Zum Hauptinhalt springen

Afrikas Stimme gegen «tödliche Hilfe»

Die afrikanische Finanzexpertin Dambisa Moyo fordert, die Entwicklungshilfe durch Marktwirtschaft und fairen Handel zu ersetzen. Sie benennt zwar Missstände schonungslos, blendet aber die Frage, wo Afrika heute ohne Hilfe stünde, vollständig aus.

Stellen Sie sich diesen Skandal vor! Die Staatschefs der G8-Staaten beschliessen, dass im Verlauf der nächsten fünf Jahre die Entwicklungshilfe eingestellt wird. Die halbe Welt schreit auf, in den westlichen Hauptstädten gehen Demonstranten auf die Strasse, und Bono schlägt den fiesen Machthabern knallharte Töne um die Ohren.Was die Protestierenden nicht wissen: Die Entscheidung der Staatschefs kam auf Empfehlung einer Expertin zustande, die in Oxford studiert hat, bei Goldman Sachs in die höhere Lehre des Kapitalmanagements ging und obendrein auch noch Afrikanerin ist. Sie heisst Dambisa Moyo und hat jüngst ein provokatives Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel «Dead Aid», tote Hilfe, und geizt nicht nur im Buchtitel mit Eindeutigkeiten. Die junge Ökonomin fordert von den Industrienationen nicht weniger als die Einstellung der Entwicklungshilfe: «Ein Schritt, der zwar Mut und politischen Willen verlangt, der aber absolut notwendig ist.»Injektion ohne grossen EffektDie Begründung für Moyos Radikalvorschlag: In den vergangenen 50 Jahren wurde rund eine Billion Dollar an Entwicklungsgeldern nach Afrika gepumpt. Wie jeder Laie sehen kann, hatte diese riesige Kapitalinjektion nicht den gewünschten Effekt: Vielmehr sind die afrikanischen Staaten unter der Gelddusche nur noch schmutziger, also korrupter geworden. Was den 800 Millionen von der Weltwirtschaft abgehängten Afrikanern alleine helfe, sei die Ersetzung der «tödlichen Hilfe» durch bewährte marktwirtschaftliche Praktiken – wie etwa fairen Handel oder die Aufnahme privater Kredite. Erst wenn die Abhängigkeit der Afrikaner von der entmündigenden und korrumpierenden Hilfe gebrochen werde, könnten ihre Staaten mit Entwicklung rechnen, ist Dambisa Moyo überzeugt: «Stattdessen wird Afrika in einem dauernden kindlichen Zustand gehalten.»Unverdächtige KritikerinMoyos radikale Abrechnung mit dem Kapitaltransfer von Nord nach Süd ist natürlich nicht die erste fundamentale Kritik an der billionenschweren Hilfe. Europäische Entwicklungshelfer wie Graham Hancock («Lords of Poverty») oder Brigitte Erler («Tödliche Hilfe») haben ihren Frust über die Pervertierung oder die Wirkungslosigkeit der Wiedergutmachung für Jahrhunderte der Sklaverei und des Kolonialismus immer wieder ausgedrückt – und nicht wenige Politiker nahmen deren Argumente gerne auf, um ihrem Widerwillen gegen die Geldverschwendung Substanz zu verleihen. Auch aus dem geholfenen Kontinent selbst wurden schon Stimmen laut, die ein Ende der gönnerischen Zahlungen verlangten – wie Axelle Kabous leidenschaftliche Streitschrift «Weder arm noch ohnmächtig» (im Original: «Et si l’Afrique refusait le développement?»). Mit «Dead Aid» liegt nun aber erstmals die Abrechnung einer afrikanischen Finanzexpertin vor, die einst auch für die Weltbank tätig war: die Analyse einer Insiderin, der keine bösartigen Hintergedanken zu unterstellen sind.Anstössige TatsachenUnd zumindest dem Ausgangspunkt von Moyos Analyse ist auch kaum etwas entgegenzusetzen: Auch kein Entwicklungsexperte