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«Beziehung kommt vor Erziehung»

Der Kinderarzt Remo Largo geht in seinem neuen Buch von einem Goethe-Zitat aus: «Die Kinder lernen nur von denen, die sie lieben.» Im Mittelpunkt seiner Idealschule stehen Lehrkräfte, die ihre Schüler und deren Eltern auch persönlich kennen und die Kinder nicht nach Alterslehrplänen, sondern nach individuellem Lernpotenzial fördern.

Noch ein Plan für eine «neue Schule»? Noch mehr Ratschläge, was Lehrerinnen und Lehrer besser machen sollten? Dabei schreibt Remo Largo selber, Lehrer würden heute «von einer Reform in die nächste gehetzt». Aber das Buch «Schülerjahre» versucht einen neuen Schritt: Zwar sind viele der Argumente und Vorschläge des Zürcher Kinderarztes Remo Largo nicht mehr neu; neu ist aber die praxisbezogene, in Frage-Antwort-Form mit kritischen Einwänden konfrontierte und leicht lesbare Präsentation. Das ist das Verdienst des Ko-Autors und Journalisten Martin Beglinger. Das Buch enthält drei Teile. In den zwei Kapiteln «Wie sich die Kinder entwickeln» und «Was Kinder kompetent macht» redet der erfahrene Kinderarzt und Forscher über sein eigenes Forschungsgebiet. Im 3. Kapitel, «Wann die Schule kindergerecht ist», hüpft er von Thema zu Thema. Man liest Richtiges und Wichtiges. Aber mit der Interview-Methode bleibt vieles etwas unkonzentriert . «Jedes Kind ein einmaliges Wesen»Ausgangspunkt für Largos Idealschule ist sein Bild des Kindes als einmaliges Wesen. «Bereits in seinem ersten Lebensjahr ist das Kind eine Persönlichkeit und beginnt sich spätestens mit zwei Jahren seiner Individualität bewusst zu werden. Seine individuellen Fähigkeiten und Verhaltenseigenschaften setzen sich im Lauf der Kindheit immer mehr durch. Das Beste, was wir tun können, ist, das Kind so anzunehmen, wie es ist.» Eltern und Schule, sagt Largo, dürften Kinder nicht als «Gefässe behandeln, die man mit beliebigem Inhalt bzw. irgendwelchen Erfahrungen füllen» könne. Erwachsene hätten «wenig Einfluss, welche Erfahrungen ein Kind verinnerlicht. Die enorm wichtige Aufgabe von Eltern und Lehrern besteht vielmehr darin, dem Kind möglichst gute Rahmenbedingungen zu gewährleisten, damit es die Erfahrungen machen kann, die es für seine Entwicklung braucht.» «Selbstwertgefühl stärken»Zentral ist für Largo ein Schulklima, das «die Lernmotivation stärkt und das Selbstwertgefühl bestätigt». Beim Übertritt von der Schule ins Erwachsenenleben brauche jedes Kind «ein gutes Selbstwertgefühl». Das entstehe, wenn die Schule «eine positive Erfahrung war». Wenn sie Gelegenheit bot, die individuellen Stärken zu entwickeln und zu lernen, «Schwächen als Teil seines Wesens zu akzeptieren». Largo kritisiert, dass unsere Schulen sich zu stark auf das Beheben von Defiziten konzentrierten. Er sieht die Tendenz, einen Teil der Kinder permanent zu überfordern. Wenn versucht werde, Schwächen beim Rechnen oder Lesen «auszuradieren», verstärke sich das Defektbewusstsein und das Selbstwertgefühl leide. Beste Vorbereitung für das Erwachsenenleben, auch für den wirtschaftlichen Erfolg, sieht Largo in einer «ganzheitlichen Schule», in der Kinder ihre Stärken auch in musischen Fächern, Sport und Sozialkompetenz entwickeln können.«Individuelle Lernziele»Kinder kommen unterschiedlich auf die Welt. Und während der Schulzeit werden die Unterschiede trotz pro Altersjahr einheitlicher Lehrpläne in allen Entwicklungsbereichen immer grösser. Diese Ungleichheit, sagt Largo, könne man nur mit einer konsequenten Individualisierung des Unterrichts gerecht angehen. Jedes Kind müsse jederzeit nach seinem Entwicklungs- und Leistungsstand lernen können.Largo plädiert für altersdurchmischte Klassen, wie sie früher in Dorfschulen existierten. Versuche in dieser Richtung hätten in einer Anfangsphase bei Lehrkräften Angst vor Mehrbelastung, bei Eltern Befürchtungen ausgelöst, ihre Kinder würden unterfordert. Später sei aber bei Kindern, Lehrkräften und Eltern grosse Befriedigung festgestellt worden. Lehrer sähen verbesserte Lernmotivation und eine Erleichterung ihrer Arbeit. «Schule muss mehr erziehen»Zur umstrittenen Frage, wer Kinder erziehen soll, wenn dies die Eltern nicht mehr tun oder können, formuliert