Der «Blick» bleibt dabei

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«Die blonde Bestie»:

Sensationslüstern



«Völlig überraschend ist in der Nacht auf gestern der schlaksige Mini-Playboy (15) aus seiner ,ausbruchsicheren‘ Zelle in der Heil- und Pflegeanstalt Münsterlingen entwichen», schrieb der «Blick» am 2. Februar 1967. Nicht auszuschliessen sei, dass sich der «Würger» mit falschen Papieren nach Brasilien durchschlage. Der Vater der «Bestie», «ein wohlhabender Zürcher Architekt», besitze dort eine Hazienda – was nicht stimmte – und Freunde. Das «Herrensöhnchen», dessen Name stets genannt wurde, hatte zugegeben, als 14-Jähriger eine junge Rapperswilerin umgebracht zu haben. Verwirrt lieferte er verschiedene Tatversionen, von denen der «Blick» nur die grausamste nacherzählte und ausschmückte.

Das Blatt erweckte den falschen Eindruck, Angehörige hätten Fluchthilfe geleistet. Wenige Tage später musste es eingestehen, dass die Ausdrücke «Bestie» und «Würger» für den schwer schizophrenen Jungen zu weit gingen: «,Blick‘ nimmt sie bedauernd zurück und wird sie im Zusammenhang mit dem Fall nicht mehr verwenden.» Das Blatt liess «drei Institutionen, die sich mit Kinderfürsorge befassen», je 1000 Franken zukommen. Damit nicht genug: Die verantwortlichen Redaktoren wurden wegen «unerlaubter Handlungen durch die Druckerpresse» zu hohen Geldbussen verurteilt. Das Gericht befand, der «Blick» habe einen «sensationslüsternen Charakter» gezeigt. (tok)

Fall Gunvor:

Ein böses Drama



I. Akt: Gunvor (23) gewinnt die Ausscheidung zum Grand Prix Eurovision. Die Ex-EMD-Angestellte wird mit ihrem Freund («Gunvor verliebt wie noch nie!») sowie mit Bundesrat Ogi («Ogis Leute singen heute!») fotografiert.

II. Akt: Gunvors Albtraum beginnt mit dem Artikel «15000 Franken Schulden – Pleitegeier kreist über Gunvor!». Dazu ein Bild der von ihr retournierten Waren: «Die Säcke voll mit Schuhen, abgetrampelt, zerkratzt, zerfressen!»

III. Akt: In der folgenden Woche erscheint: «Eurovision-Star Gunvor – Heisse Sex-Fotos aufgetaucht!» Dazu der Fotograf: «Gunvor war vor meiner Kamera heiss, glühend heiss. (…) Leider war sie unzuverlässig.» Tags darauf mehr Interviews, mehr Fotos und dann die Frage: «Gunvor bald im ,Playboy‘?»

IV. Akt: Am Morgen vor Gunvors internationalem Auftritt («Das kann mir niemand nehmen!») erscheint: «Neue Enthüllung – Gunvor Liebesdienerin im Edel-Puff!» Dazu das Interview mit dem Saunabesitzer, der erst sagt: «Diskretion ist oberstes Gebot.» Und fortfährt: «Ja, es stimmt. Gunvor war vor einem Jahr regelmässig hier. (…) Nackt, wie Gott sie schuf, trällerte sie Schlager.»

V. Akt: Gunvor singt. Und macht als einzige keine Punkte. Am Sonntag folgt der Titel: «Null Punkte: Am Ende stand Gunvor nackt da!», begleitet von der Recherche: «Gunvor von Freund betrogen – mit einem Mann!» Dann am Montag: «Gib nicht auf, Gunvor!» (cit.)

Der Fall Borer:

Teure Texte



An Ostern 2002 machte der «SonntagsBlick» mit einem Bericht über «Borer und die nackte Frau» auf. Das Blatt schrieb, der Schweizer Botschafter in Berlin, Thomas Borer, habe eine Affäre mit einer Warenhausverkäuferin. Der «Blick» trieb die heisse Story über Wochen weiter und fragte: «Warum sagen Sie nicht die Wahrheit, Herr Borer?» Schliesslich liess der nervös gewordene Bundesrat Joseph Deiss seinen Gesandten in Deutschland abberufen. Borer aber liess die Anschuldigungen nicht auf sich sitzen. Der Ringier-Verlag konnte die aussereheliche Romanze nicht belegen. Der Presserat befand, die Blätter hätten die Privat- und Intimsphäre des Ehepaares Borer-Fielding «in schwerer Weise» verletzt. Das Informantenhonorar von 10000 Euro an die angebliche Liebhaberin taxierte er als «unlautere Methode der Informationsbeschaffung». Borers Fall ging als vermutlich teuerste Artikelserie in die Schweizer Pressegeschichte ein. «SonntagsBlick» und «Blick» mussten sich entschuldigen. Ringier überwies dem Paar über eine Million Franken als Entschädigung. Die Verantwortlichen mussten allesamt gehen – unter ihnen auch Ralph Grosse-Bley. Heute leitet der Deutsche als Stellvertreter ohne Chef die «Blick»-Redaktion. Borer sagt dazu: «Banken stellen normalerweise keine Bankräuber ein – bei Medienverlagen scheint es offensichtlich anders zu sein.» (tok)

«Der dicke Reto»:

Fette Schlagzeile



Reto Iseli , der sich selbstironisch und realitätsgetreu «Vierteltönner» nennt, behauptet nicht, er habe alles richtig gemacht. So wies er das «Blick»-Duo, das zum ihm unterwegs war, nicht an umzukehren. Vielmehr half Informatik-Spezialist Iseli wenig später dem verzweifelten Fotografen, die Bilder zu retten, die auf der Digitalkamera verloren gegangen waren. Als Dank füllte der «Blick» eine halbe Woche lang seine Frontseite mit den unvorteilhaftesten der Aufnahmen vom übergewichtigen Berner Oberländer. In Texten servierte die Redaktion Iseli im Juni 2009 ihrer Leserschaft als «fresssüchtigen Koloss» und als «Pfundskerl». «Über Iselis Online-Einkaufszettel», hiess es, «könnte stehen: Hauptsache fettig und ungesund. Süssigkeiten, Schokolade, Pizza, Kekse, Chips, literweise Cola, Pommes, Burger, Glace.» «Blick» erweckte den Anschein, Iseli, der erfolglos eine 50-prozentige IV-Rente beantragt hatte, arbeite nicht. Tatsächlich ist er berufstätig, muss sich aber nach wenigen Stunden Arbeit hinlegen und ausruhen. Der 38-Jährige verdaute die fetten Schlagzeilen schwer. «Es traf mich wie ein Schlag auf den Kopf», erzählt er. Iseli erhielt Drohungen. Familie und Freunde mussten sich rechtfertigen. In der Beiz wurde getuschelt. In Leserbriefen hiess es: «Ich würde mich schämen. Reto, friss nicht soviel!» Vorgestern fragte der «Blick» Reto an, wie es ihm gehe. (tok)

Die «SM»-Sekretärin:

«Hexenjagd! Pfui!»



«Darf sich eine Amtsperson so zeigen?», fragte der «Blick» am letzten Junitag dieses Jahres. Damit sich auch der Hinterste und Letzte eine Meinung bilden konnte, lieferte das Blatt drei Seiten mit Aufnahmen einer Blondine im Sado-Maso-Outfit. Mal mit Leder-Nieten-Band um den Hals im Käfig, mal gefesselt und mit verbundenen Augen, mal mit gestopftem Mund und angekettet. Geschossen hat die Bilder ein gewisser «Dr. Pain». Nun fragt sich der Presserat: Durfte der «Blick» diese Bilder zeigen? Die Chancen der Beschwerde sind laut Medienrechtlern bestens. Bei der Geouteten handelt es sich nicht um eine bedeutende Chefbeamtin, sondern um die Sozialamtssekretärin einer Minigemeinde im Zürcher Unterland. Laut ihrem Arbeitgeber hat die Angestellte Kundenkontakt, aber keine Entscheidungskompetenz. Der «Blick» behauptete, sie entscheide, wer wie viel Fürsorge bekomme. Und weiter: Eine fristlose Kündigung läge laut einem Arbeitsjuristen drin, «vor allem, wenn die Bilder an die Öffentlichkeit kommen». Was dank «Blick» geschah. Die Mehrheit der Leserschaft goutiert dies nicht. «Hexenjagd zur Belustigung der Spiesser. Pfui, ,Blick‘!», heisst es in einem Leserbrief. Und in einem anderen: «Die Dame ist ihren Job los. ,Blick‘, das war echt nicht nett!» Nun steht im Amtsblatt der Gemeinde: «Die Leiterin des Sozialwesens hat ihre Stelle per Ende Oktober gekündigt.» (tok)



> (Der Bund)

Erstellt: 14.10.2009, 01:17 Uhr

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