kommt an der anstössigen Tatsache vorbei, dass Afrika in den vergangenen 50 Jahren nicht etwa reicher, sondern sogar ärmer wurde. Ghana, ein Lieblingsstaat der Helfer, wies bei seiner Unabhängigkeit vor 52 Jahren ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als Südkorea auf: Heute ist es um das Zehnfache ärmer. Trotz Karlheinz Böhm, Bob Geldofs Band Aid und unzähliger Projekte zur Nahrungsmittelsicherung verhungern in Äthiopien weiter Menschen. Und Staaten wie Somalia, Simbabwe oder die Zentralafrikanische Republik wurden auch von Hilfsgeldern in Milliardenhöhe nicht vor dem Untergang bewahrt.Gröbste GeneralisierungDie Schwierigkeiten setzen mit Moyos Erklärung dieses Sachverhaltes ein. Wie die meisten publikumswirksamen Auseinandersetzungen mit Afrika leidet auch die Analyse der gebürtigen Sambierin unter gröbsten Generalisierungen: als ob der Kontinent mit seinen 53 Staaten tatsächlich als ein homogenes Ganzes zu betrachten sei. Mit Südafrika, Mauretanien oder Kamerun besteht der Erdteil aus noch wesentlich vielfältigeren Teilen als etwa Europa – und wer würde eine Studie ernst nehmen, in der Moldawien, Schweden, die Schweiz und Kosovo in einen Topf geworfen werden? Wenn Moyo behauptet, Entwicklungshilfe habe vor allem korrupte Herrscher hervorgebracht, dann trifft das gewiss auf den zentralafrikanischen «Kaiser» Bokassa zu. Andere Fälle wie Nigeria (das wenig Hilfe kriegt, aber durch die Öleinnahmen völlig korrupt geworden ist) oder Ruanda (das ohne Hilfe nicht überleben könnte, aber zu den saubersten Staaten des Kontinents zählt) oder Eritrea (das keine Hilfe mehr erhält, sich aber trotzdem rückwärtsentwickelt) widersetzen sich Moyos schneller These.Komplexität der HilfsansätzeMan mag es mit dem Kontinent nicht so genau nehmen: Aber auch in Afrika steckt der Teufel im Detail. Ganz abgesehen davon, dass es «die Entwicklungshilfe» nicht gibt: Sie ist in ihrer Komplexität eher krakenartig. Es gibt Zahlungen, die Industrienationen direkt in den Haushalt der Drittweltländer überweisen; billige Kredite, die die Weltbank für den Bau von Infrastrukturprojekten gewährt; oder Kleinstprojekte, die von Spendengeldern einer Kirchengemeinde in Hinterdörflingen finanziert werden. Entsprechend zahlreich sind die Vorbehalte, die den verschiedenen Hilfsformen entgegengebracht werden: Viele Organisationen wählten ihre Aktivitäten nach den Vorlieben ihrer Spender statt nach den Bedürfnissen der Empfänger aus, heisst es etwa. Oder: Mit den an ihre Hilfe geknüpften Bedingungen entmündigten die Industrienationen die gewählten Regierungen ihrer «Partnerländer». Kritisiert wird ferner die unkoordinierte «Projektitits» zahlloser kleiner Hilfsorganisationen. Oder die Arroganz der Weltbanker, die ihren machtlosen Klienten die jeweils gerade gängige Ideologie aufzwängen.Schwierige Dosierung der HilfeWeil natürlich auch Entwicklungsexperten um solche Einwände wissen, und zumindest die Verantwortungsbewussten unter ihnen der Kritik auch zu begegnen suchen, gibt es immer wieder neue Trends in der Entwicklungshilfe, was zuweilen den Eindruck erweckt, als hätten die Helfer den Kopf verloren. So war in den 60er-Jahren zunächst die direkte Budgethilfe en vogue. Bis sich herausstellte, dass sich die neuen afrikanischen Eliten viel zu oft selbst davon bedienten. Also ging man dazu über, indirekt über