«Es isch düre»

Bolligen

Der Abschied fällt ihr schwer. Die Wahlniederlage habe sie aber unterdessen verdaut, sagt Margret Kiener Nellen. Nach acht Jahren hat die Bolliger Gemeindepräsidentin bald ihren «Letzten». Als Abschiedsgeschenk will sie den Bolligerinnen und Bolligern einen «Mini-Jet-d’eau» schenken.

Margret Kiener Nellen steht vor dem Abschied aus der Gemeindepolitik. (Bild Adrian Moser)

Margret Kiener Nellen steht vor dem Abschied aus der Gemeindepolitik. (Bild Adrian Moser)

Simon Wälti

Geräumt hat Margret Kiener Nellen (sp) ihr Büro in der Bolliger Gemeindeverwaltung noch nicht vollständig. «Ich arbeite bis am Schluss», sagt die 55-jährige Gemeindepräsidentin von Bolligen, «bis am 30. Dezember. Ich bin schnell im Räumen.» An Silvester wird dann das Büro geputzt.

Nach ihrer Wahlniederlage am 9. November – Kiener Nellen belegte hinter Rudolf Burger (bp) und Erich Sterchi (svp) nur den dritten Platz – habe sie viele positive und anerkennende Zuschriften erhalten. «Sicher mehr, als wenn ich wiedergewählt worden wäre.» Kiener Nellen hat die Reaktionen gesammelt. Viele zeigten sich enttäuscht über das Resultat, aber auch über den Entschluss der SP-Politikerin, auf den zweiten Wahlgang zu verzichten. Eine Teilnahme wäre nach dem Bolliger Wahlreglement möglich gewesen. «Viele schrieben, ich hätte zu einem zweiten Wahlgang antreten sollen.» Hätte sie sich denn Chancen ausgerechnet? «Es ist müssig, darüber zu diskutieren», sagt Kiener Nellen. «Es isch düre.» Rein rechnerisch sei aber klar, dass die bürgerlichen Kräfte mit SVP, FDP und Bolligen Parteilos viel stärker seien als die SP.

«Fast nicht nachvollziehbar»

Kiener Nellen tat sich schwer mit der Niederlage. Auch noch bei ihrer Abschiedsrede an der Gemeindeversammlung am 16. Dezember stockte sie mehrmals. Doch, sie habe den Entscheid des Stimmvolks unterdessen «gut verdaut», sagt sie dazu. Sie wolle nun noch die Zuschriften verdanken und beantworten. Der «Hauptharst» der Akten, die noch aufzuräumen sind, betrifft die in grossen Teilen gescheiterten Einzonungen. «Das meiste davon wird in den Schredder wandern», sagt Kiener Nellen. Der Rest, der noch relevant ist, kommt ins Archiv der Bauverwaltung. Den Entscheid der Gemeindeversammlung zur Ortsplanungsrevision von Ende August hat sie «rational akzeptiert», doch er erscheint ihr noch immer «fast nicht nachvollziehbar.» Es sei jammerschade für die Entwicklung der Gemeinde. «Das verdaue ich fast nicht.» Denn in der Region Bern mangle es seit langem an Wohnungen, insbesondere an günstigen. Viele junge Familien würden sich sehr gerne in Bolligen niederlassen, fänden aber keinen geeigneten Wohnraum.

Programm des Wechsels

Sonst sei aber eigentlich «alles gut herausgekommen» während ihrer Amtszeit. Über 60 Gemeindeversammlungsgeschäfte seien angenommen worden, hält sie fest. Ihre Hauptziele habe sie erreicht. «Wir konnten neue Angebote wie die Tagesschule einführen, die Unfallzahlen markant reduzieren, den Natur- und Landschaftsschutz verstärken – und das alles unter Verbesserung der Finanzlage.» Sie könne die Gemeinde in einem sehr guten Zustand an ihren Nachfolger Rudolf Burger übergeben. Von ihm erwartet sie nun, dass er «das Programm des Wechsels» präsentiert. «Ich lasse mich überraschen.»

Der Brunnen beim «Kultur Raum Reberhaus» in Bolligen sieht etwas karg aus, nun soll er aufgemöbelt werden. Margret Kiener Nellen will aus dem zahmen Springbrunnen einen «Jet d’eau» im Kleinformat nach Genfer Vorbild machen. Eine so gewaltige Fontäne wie in Genf liegt aber nicht drin. Nach acht Amtsjahren als Gemeindepräsidentin hat Kiener Nellen ein Abschiedsgeschenk in der Höhe von 1000 Franken zugute. Brunnenmeister Christian Aegerter hat Abklärungen getroffen. Er rechnet mit Kosten von etwa 3000 Franken. Kiener Nellen übernimmt die Differenz: «Es wird einen Springbrunnen mit einer Höhe von rund drei Metern und mit Seitendüsen geben.» Der Platz beim Reberhaus wurde 1998 umgestaltet. Damals wurde aus Kostengründen nur ein kleiner Springbrunnen eingerichtet.

Anwältin in der Diplomatenstadt

Genf war eine wichtige Station für Margret Kiener Nellen. Bereits mit 18 Jahren hat sie in Genf einen Kurs über die internationalen Organisationen besucht. Danach absolvierte sie in Genf die Dolmetscherschule, und auch ihr Anwaltspatent machte sie in der Diplomatenstadt. «Ich hätte mir auch vorstellen können, in Genf zu leben», sagt Kiener Nellen. Internationalität und Offenheit der Stadt hatten es der Juristin angetan. Für ihren Ehemann Alfred Nellen, er ist Maschineningenieur ETH, waren aber die beruflichen Chancen im Kanton Bern besser. Darum zog die junge Familie 1986 nach Habstetten, ins Heimatdorf von Margret Kiener Nellen.

Reise auf die Philippinen

Ab dem nächsten Jahr will sie sich stärker auf ihr Amt als Nationalrätin konzentrieren. Zudem habe sie als Finanzpolitikerin viele Anfragen für Vorträge im Zusammenhang mit der weltweiten Finanzkrise erhalten. Im nächsten Jahr plant sie zusammen mit ihrem Mann, den sie seit dem Untergymnasium kennt, und den beiden Söhnen Dominic (24) und Daniel (21)eine Reise auf die Philippinen und nach Vietnam. Zwischen 1981 und 1984 sei sie beruflich für die internationale Juristenkommission in Südostasien tätig gewesen. Ihr Mann baute in dieser Zeit als Maschineningenieur auf Mindanao (Philippinen) eine Kaffeefabrik auf. Die Reise hätte die Familie in jedem Fall unternommen – auch wenn Kiener Nellen, wie viele und auch sie selber erwartet hatten, am 9. 11. wiedergewählt worden wäre.

Der Bund

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