Largo konkrete Forderungen: Die insbesondere von konservativen Kreisen vertretene Trennung – Erziehung in der Familie, Bildung in der Schule – sei realitätswidrig. «Heute verbringt ein Kind während der obligatorischen Schulzeit bis zu 10000 Stunden in der Schule. Da ist es schlicht unmöglich, die Verantwortung dafür, dass Kinder fleissig, ordentlich und anständig sind, nur bei der Familie zu suchen.» Nach Largos Meinung wird die Schule «künftig mehr Verantwortung ausserhalb des Unterrichts übernehmen müssen». Um die Belastung von Lehrerinnen und Lehrern nicht weiter zu steigern und Raum für den Unterricht zu lassen, brauche es «neue Arbeitsmodelle». Da redet der Kinderarzt etwas locker über Dinge, die Lehrer allenfalls als etwas komplizierter erleben. Einzelne Lehrer, sagt Largo, könnten Unterrichtszeit abbauen zugunsten von Betreuungszeit über Mittag und nach dem Unterricht. Largo erwähnt Vorschläge, dass Lehrpersonen ihre ganze Arbeitszeit in der Schule verbringen sollen. Im Schulzimmer könnten sie zwar nicht so effizient wie zu Hause arbeiten. Aber der bessere Kontakt mit Schülern stärke die Beziehung: «Beziehung kommt vor Erziehung.»«Emotionale Vernachlässigung»Als Basis für eine gestärkte Beziehung zwischen Lehrerinnen, Lehrern und Kindern plädiert Largo für eine Stärkung der Position der Klassenlehrer. Weil schon in der Grundstufe heute das Unterrichtspensum auf immer mehr Fachlehrer verteilt werde, fänden es «Lehrer und Kinder immer schwieriger oder gar unmöglich, eine Beziehung zum anderen aufzunehmen». Lehrer unterrichteten 100 oder mehr Kinder. Da stehe das Fach und nicht das Kind im Mittelpunkt. Wenn es zu Problemen komme, kenne kein Lehrer das betreffende Kind. Largo beklagt «zerstückelte Verantwortung» und «emotionale Vernachlässigung» der Schüler. In dieser Atmosphäre könne der Unterricht für Lehrkräfte «anstrengend» werden. Ohne gute Beziehung müsse mehr kontrolliert und diszipliniert werden. Weitherum anerkannt, aber nicht mehr neu ist Largos scharfe Kritik an der (in Bern besonders extremen) Selektion für Sekundarschule und Gymnasium und an den ausschlaggebenden Prüfungen. Ausgeschieden werde nach Noten, die nicht Kompetenz, sondern immer noch weitgehend auswendig gelerntes Faktenwissen reflektierten. Auswendiglernen sei immer noch der «Königsweg» für eine Schulkarriere. Z.B. im Französischen spezielle Zeitformen, die an der Tagesschau des welschen Fernsehens täglich ignoriert würden. «Man benotet, was leicht zu überprüfen ist.»«Konsequent auf Seite des Kindes»Etwas ratlos scheint auch Professor Largo, wenn es um das Verhalten der Eltern gegenüber der Schule geht. Väter und Mütter agierten oft auf der Basis der eigenen Schulerfahrung. Man wolle, dass es die Kinder besser hätten, aber man gebe Frust und Not weiter. In Bezug auf den Selektionsprozess sagt der Autor, die Matur sei ja auch nicht mehr, was sie gewesen sei: Garantiert sei damit heute nichts mehr. Zu bedenken sei auch, dass ein sozialer Abstieg «nicht zwangsläufig ein Versagen bedeutet». Er bewahre Betroffene «vor einer Karriere mit ständiger Überforderung».Largo empfiehlt Eltern auch «eine Prise Demut». Das Kind gehöre nicht den Eltern, sondern nur sich selbst. «Es ist nicht auf die Welt gekommen, um die Erwartungen seiner Eltern zu erfüllen, sondern um zu dem Wesen zu werden, das in ihm angelegt ist. Dies zu ermöglichen, liegt in der Verantwortung der Eltern.» Aus der Feder eines berühmten Professors, der ein paar Abschnitte früher die Selektion als sozial ungerecht enttarnte, ist das für viele Eltern ein kleiner Trost.Für den täglichen Umgang mit der Schule rät Remo Largo den Eltern, das Gespräch zu suchen, auf Polemik zu verzichten und eines nicht zu vergessen: «Das Wichtigste ist, dass die Eltern sich konsequent auf die Seite des Kindes stellen und ihm das Gefühl geben: Du bist gut, so wie du bist. Wir wissen, dass du dich so gut wie möglich bemühst. Wir lassen dich unter keinen Umständen im Stich.» Wichtig. Richtig. Aber auch da sind reale Situationen oft noch etwas komplexer. Das Buch: Remo H. Largo, Martin Beglinger. Schülerjahre. Piper Verlag 2009. 336 Seiten, Fr. 35.90. >

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