Nichtregierungsorganisationen zu verteilen, was die staatlichen Organe unterhöhlte. Da schwache Staaten in Afrika bald als Grund vieler anderer Übel erkannt wurden, kehrte man doch wieder zur Budgethilfe zurück – dieses Mal allerdings mit genauen Vorschriften über die Mittelverwendung. Das wiederum führte zu der Kritik, die arroganten Zahler würden die Empfänger gängeln: Man solle nur kontrollieren, dass das Geld nicht verschwinde, nicht aber festlegen, wie es genau auszugeben sei, heisst der derzeitige Trend.Von solchen auf dem Feld der Entwicklungspolitik bereits geschlagenen Schlachten fehlt in Moyos Streitschrift jede Spur. Dabei hält ihr Mantra, der Kapitaltransfer habe statt Fortschritt nur Rückschritt hervorgebracht, nicht einmal der Frage stand, wo Afrika heute ohne Hilfe stünde. Derzeit profitieren etwa Millionen HIV-positiver Afrikaner von antiretroviralen Medikamenten, die internationale Initiativen wie der Global Fund oder private Gönner wie die Gates-Stiftung finanzieren: tatsächlich eine Art Abhängigkeit, die in diesem Fall allerdings Millionen von Menschenleben rettet.Anfällige AlternativvorschlägeAls Alternative zur Entwicklungshilfe schlägt Moyo vor allem die Inanspruchnahme privater Finanzierungsquellen seitens der afrikanischen Regierungen vor: Auf diese Weise könnten diese selbstbestimmter und nach klaren marktwirtschaftlichen Kriterien agieren. Selbst Moyos einstiger Lehrer, Oxford-Professor Paul Collier, hält diesen Vorschlag indessen für naiv. So seien es ausgerechnet Privatbanken gewesen, die einst den hochkorrupten Militärherrschern in Nigeria Milliarden von Dollar geliehen haben, gibt der Wirtschaftswissenschaftler zu bedenken: «Die Wirkungsgeschichte der Privatbanken in Afrika ist in vielerlei Hinsicht noch wesentlich schlimmer als die der Hilfsorganisationen.»Schaden durch AgrarsubventionCollier, der selbst eine Abrechnung mit der Entwicklungshilfe schrieb («Die unterste Milliarde: Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann»), ist kein unkritischer Apologet des Kapitaltransfers. «Entwicklungshilfe ist ein Teil der Lösung, aber kein wesentlicher Teil», meint der Ökonom: «Es gibt andere Politikfelder – wie die Handelspolitik –, in denen wesentlich mehr erreicht werden kann.» Dass die Agrarsubventionen der Industrienationen einen grösseren Schaden anrichten, als alle Entwicklungshilfe in Afrika wieder gutmachen könnte, ist allgemein bekannt: Kaum weniger verheerend wirkt sich die von der Welthandelsorganisation verfügte Liberalisierung der Märkte der Entwicklungsstaaten aus – oder die im Norden verursachten Krisen der Klimaveränderung, der Explosion der Lebensmittelpreise oder der globalen Rezession. Andererseits sehen viele im wachsenden Interesse Chinas an dem rohstoffreichen Kontinent eine ganz neue Chance für Afrika – während wieder andere genau in diesem Interesse auch Gefahren sehen. So steht alleine fest, dass Afrikas Entwicklung auch in den nächsten 50 Jahren ein womöglich erfreulicheres, aber höchst kompliziertes Thema bleiben wird – viel komplizierter, als das eine mit heisser Feder geschriebene Populärschrift über die «tote Hilfe» auch nur ahnen lässt.Das Buch. «Dead Aid: Why Aid Is Not Working and How There Is a Better Way For Africa». In Englisch. Allen Lane Publishers, London, ISBN 978-1846140068.>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch