Frivole Freuden im Vicusbad

In einer Therme ging es zu römischen Zeiten zu und her wie an einem Stammtisch – und wohl auch wie im Bordell. Der Tag des Denkmals widmet sich heuer dem Thema «Am Wasser» – zum Beispiel der römischen Badekultur auf der Berner Engehalbinsel.

Zu römischen Zeiten gings hier hoch her: Archäologe René Bacher im Römerbad auf der Engehalbinsel. (Adrian Moser)

Zu römischen Zeiten gings hier hoch her: Archäologe René Bacher im Römerbad auf der Engehalbinsel. (Adrian Moser)

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Der Archäologe René Bacher steht auf einer staubigen, alten Steinmauer und spult die Zeit 1800 Jahre zurück. Heute ist das Römische Bad auf der Engehalbinsel kein sonderlich spektakulärer Ort. Aber wie das so ist bei der Archäologie: Das Abenteuer findet im Kopf statt.

Zu römischer Zeit stand auf diesen Fundamenten mitten im Reichenbachwald ein rege genutztes Badegebäude, das innerhalb eines Vicus stand, einer römischen Stadt. «,Balnea, Vina, Venus‘ war das Motto – Baden, Wein und sexuelle Tätigkeiten, wobei fraglich ist, welcher Art diese Tätigkeiten waren», erzählt Bacher vom Archäologischen Dienst des Kantons Bern. Der Experte für die römische Zeit wird am Sonntag mit zwei anderen Kollegen Einblick in die Badekultur der Römer geben.

Im Bad sind alle gleich – fast alle

Und Bacher zeigt mit einem imaginären Rundgang durch die Therme vor, wie das Baderitual eines alten Römers ausgesehen hat. «Hier beim Portikus kam man rein, der sah in etwa aus wie eine Berner Laube.» Danach sei man in den Apodyterium getreten – den Umkleideraum. Wie in heutigen Schwimmbädern habe es dort Fächer gegeben, wo die Kleider deponiert werden konnten – und die vielleicht gar verschliessbar waren. Vom einfachen Geschäftsmann aufwärts hätten sich alle gesellschaftlichen Schichten getroffen. Der Badekultur frönten Frauen wie Männer – aber nie gemischt. Während in grossen Thermen getrennte Abteilungen bestanden, wird man sich in «Brenodurum», wie das römische Bern vermutlich hiess, wohl zeitlich aufgeteilt haben. Badesklaven sorgten für das Wohl der Gäste, massierten sie und unterhielten die Anlage. Manche Thermen seien kostenlos gewesen, für Privatbäder musste man einen Obolus entrichten, erzählt Bacher und tritt ins Frigidarium, den unbeheizten Baderaum.

Im Baderaum begann das Ritual mit einer Reinigung erst wirklich. Und nach den warmen Bädern kühlte man sich hier ab und diskutierte. «Das Bad war auch ein Treffpunkt, wo man geschäftete und politisierte – wie im Wallis nach der Kirche», sagt Bacher. Sein Dialekt verrät, warum er diesen Vergleich wählt. Fünf, sechs schriftliche Quellen sind erhalten, die Auskunft über die römischen Badesitten geben.

Der warme und der lauwarme Baderaum – Caldarium und Tepidarium – verfügten über eine Bodenheizung. Ein ausgeklügeltes System, das die Römer von den Griechen abkupferten – und bernische Archäologen nachgebaut haben. Der Rauch zog durch Hohlziegel in der Wand ab, was einen wirkungsvollen Heizeffekt hatte. «Mit der Heizung hatte man Fünfer, Weggli und noch die Grossmutter dazu», sagt Bacher: Wasser, Wanne und die Räume konnten gleichzeitig erwärmt werden. Zum Schluss kühlten sich unsere Wellness-verrückten Ahnen im Kaltwasserbecken ab, dem Pisciana.

Ausgegraben wurde das Bad 1937/38 vom Technischen Arbeitsdienst, der während Krise und Krieg Arbeitslose beschäftigte. Mit einem Dach wurden die Fundamente geschützt. In den 1990er-Jahren wurde das Bad renoviert und mit einem Gitter eingezäunt – das Gleiche wird auch auf dem Thorberg verwendet. Er soll Vandalen fernhalten, aber auch Esoteriker, die hier einen Kraftort vermuten: Sie könnten die Anlage beschädigen. (Der Bund)

Erstellt: 10.09.2009, 11:10 Uhr

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