Geiselhaft als Tradition

Wie Oberst Ghadhafi sich Schweizer Geiseln hält, die Freilassung hinauszögert, Kautionsgeld verlangt: Dieses unverblümte Tun hat unter Beduinen Tradition.

Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Beduinentum, wesentlich älter als der Islam, bedeutet: Es gibt keinen übergeordneten Staat, kein übergeordnetes Gesetz, keine übergeordnete Ethik. Es gibt nur Stämme im Widerstreit, im Krieg. Gern überfällt man fremde Karawanen und transportiert als lebende Wertsachen Gefangene ab. «Ghazwa» heisst eine solche Attacke auf Arabisch, daraus leitet sich das deutsche «Razzia» ab.

Im Leben des Islamverkünders Mohammed spiegelt sich viel von den altarabischen Stämmen und ihren Methoden. 570 in der Handelsstadt Mekka geboren, wandert Mohammed 622 mit seinen Getreuen ins nahe Medina aus. Dort kämpfen mehrere Stämme um die Macht. Zwei mit Mohammed verbündete, doch untereinander verfeindete Sippen sind die Aws und die Chasradsch. Eines Tages verlangen die Chasradsch von zwei anderen Stämmen, den Nadir und den Quraiza, 40 Geiseln. Das soll sicherstellen, dass die Nadir und die Quraiza nicht mit den Aws paktieren. Später zieht ein Unterclan der Chasradsch die Schraube an: Die Nadir und die Quraiza sollen ihm Land abtreten. Weil diese ablehnen, werden einige Geiseln massakriert.

Oft geht es auch bloss um Lösegeld. Die Leute Mohammeds, der vorerst die alten Beduinenmethoden anwendet, greifen von Medina aus vorbeiziehende Karawanen an. Schon beim ersten erfolgreichen Überfall nehmen sie 623 Gefangene und verkaufen diese später zurück. Lässt sich daraus ableiten, dass der Islam Geiselnahme befürwortet? Eher nein, sagt ein gemässigter Geistlicher von heute, der seine Gläubigen per Internet unterweist: «Generell ist es im Islam nicht zulässig, Geiseln zu nehmen. Dies darf allenfalls im Krieg praktiziert werden. Und nur feindliche Kämpfer dürfen als Geiseln herhalten.»

Leben heisst Kampf

Dass dem Durchschnittsislam zum Trotz unbewaffnete Leute in Friedenszeiten zu Geiseln werden: Dafür gibt es Belege noch und noch von arabischen Nomaden des Mittelalters und der Neuzeit. Manchmal ist der Beduine im Wüstenbewohner eben stärker als der Muslim. Der Reiseautor Ibn Dschubair wird im 12.Jahrhundert vom Emir zu Mekka gefangen gesetzt, der frustriert darüber ist, dass der ägyptische Sultan ihm lange weder Geld noch Weizen geschickt hat. Und in einem historischen Buch über die Stämme Palästinas heisst es: «Wenn einer von einem Beduinen ein Pferd stahl, dann nahm sich jener einen der Söhne des Diebes zur Geisel.»

Der Einzelne ist in der Wüste exakt so mächtig oder ohnmächtig wie sein Clan oder seine Eskorte. Die Beduinen betrachten Geiselnahme als legitim. Leben heisst Kampf, entweder du wehrst dich, oder du unterliegst. Eine Moral, die sie mit Fremden verbindet, kennen sie nicht. Man würde diese Weltanschauung bei keinem anderen heutigen arabischen Staatsmann ins Spiel bringen ausser bei Ghadhafi. Dessen Libyen, zum grossen Teil Sahara, ist geschichtlich gesehen stark von Stämmen geprägt. So hatte der Aufstand des Sanusi-Ordens gegen die Kolonialherren im 19. und 20. Jahrhundert sein Zentrum in diversen Oasen.

Ghadhafi wiederum entstammt einer einfachen Beduinenfamilie. Er versteht und inszeniert sich selber als genau das: ein Wüstensohn, der stets mit eigenem Zelt reist. Und der, wie das Beduinen so tun, Geiseln nimmt. Einfach so.

Der Bund

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