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Farbiger, aufgeregter, lauter, billiger

Die Zeitungskrise bringt Übernahmen, Kooperationen und schillernde Investoren. Innen werden Redaktionen umgebaut: Das ändert Stil und Inhalt. Relevanz und Qualität haben es schwer.

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Klar ist: Die Krise zwingt Zeitungsverleger zum Handeln (siehe nebenstehenden Artikel). Klar ist aber auch: Was jetzt in der Branche passiert, geht weit über Sparsinn hinaus. Weil schon überall Schrauben lottern, kommen lang gehegte grosse Würfe auf den Tisch.

In der Deutschschweiz ist die Zürcher Tamedia-Gruppe daran, ein überregionales, pragmatisch komponierbares Mantel- und Kooperationsnetz zu knüpfen, in einem ersten Schritt für Regionalblätter der Tamedia. Der «Bund» soll dabei entweder mit der «Berner Zeitung» (BZ) zu einer neuen Zeitung fusioniert werden, die später allenfalls gewisse Inhalte des «Tages-Anzeigers» übernehmen könnte. Oder er soll weiterhin in Konkurrenz zur BZ in engerer oder sanfterer Mantelblatt-Umarmung des «Tages-Anzeigers» erscheinen. Das Netzkonzept zielt auch auf Kooperation über Konzerngrenzen hinaus. Höflich umworben wird z.B. die «Basler Zeitung».

Ein Netz in der Deutschschweiz

Solche Verbundpläne werden in der heute primär an Profit orientierten Branche weltweit praktiziert. Wenn überregionale Informationen in professionell geführten, mit den nötigen Ressourcen ausgestatteten Netzen produziert werden, könnte das die Qualität von in diesem Bereich notorisch dürftigen Regionalzeitungen verbessern.

Das Problem ist nicht der Expansionsdrang der Zürcher, sondern die Tatsache, dass es zur Tamedia keine Alternative gibt. Peter Wanner in Aarau und Hanspeter Lebrument in Chur betreiben mit der «Mittelland-Zeitung» und der «Südostschweiz» erfolgreiche Provinznetz-Imperien. Ein nationales Netz ist neben Tamedia nicht in Sicht.

In der Romandie ist die Situation ähnlich: Unter Krisendruck bahnt sich eine Netzlösung an, die die Blätter der bisher konkurrierenden Gruppen Edipresse und Hersant unter einen Hut bringt und unabhängige Blätter einzusaugen droht.

Nur noch eine Stimme aus Brüssel

Ohne Konkurrenz haben solche Netze potenziell gefährliche Folgen: Erstens ist die Informationsvielfalt bedroht. Im Extremfall gäbe es in beiden Landesteilen nur noch eine Stimme aus den USA, Brüssel, China. Und nur eine Bundeshausredaktion. Zweitens erhielten Netzzentralen unausweichlich direkten Einfluss auf Stil und publizistische Spielregeln im ganzen Blätterwald.

Da werden jetzt , im Schatten von Krisenmassnahmen, tiefgreifende Änderungen ausgeheckt. Die letzten Jahre waren geprägt von zuweilen panischen Reaktionen auf den spektakulären Erfolg der Gratisblätter und den parallelen Auflageneinbruch abonnierter Blätter. Storys, am besten mit Hickhack zwischen Prominenten, sollen den Mehrwert bezahlter Zeitungen steigern. Priorität erhalten Tempo und Ausserordentlichkeit. Relevanz, Kontinuität und Vollständigkeit der Information werden zur Nebensache.

Ein Beispiel: Wenn am Tag nach der Abstimmung über die Freizügigkeit die Konkurrenz voraussehbar die Analyse der Resultate von gestern in den Vordergrund rückt, stellt eine auf ihre Dynamik stolze Zeitung auf ihrer Titelseite die angekündigte SVP-Initiative zur Eindämmung der Freizügigkeit als Thema von morgen ins Zentrum. Ohne Rücksicht auf Relevanz.

Bei sinkenden Inserateerträgen werden Grenzen zwischen Information und PR weich: Inserate in absurden Formen mitten in Informationstexten sind noch harmlos. Aber die wachsende Bereitschaft einzelner Redaktionen, mit PR-Texten eine freundliche Umgebung für die Werbung zu schaffen, gefährdet ihre Glaubwürdigkeit.

Für die nächsten Jahre steht jetzt eine Nachrüstung der Zeitung mit Internet-Technologie auf dem Programm. «Tages-Anzeiger» wie NZZ planen eine Zusammenarbeit ihrer Online- und Printredaktionen. Die NZZ spricht noch nicht von einer Vorreiterrolle des Online-Produkts. Beim TA redet man offen über neue Spielregeln.

Online Einschaltquote messen

Bei ausländischen Zeitungen wird das vielerorts praktiziert. Attraktiv finden Blattmacher insbesondere die Möglichkeit, Storys online in die Luft zu setzen und im Lauf des Tages im Blog zu schauen, ob sie im Aufwind der Publikumsgunst fliegen. Wird eine Geschichte fleissig angetippt und kommentiert, erhält sie für die Printausgabe des nächsten Tages hohe Priorität.

So wird Relevanz als Kriterium für die Wertung von Themen weiter zurückgestuft. Und wenn die ganztags munteren Blogger allenfalls ganz andere Leute sein sollten als die Leser der Printausgaben, könnte es sein, dass online-gesteuerte Zeitungen immer weiter an ihren Käufern vorbeifliegen.

Noch spielen im Schweizer Zeitungswettbewerb fast nur regional verwurzelte Gruppen. Das kann sich in Krisenzeiten rasch ändern. Schon lange fragt man sich, ob der deutsche Axel-Springer-Konzern in der Schweiz über «Beobachter», «Bilanz» und «Handelszeitung» hinaus keine Ambitionen hege.

In der Romandie hat kürzlich der französische Milliardär Alain Duménil die Wirtschaftszeitung «L’Agefi» gekauft. Das erinnert an Entwicklungen im Ausland: In Frankreich werden der rechte «Figaro» und der linksliberale «Monde» heute ganz bzw. teilweise von Rüstungsindustriellen kontrolliert. Die linke «Libération» liess sich vom Grossbanker Eduard de Rothschild retten. Die Regionalpresse produziert in grossen Netzen mehrheitlich pitoyable Qualität.

In den USA hat sich der globale Leuchtturm für unabhängigen Journalismus, die «New York Times», in eine Schuldenfalle manövriert, die einen illustren mexikanischen Milliardär zum grössten Aktionär machen könnte. (Der Bund)

Erstellt: 16.02.2009, 14:26 Uhr

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