Wenn der Blitz den «Güggel» trifft

Zwei Generationen lang wirkte die Familie Messer als Sigristen in der reformierten Kirche Gümligen. Mit dem Rücktritt von Brigitta und Roland Messer per Ende Oktober geht diese Ära nun zu Ende.

Er wusste schon vorher, dass er in die Fussstapfen der Eltern treten würde – sie nicht: Das scheidende Sigristen-Ehepaar Brigitta und Roland Messer. (Marcel Bieri)

Er wusste schon vorher, dass er in die Fussstapfen der Eltern treten würde – sie nicht: Das scheidende Sigristen-Ehepaar Brigitta und Roland Messer. (Marcel Bieri)

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Aus der reformierten Kirche Gümligen ertönt andächtige Musik als das Sigristen-Ehepaar Messer den «Bund»-Journalisten an diesem Samstagvormittag begrüsst: Der Organist probt im Kirchensaal für die sonntägliche Predigt. Das Gespräch findet deshalb in der Sakristei, einem kleinen, asketisch eingerichteten Nebenzimmer statt. «In diesem Raum sammelt sich der Pfarrer vor der Predigt. Während den Taufen spielen hier aber auch manchmal Kinder», sagt Brigitta Messer. Die 59-Jährige trägt um beide Handgelenke einen Verband. Sie sei erst kürzlich wegen einer Arthrose operiert worden, sagt sie. In Zukunft könne sie mit ihren Händen deshalb nicht mehr schwere Arbeiten verrichten. Das sei «mit ein Grund», weshalb sie und ihr Mann Roland das Amt des Sigristen nach 23 Jahren aufgäben. Mehr wolle sie dazu aber nicht sagen.

Sigristen seit 55 Jahren

Mit dem Rücktritt des Ehepaars Ende Monat endet eine Ära: Zwei Generationen lang arbeiteten die Messers in der reformierten Kirchgemeinde Gümligen nebenamtlich als Sigristen. Als Roland Messers Eltern 1954 das Amt antraten, war dieser erst sechs Jahre alt. Noch bevor seine Eltern nach 22 Jahren den Posten verliessen, habe er geahnt, dass er in ihre Fussstapfen treten werde, sagt Messer. Es habe sich nämlich partout niemand als Nachfolger zur Verfügung gestellt. «Weil ich den Eltern bereits als Kind in der Kirche aushalf, hat sich die Gemeinde schliesslich an mich und meine Frau gewandt.» – «Ich wusste im Vorfeld nichts davon», entgegnet Brigitta. Trotzdem habe sie die Arbeit gerne gemacht, betont sie.

Im Dienste der Kirchgänger

Als Sigrist oder Sigristin müsse man hauptsächlich für das Wohl der Kirchgänger sorgen, sagt Brigitta Messer. Dabei halte man sich zumeist im Hintergrund. «Wir reinigen beispielsweise die Kirche, schmücken sie bei Festen mit Blumen oder zünden vor den Gottesdiensten die Kerzen an.»

Gelegentlich seien auch weniger alltägliche Aufgaben auf dem Programm gestanden. «Vor einigen Jahren bat uns der Pfarrer für eine Taufe im Kirchengarten einen kleinen Sodbrunnen zu bauen», sagt Brigitta Messer. Ihr Mann habe daraufhin einfach ein Betonrohr im Boden versenkt. Daraus habe der Pfarrer während der Taufe dann Wasser schöpfen können.

Blitz «verjagte» Elektronik

Seit den 50er-Jahren habe sich das Amt des Sigristen kaum verändert, erklärt Ronald Messer. «Als ich klein war, mussten noch alle Kinder am Sonntagmorgen den Gottesdienst besuchen.» Natürlich hätten sich viele dabei gelangweilt, und so habe sein Vater «aufpassen» müssen, dass sie die Predigt nicht störten. Das sei ihm «zum Glück» erspart geblieben, weil der Kirchenbesuch nicht mehr obligatorisch sei. Es bringe ja nichts, die Leute zum Glauben zu zwingen – Messers selber bezeichnen sich im Übrigen nicht als speziell religiös.

Auch die Kirche hat sich im Laufe der Zeit zumindest äusserlich kaum verändert: Als man sie 1954 weihte, habe man die Turmuhr noch von Hand stellen müssen, so Messer. Seit einem Jahr übernehme diese Aufgabe ein Computer. Gewisse Teile der Uhr seien aber bereits seit je her elektrisch – was manchmal für Probleme sorge: So sei einmal während eines heftigen Gewitters ein Blitz in den «Güggel» auf der Turmspitze eingeschlagen. Damals hätten die Glocken mitten in der Nacht geläutet und es habe die gesamte Elektronik «verjagt».

Tempi passati: Nach seinem Rücktritt will sich der gelernte Schreiner wieder verstärkt seinem Bestattungsunternehmen widmen. Seine Frau tritt eine Stelle als Krankenpflegerin an. Inzwischen habe die reformierte Kirchgemeinde auch schon eine Nachfolgerin gefunden, sagt Roland Messer. Überraschend schnell sei das diesmal gegangen: «Es haben sich gleich mehrere Leute für das Amt gemeldet. Wahrscheinlich wegen der Wirtschaftskrise.» (Der Bund)

Erstellt: 13.10.2009, 09:51 Uhr

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