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1949: Stunde null für die Nato

Es ist unglaublich, wie sich die Welt in sechzig Jahren verändern kann. Wie Europa 1949 aussah, kann sich heute ausser der ältesten Generation niemand mehr vorstellen. Vier Jahre vorher hatten Grossbritannien, die USA und Russland in einem schrecklichen Krieg die nationalsozialistischen und faschistischen Regimes von Deutschland und Italien niedergerungen. Eiserner Vorhang teilt EuropaDeutschlands zerbombte Grossstädte waren weitgehend nur noch Trümmerhaufen, welche noch 1949 nicht vollständig weggeräumt waren. Doch auch die Sieger waren ausgeblutet und hätten sich ohne amerikanische Hilfe kaum erholt. Damals war unvorstellbar, dass aus diesen Trümmern der friedliche, wohlhabende Kontinent herauswachsen könnte, den wir heute als beinahe naturgegeben ansehen.Zur materiellen Misere gesellte sich die politische, der die Nato ihre Entstehung verdankt: die Spaltung Europas. Nach dem Sieg zerbrach die Koalition des demokratischen Westens mit dem kommunistischen Russland, Europa spaltete sich in einen Ost- und einen Westblock. Verantwortlich dafür war Sowjetrussland. Sein Despot Stalin erzwang bis 1948 brutal die Unterwerfung und Abspaltung von sechs Nachbarländern, der Westen konnte nur ohnmächtig zusehen. Unter dem Druck von Stalins Soldaten, die als Befreier einmarschiert waren und als Besetzer blieben, errichteten die einheimischen Kommunisten ihre Einparteidiktaturen. Quer durch Europa senkte sich ein – wie Churchill es nannte – «Eiserner Vorhang» nieder, hinter dem Polen, Ostdeutschland, die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien verschwanden. Westkontakte waren verboten, Flüchtlinge wurden auf dem kahlen Grenzstreifen, den man zu diesem Zweck von der Nordsee bis Griechenland über Hügel und Felder rodete, erschossen. Und im Westen gab es Parteien, welche den Kommunismus aus Überzeugung einführen wollten. In Frankreich und Italien wurden sie in freien Wahlen so stark, dass man fürchtete, sie könnten ihre Länder in den Sowjetblock führen. Die Angst vor den RussenWesteuropa hatte Angst vor der Roten Armee, die im Gegensatz zu den amerikanischen Truppen nicht demobilisiert wurde: Von ihren drei Millionen Mann stand eine Million in Osteuropa – einen Panzertagesmarsch vom Rhein entfernt. Westeuropa verlangte nach einer militärischen Garantie für seinen Wiederaufbau in Sicherheit. Und als die Amerikaner erkannten, dass ein Verlust Westeuropas an den Kommunismus auch für sie eine Katastrophe wäre, überwanden sie ihren historischen Widerwillen, sich auf Dauer in Übersee zu engagieren. 1949 schlossen sie das Bündnis mit zwölf westeuropäischen Staaten und versprachen, im Kriegsfall eine Million Soldaten zu schicken. Bis 1955 wurden auch noch Griechenland, die Türkei und sogar der besiegte Gegner Deutschland aufgenommen, wenigstens seine freie westliche Hälfte, die Bundesrepublik, wo die Besetzer zu Beschützern wurden. Der Nordatlantikpakt besiegelte eine Schicksalsgemeinschaft freier Demokratien, welche im Zweiten Weltkrieg zwischen Nordamerika und Europa gewachsen war. Sie hat sechzig Jahre gehalten, ist aber heute (siehe Haupttext) am Bröckeln.Jörg Thalmann, Brüssel>

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