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Alpine Spielart des Buddhismus

Ewigkeit spüren. Das Land ergründen. Überzählige Pfunde wegschwitzen – und sie dann in der Bergbeiz lustvoll zurückerobern. Das und vieles mehr spreche fürs Wandern, schwärmt der Wanderkolumnist Thomas Widmer.

Die Gehleidenschaft ist bei mir familienbedingt. Mein Vater war wie mein Grossvater Briefträger. Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört, wie ich den Vater auf seiner Tour im Appenzeller Hinterland begleite. Das beginnt schon im Vorschulalter, der Vater reicht mir eine Zeitung, zeigt mir ein Haus auf dem Hügel und sagt: «Bueb, dort oben wohnt der Meier, du kannst ihm die Post auf den Futtertrog im Tenn legen!»Barfuss beinle ich den Hügel hinauf und wieder hinunter. Und kurz darauf gibt es bei der Bäckerei zum Zvieri ein dunkles Bürli. Dessen Duft habe ich nie mehr vergessen können. Ebenso geblieben ist mir der Appetit auf Bächlein, Brücklein, Weglein. Auf Haselstauden-gesäumte Hecken und Sauerampfer-bestückte Grashalden. Auf abgelegene Bauernhöfe und einsame Weiler und friedlich glotzende Kühe. Durch die Briefträgerei, mit der ich später zuerst als Schüler und dann als Student gutes Geld verdiente, bin ich auf den Geschmack der Landschaft gekommen. Und ich habe erkannt, dass es eine Freiheit gibt, die man nur zu Fuss spüren kann. Das hat mich ins Wandern gebracht.Heute, da ich Wanderkolumnen schreibe und zwei Wanderbücher publiziert habe, ist dieses ein Teil meiner selbst. Ich wandere, daher bin ich.Es kommen weitere Gründe hinzu, weswegen ich wandere. Unlängst stand ich bei schwülem Wetter oberhalb von Aarau auf der Geissflue. Kein anderer Mensch war in der Nähe, es gab nur die Bäume und den Bröckelfels und mich. Ich dachte: «All das ist ganz unabhängig von dir da, und es wird bleiben, wenn du nicht mehr bist.» Aus demselben Grund sammle ich Steine und lege sie in Zürich auf meinem Bürotisch aus. Die Steine erinnern mich an meine Endlichkeit. Das hat nichts Beklemmendes, sondern im Gegenteil etwas Tröstliches. «Du bist nicht so wichtig, wie du meinst», sagen mir die Steine, «nimm dich nicht so ernst!» Beim Wandern finde ich Seelenruhe. Wandern macht, wenn nicht weise, so doch gelassen. Wandern ist die alpine Spielart des Buddhismus. Nun bin ich natürlich nicht immer allein unterwegs. Grund drei, weswegen ich wandere, ist die Freundschaft. Vor Jahren habe ich einen privaten Klub gegründet. Zusammen ziehen wir alle zwei Wochen am Samstag aus. Das Wandern schweisst uns zusammen. Das gilt für alle Wanderunternehmungen mit Freunden: Wenn wir hoch über dem Mattmark-Stausee auf den Schwarzbergchopf zuhalten, und von Italien her kommt ein Gewitter, und wir wissen nicht, ob wir weiter aufsteigen sollen oder sofort umkehren – wenn wir im Nebel beim Passo di Gana Negra oberhalb des Lukmanierpasses den Weg verlieren, während es eindämmert – wenn die Ersteigung der Wetterlatte vom Startpunkt Mülenen bis zum wonnevollen Bier in Kiental einfach nur wunderschön war und wir alle erschöpft grinsen: So etwas verbindet wie nichts anderes.Sehe ich einen meiner Wanderfreunde in der Stadt, dann blinzeln wir uns zu im Wissen darum, dass wir gemeinsam wilde Dinge erlebt und überstanden haben. Zum Beispiel die Besteigung des Stockhorns von Erlenbach aus unter einer so heissen Hochsommersonne, dass wir uns fühlten wie beim Wüstenmarsch in der Fremdenlegion.Viertens heisst Wandern, die Schweiz zu feiern. Als ich mit der Seilbahn von Disentis zur Caischavedra hochfuhr, stand neben mir eine junge Deutsche und starrte ebenso gebannt wie ich auf die Berge vor uns. «Diese junge Deutsche ist mir als Wanderin näher als jeder Schweizer Nichtwanderer», ging mir durch den Kopf. Die Schweiz feiern durch Wandern hat nichts zu tun mit Chauvinismus oder Neopatriotismus. Es ist bloss die praktizierte Lust an einem Land, das klein ist und das man mit dem Zug locker in fünf Stunden durchmisst. Und doch