Stadt Bern

Kinder spielen Bundesrat

Seit drei Jahren engagiert sich die Kunstwerkstatt «Kidswest» im Tscharnergut für eine bessere soziale Integration von Kindern mit Migrationshintergrund. An Ideen fehlt es nicht – wie das Projekt «Kidswest-Bundesrat» zeigt.

Die sieben Bundesräte mit ihrer «Bundeskanzlerin» Sumudu zuvorderst. (Franziska Scheidegger)

Die sieben Bundesräte mit ihrer «Bundeskanzlerin» Sumudu zuvorderst. (Franziska Scheidegger)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Tscharnergut im Westen Berns feiert 2009 sein 50-jähriges Bestehen. «Kidswest», die Kunstwerkstatt für sozial benachteiligte Kinder in Bern West, wartet im Rahmen dieses Jubiläums mit einer Reihe von Projekten auf. Die 8 bis 15 Jahre alten Kinder stellen soziale und politische Themen in künstlerischer Form dar. Kunstschaffende aus der Region Bern begleiten sie dabei.

Die Bundesräte der Zukunft?

Das mit dem Künstlerduo «Haus am Gern» durchgeführte Projekt «Kidswest-Bundesrat» zeichnet sich durch besondere Originalität aus: Acht Kinder mit Migrationshintergrund haben das offizielle Bundesratsfoto 2009 nachgestellt. Zu diesem Zweck durften sie sich mit Erlaubnis der Bundeskanzlei im richtigen Bundeshausstudio fotografieren lassen. Auch ein eigenes Departement hat sich jedes der Kinder ausgedacht. Die 10-jährige Sasime Osmani aus Albanien zum Beispiel leitet das «Departement für Lesen, Schreiben und Reden»; die 12-jährige Sheila Perchiacca aus Italien steht dem «Kommunikationsdepartement» vor. «Die Zusammenarbeit mit den Künstlern hat uns grossen Spass gemacht», sagt sie und wirkt dabei sehr professionell in ihrer neuen Rolle.

Gigantisches Banner

Das Foto des Kidswest-Bundesrates hängt seit gestern als 9 mal 12 Meter grosses Banner hoch oben an einer Häuserfassade des Tscharnerguts. Gemäss Meris Schüpbach, Leiterin von Kidswest, wird es bis Ende 2009 dort bleiben und danach in einem Projekt mit jugendlichen Arbeitslosen zu «Freitag-Taschen» weiterverarbeitet. Die Unkosten für die Banneraktion übernimmt die Fondation Michèle Berset, welche sich für Projekte mit sozialem und kulturellem Inhalt einsetzt. Im Übrigen profitiert Kidswest dieses Jahr von einem einmaligen Förderbeitrag der Stadt Bern. Die finanzielle Zukunft der nächsten Jahre ist noch nicht gesichert.

«Rabenkampagne» als Anstoss

Doch wie kamen die Kinder überhaupt dazu, sich als Bundesrätinnen und Bundesräte zu verkleiden und sich so fotografieren zu lassen? Schüpbach erzählt, dass der Anstoss zum Projekt von den Jugendlichen selbst kam. Anfang Februar seien die Plakate der SVP-Abstimmungskampagne betreffend Ausweitung der Personenfreizügigkeit mit den schwarzen Raben als Sujet «durch das Tscharnergut geflattert». Die Kinder hätten sich dadurch angegriffen gefühlt, denn gerade der Rabe sei für sie ein «wichtiges Identifikationssymbol». Bereits seit drei Jahren hätten sie in der Kunstwerkstatt mit dem Raben als Leitmotiv verschiedene Aktionen unternommen, hätten beispielsweise Nester gebaut oder Zeichnungen von Raben gemacht, so Schüpbach. «Man meint, Raben seien dumm und böse, dabei sind sie eigentlich sehr schlau», sagt der 12-jährige Bimi Lajq aus Kosovo. Wie Schüpbach weiter ausführt, hätten es sich die Kinder mit ihrem Migrationshintergrund nicht gefallen lassen wollen, dass die Raben für eine Kampagne benutzt werden, die im Grunde gegen die Kinder gerichtet sei. «So ist die Idee entstanden, etwas Politisches zu machen», sagt sie. Der Kontakt von Rudolf Steiner (Haus am Gern) zu Michael Stahl, dem Fotografen des offiziellen Bundesratsfotos, habe alles Weitere in die Wege geleitet.

«Wirklichkeit produzieren»

Wie Barbara Meyer von «Haus am Gern» sagt, stärke das Projekt Identität und Eigenverantwortung der Kinder. Diese würden sich dadurch die Fragen stellen: «Wer sind wir, und wohin wollen wir?» Projekte wie dieses schafften die Möglichkeit, Türen aufzustossen und «neue Wirklichkeiten zu produzieren», betont Meyer. Es sei nun an den Kindern, die Initiative weiterzuziehen.

Für die 10-jährige «Bundeskanzlerin» Sumudu Taniya Ranasinghe aus Sri Lanka ist ein Traum bereits wahr geworden: Anlässlich des Fototermins im Bundesstudio sind die Kinder zu ihrer grossen Überraschung mit einer Limousine vor das Bundeshaus gefahren worden. «Das Fahren in einer Limousine war mein zweitgrösster Wunsch», sagt sie und fügt hinzu: «Mein grösster Wunsch ist es, meinen Bruder in Sri Lanka wiederzusehen.» (Der Bund)

Erstellt: 23.04.2009, 08:54 Uhr

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Der Poller Wow, die Trottinett-Offensive

Tingler Das Alter als Wahl

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...