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«Angst nicht unbegründet»

In der rasant fortschreitenden Pressekonzentration sieht der Berner Medienwissenschaftsprofessor Roger Blum «keine erfreuliche Entwicklung für unsere direkte Demokratie».

«BUND»:Die Übernahme der Edipresse durch Tamedia löst in der Romandie Angst aus. Angst vor einer aus Zürich gesteuerten Westschweizer Medienlandschaft mit noch weniger Vielfalt und Sensibilität für regionale Unterschiede. Zu Recht?ROGER BLUM: Die Angst ist nicht unbegründet, weil die Zürcher Tamedia bei ihren Entscheiden weniger Rücksicht auf regionale und lokale Befindlichkeiten nehmen muss. Denn in Zürich fällt es leichter, über Westschweizer Medienangebote zu befinden, als in Genf oder Lausanne selber. Gleichzeitig weiss die Tamedia aber wahrscheinlich, dass die Suisse Romande ganz besonders gut gepflegt werden muss. Insofern kann die Übernahme von Edipresse auch eine Chance sein.Warum eine Chance?Wenn ein Medienunternehmen in zwei Sprachregionen tätig ist, kann es Übersetzungsleistungen für die gegenseitige Verständigung bieten. Wenn ein Unternehmen in vier oder fünf Städten Zeitungen besitzt, könnte ein kleiner Übersetzungsdienst originelle Kommentare, Analysen und Glossen aus der einen Zeitung übersetzen, so dass diese Texte auch in Zeitungen auf der anderen Seite des Sprachengrabens erscheinen.Manche gehen davon aus, dass es jetzt nur noch eine Frage der Zeit ist, bis auch in den Neuenburger Hersant-Blättern «Express», «Impartial» und «Journal du Jura» die gleichen Berichte über Bundespolitik, Ausland und Wirtschaft erscheinen wie in den Tamedia-Titeln «Le Temps» und «24 Heures». Dann wäre das Monopol komplett.Schon heute haben die Tageszeitungen vielerorts in der Romandie ein regionales Monopol. Aber im Mantelteil gibt es in der Westschweiz noch eine gewisse Vielfalt. Wenn künftig auch die Neuenburger Zeitungen den gleichen Inland- und Wirtschaftsteil wie jene in Genf und Lausanne hätten, wäre dies tatsächlich eine gravierende weitere Vereinheitlichung auch aus Sicht des Publikums.Die Zürcher Tamedia erreicht mit dem Sprung über den Sprachengraben eine enorme publizistische Machtfülle: Theoretisch könnte jetzt das Zürcher Medienhaus mit all seinen Zeitungen und Gratisblättern nationale Kampagnen für oder gegen gewisse Standpunkte oder Köpfe fahren.Man muss darauf hoffen, dass die Schweizer Tradition weiterlebt. Es gab in der Schweiz immer schon Medienhäuser, die mehrere Medien für Kampagnen à la Berlusconi einsetzen konnten, also um ein gewisses politisches Ziel zu erreichen oder gewisse Politiker zu stützen. Aber zum Glück wurde diese Möglichkeit mit wenigen Ausnahmen nie genutzt. Ich hoffe, dass es so bleibt.In der Deutschschweiz gibt es zur Tamedia noch Gegengewichte, allen voran die NZZ-Gruppe. Mittelfristig dürfte sich das Angebot an Inland- und Wirtschaftsberichterstattung auf drei von Zürich aus dirigierte Alternativen und einige Nischenplayer reduzieren. Was bedeutet das für die direkte Demokratie?Da ist eine Entwicklung im Gang, die alles andere als toll ist. Das sieht man exemplarisch im News-Netz von Tamedia. Dieses bietet zu einem bestimmten Thema einfach einen Artikel aus irgendeiner Tamedia-Zeitung. Geht man auf die Website der «Basler Zeitung», der «Berner Zeitung» oder des «Bund», findet man dort zu dem Thema nochmals den gleichen Artikel.Genau das droht künftig auch im Zeitungsbereich: Der gleiche Artikel in Zürich, Bern, Basel und anderswo.Das ist keine erfreuliche Entwicklung für unsere direkte Demokratie. Denn dadurch reduziert sich die Zahl der relevanten Meinungen und Blickwinkel in den täglich erscheinenden Zeitungen. Das kann man nur ausgleichen, indem diese Einheitszeitungen verschiedene Positionen einholen und Experten, verschiedene Politiker und Journalisten von ausserhalb der Redaktion zu Wort kommen lassen.>

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