«Es ist eine Titanenarbeit»

Wer sich für Könizer Geschichte interessiert, muss in den

Keller des Gemeindehauses steigen: Dort befindet sich die ortsgeschichtliche Sammlung. Seit Kurzem wird sie von Kunsthistorikerin Sibylle

Walther betreut.

Kein Tageslicht und eine Temperatur von knapp 20 Grad Celsius – was nicht gerade nach einem gemütlichen Arbeitsplatz klingt, ist für die historischen Dokumente, Karten und Bücher über Köniz gerade richtig. «Mehr Luftfeuchtigkeit würde dem Papier nur schaden, und auch die Metallregale sind ideal», sagt Sibylle Walther. Die Kunsthistorikerin betreut seit November die ortsgeschichtliche Sammlung Köniz (OGSK). «Ich bin noch in der Einarbeitungsphase und entdecke immer wieder neue Schätze», sagt Walther. Zum Vorschein gekommen sind zum Beispiel vier Skizzenbücher des Kinderbuchillustrators Ernst Kreidolf nebst Pinseln und Malwerkzeugen. Darin sind Zeichnungen vom Aarehang bei Muri, von Fährleuten, die Mattekähne über den Fluss steuern, Zeichnungen aus dem Oberland und von einem schlafenden Bären im Bärengraben. «Der Könizer Künstler Carl Loosli und seine Frau kümmerten sich um Kreidolfs Nachlass und haben uns die Bücher gebracht.» Alle Zeitungsartikel und BücherDie Sammlung besitzt ein Archiv der «Könizer Zeitung» und der «Wabernpost» sowie alle Zeitungsartikel, die seit 1966 über Köniz in den Berner Tageszeitungen erschienen sind. Dereinst soll jeder einzelne Artikel digital erfasst werden – «das ist eine Titanenarbeit», sagt Walther. «Wir beschaffen ausserdem jedes Heft und jedes Buch über Köniz, Könizer Künstler und Autoren.» Demnächst werde eine Arbeit über Orts- und Flurnamen erscheinen – ein Manuskript steht bereits im Regal. Genutzt werde der umfangreiche Fundus von Schülern und Studenten für Haus- oder Seminararbeiten, aber auch von Pensionären, die eine bald vergangene Epoche mit ihrem Wissen dokumentieren wollen und nun Zeit haben, das in Angriff zu nehmen.Neben den schriftlichen Archiven gibt es ein Foto-, Film- und Kartenarchiv. Luftbilder aus den 1950er-Jahren zeigen ein nahezu unbebautes, ländliches Liebefeld und ein dörfliches Zentrum. Quasi auch eine Art Luftbild ist das wertvollste und älteste Exponat: ein «Stadtplan» von 1728. Dieser ist erst kürzlich vom Restaurator zurückgekommen. «Es ist ein Wunder, dass die Karte überhaupt noch existiert», sagt Walther. Der Plan hatte über die Jahrhunderte Schaden genommen. Doch jetzt sind auf der leicht verblassten Leinwand wieder feinste Linien und Schraffuren zu sehen – sie stellen das Könizer Schloss und das Stettlergut dar. «Deutlich zu sehen ist darauf, dass Köniz zur Zeit des Ancien Régime eigentlich nur aus dem Schloss und einigen Gutshöfen ringsherum bestand.» Zum Könizer Archiv kommen regelmässig private Legate dazu. Zuletzt haben Frauen des Trachtenvereins der Sammlung die gesamten Unterlagen seit Bestehen des Vereins übergeben. Darunter sind handschriftliche Sitzungsprotokolle aus der Zeit vor dem Computer, Broschüren und Einladungen zu Anlässen. Grund für die Schenkung: Die Trachtengruppe hat sich wegen Mitgliederschwund aufgelöst. «Heute interessieren sich weniger Leute fürs Vereinsleben als früher», sagt Walther. Die Unterlagen seien wertvolle Zeitzeugen, weil sie interessante Aussagen über die damalige Gesellschaft erlauben. Das gefährdete PapierDie geschenkten Dokumente bedeuten aber auch Arbeit. «Die meisten Akten sind in für die Archivierung ungünstigem Material verpackt», erklärt Walther. Deshalb müssen diese umgepackt, von Klammern befreit und in speziellen Folien abgeheftet und in säurefreien Kartons archiviert werden. Nur so löst sich die Schrift nicht vom Papier, und die papierenen Zeitzeugen überdauern die nächsten Jahrzehnte ohne Schäden. «Das Ziel ist es, alle Dokumente im Archiv auf diese Weise zu konservieren und im elektronischen Archiv zu erfassen», sagt Walther und schiebt nach: «Aber so weit sind wir noch nicht.» Sie schätzt, dass diese Arbeit etwa ein halbes Jahr in Vollzeit benötigen würde. Walthers Pensum beträgt derzeit zwei Stunden pro Woche. Budget ist knappDas Budget für die Könizer Sammlung ist mit 6000 Franken (inklusive Lohnkosten) pro Jahr äussert knapp bemessen. Soll das auf lange Sicht geändert werden? «Ein höheres Budget ist derzeit nicht geplant», sagt Gemeinderat Ueli Studer (svp). Natürlich seien 6000 Franken wenig, «aber immerhin etwas», sagt Studer. Zuvor sei die Sammlung lange stiefmütterlich behandelt worden. Die Gemeinde finanziere Sibylle Walther eine Weiterbildung für Archivierungstechniken, zudem könnte schon heute für allfällige Restaurationen Geld beantragt werden. Bis Ende Jahr werde zudem ein Konzept für die OGSK erarbeitet. «Wenn dabei herauskommt, dass es mehr Stellenprozent braucht, müssen wir über die Bücher.» Die ortsgeschichtlichen Sammlung wurde 1982 offiziell gegründet. Sie war zuerst in der Mediothek Stapfen, dann im Haberhuus untergebracht. >

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