eignet diesem Land Grösse. Topografischer Reichtum. Seine Szenarien reichen von der weissen Karstwüste Silberen nah dem Pragelpass über die lüpfig-leichte Hügelwelt des Napfs bis zur urweltlichen Jaunbachschlucht im Greyerzerland. Ein Wandererleben genügt nicht, so viel Schönheit zu fassen.Kommt die geniale Konstruktion hinzu, die alles erschliesst: der öffentliche Verkehr. Frühmorgens nehme ich in Zürich den ersten Zug ins Tessin. Am Vormittag ist Gehstart und ich biege, derweil der Bus weiterbraust, von Maggia aus ins einsame Seitental Valle del Salto. Auf silbrigem Granit durchziehe ich einen Dschungel üppig wuchernden Grüns. Sehe übergrosse Eidechsen auf verfallenden Trockenmauern. Verspüre den Wunsch, mich vor der Madonna im Bildstock zu bekreuzigen, als wäre ich katholisch. Tauche in einen lagunenblauen Bachtümpel, der mir so exklusiv gehört, als sei ich der Fürst des Tales. Gegen neun Uhr abends fahre ich dann wieder in Zürich Hauptbahnhof ein: Ich war ein Tessiner für einen Tag. In der Schweiz wandern heisst auch, die Schweiz als Land der verschiedenen Kulturen lieben lernen. Und noch einmal: Ein engstirniger Nationalist wird man darob nicht. Es ist eine Binsenwahrheit: Wer sich selber gern hat, hat auch die anderen gern.Und natürlich hat das Wandern dann – Grund fünf – den Effekt, dass man in Bewegung und also in Form bleibt. Und zwar ohne Langeweile. Wie bedauert man die Leute im Fitnessclub, die ins Nichts starren, während sie auf ihren Falschvelos vor sich hinradeln. In derselben Zeit, die man mit solchen Sinnlosübungen verschwendet, gelangt man – zum Beispiel - von Thun mit dem Bus komfortabel nach Innereriz. Man wird nun einen wunderbaren Tag haben, wenn man über den Grünenbergpass nach Habkern zieht. Die Topografie dort oben, das Seefeld mit dem feinen weissen Sand auf den Wegen, aber auch den Kalksteinschrunden rundum: märchenhaft. Wandern ist Sport als Abenteuer, Wandern ist mentale Herausforderung, Wandern ist gute Fitness, weil man dabei nie an die Fitness denkt.Und schlägt man in einer formidablen Bergwirtschaft wie der «Métairie de l’Ile» unterhalb des Chasserals, dem «Montlinger Schwamm» hoch über dem St. Galler Rheintal, «Le Manoïre» auf dem Col de Jaman zwischen Montreux und Montbovon beim Bestellen über die Stränge, nimmt also nach der fetten Käseschnitte gleich noch ein Riesenstück Apfelwähe mit Schlagrahm, so ist das auch nicht weiter schlimm. Wanderer sind keine Schlankheitsfanatiker und neurotischen Kalorienzähler. Körper und Geist kommen durch die Natur in die Balance.Ich kann noch weitere Gründe für das Wandern nennen. Sechstens zum Beispiel geht der Wanderer auch durch die Geschichte. Die prähistorischen Menhire am Neuenburgersee, die Reste der Schanze des Herzogs von Rohan bei Landquart aus dem Dreissigjährigen Krieg, die Habsburg im Aargauischen, die eine Weltdynastie gebar: Alles Vergangenheit, in die man zu Fuss gelangt. Grund sieben folgt daraus organisch: Generell lernt der Wanderer das Land und seine Leute kennen. Nicht nur die zersiedelte Einfamilienhäuschen-Schweiz des Mittellandes und ihre Bewohner. Das Wandern bringt mich zum Bergbauern an der Rophaienflanke oberhalb von Flüelen, er erzählt von der neuerdings subventionierten Wildheuerei. Zwischen Gemmipass und Kandersteg treffe ich winters einen Bergführer aus Raron, der nebenbei winzert und mir auf dem langen Weg zum Schwarenbach die Situation des Walliser Weins näherbringt. Im Calancatal wiederum berichtet mir ein Deutschschweizer Aussteiger, welche Clans in dem Tal das Sagen haben.Wir Wanderer, hoffe ich hiermit bewiesen zu haben, sind keine rot besockten Idioten. Keine Zeremonienmeister der Hinterwäldlerei. Keine desinteressierten Dumpfbacken. Wir Wanderer sind im Gegenteil: ein vifer, weltoffener, freudefähiger, genusswilliger, neugieriger, gut gelaunter Stamm. Ja, ich bin stolz, ein Wanderer zu sein.Thomas Widmer>

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