge zu tun. Das grundlegende Problem aber ist ein systematisches: Ein Besatzer steht den Besetzten gegenüber. Allein schon dadurch entsteht ein ungesundes Machtgefälle.

Die israelische Armee bezeichnet sich oft als die «moralischste Armee der Welt».

Diese Aussage hat sich im Laufe der Jahre verändert: Zu Beginn war sie Ausdruck der Hoffnung, dass die israelische Armee stets sehr hohen moralischen Ansprüchen genügen möge. Aus der Hoffnung wurde dann ein Grundsatz: Unsere Armee ist die moralischste der Welt, was auch immer sie tut. Das ist eine sehr oberflächliche Behauptung. letztlich geht es aber um Politik: Die Besetzung fremden Landes ist das eigentliche Problem, unabhängig davon, wie sich die Soldaten verhalten.

Indem Sie Missstände in der Armee anprangern, brechen Sie ein Tabu. Wie wird Ihre Arbeit in der israelischen Öffentlichkeit aufgenommen?

Die israelische Gesellschaft ist sehr divers – viele sind unserer Arbeit gegenüber sehr positiv eingestellt, gerade auch Soldaten. Andere finden sie weniger gut und mögen uns sogar als Verräter bezeichnen. Wir sind aber nicht gegen die Armee und nicht gegen den Staat. Die grösste Bedrohung für Israel sind heute nicht die militärischen Herausforderungen, sondern die ins Wanken geratene eigene moralische Integrität. Deshalb müssen wir offen darüber reden, was unsere Soldaten in den besetzten Gebieten tun – und welche Politik dahinter steckt.

In Gaza waren zehntausend Soldaten im Einsatz – nur knapp 30 Armeeangehörige kommen in Ihrem Bericht zu Wort.

Das ist eine verschwindend kleine Minderheit – und trotzdem ist das, was sie sagen, wichtig. Sie sprechen über die Politik hinter ihren Handlungen, über die übergeordnete Befehlsebene. Ich bin sicher, wir werden in den nächsten Monaten noch viele weitere Zeugenaussagen aufnehmen.

Was möchten Sie mit der Publikation dieses Berichts erreichen?

Natürlich wollten die Israelis in und nach dem Gaza-Krieg am liebsten hören, was unsere Militärsprecher zu sagen hatten – das hatte allerdings nicht immer viel mit der Realität zu tun. Mit unserer Publikation wollen wir diese Wissenslücke auf israelischer Seite schliessen helfen.

Letztlich geht es «Breaking the Silence» aber darum, Israel demokratischer, transparenter und auch moralischer zu machen. Weil wir uns um unser Land sorgen.

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