«Alles halb so dramatisch»

Das prächtige Sommerwetter hat die Einführung des Rauchverbots in Gastbetrieben erheblich erleichtert. Fast überall frönten Raucher gestern Mittwoch auf Terrassen der Tabaklust.

Mesut Nagas hält für seine rauchenden Gäste im «3 Eidgenossen» einen Notfall-Aschenbecher bereit. (Franziska Scheidegger)

Mesut Nagas hält für seine rauchenden Gäste im «3 Eidgenossen» einen Notfall-Aschenbecher bereit. (Franziska Scheidegger)

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Die Terrasse des Restaurant Des Pyrénées am Kornhausplatz ist dicht belegt. Kellner eilen von Tisch zu Tisch. Die Sonne scheint senkrecht. Es wird geplaudert, getrunken, gegessen und geraucht. Ein ganz normaler Mittwochmittag. Trotzdem ist nicht alles wie sonst. Denn: Seit gestern gilt in Berner Bars und Restaurants ein Rauchverbot. Nur in Fumoirs und draussen ist rauchen noch erlaubt.

Trotzdem ist es wohl hauptsächlich dem schönen Wetter zuzuschreiben, dass sich drinnen, in der Gaststube des «Pyris», nur drei Gäste aufhalten. Obwohl sie alle Raucher sind, trinken sie ihre Stangen wie gewohnt an der Bar. Zum Rauchen verziehen sie sich jeweils nach draussen. «Alles halb so dramatisch», findet Hannes, der nur mit Vornamen genannt sein möchte, und nimmt noch einen Schluck Bier. Er sei oft auf Reisen gewesen und habe im Ausland bereits Erfahrungen mit Rauchverboten gemacht. Man gewöhne sich daran – sagt er und ist gleichzeitig im Begriff, sich eine Zigarette anzuzünden. «Achtung!», ruft sein Kollege. Hannes fasst sich an den Kopf, schmunzelt und versorgt die Zigarette wieder im Päckchen.

Strandkörbe gegen die Kälte

Auch Martin Hofer, stellvertretender Geschäftsführer des Restaurants Diagonal an der Amthausgasse, hat gestern Ähnliches erlebt. So habe sich beispielsweise ein Gast aus Gewohnheit zum Kaffee eine Zigarette angezündet und ein anderer habe nach einem Aschenbecher gefragt. Aber abgesehen davon, sei es zu keinen Zwischenfällen gekommen. «Viele unserer Gäste arbeiten bei Bundesämtern und haben sich wegen des Rauchverbots in Verwaltungsgebäuden ans Nichtrauchen gewöhnt.»

Hofer schätzt sich aber glücklich, kann er seinen Gästen eine Terrasse bieten, denn ein Fumoir käme im «Diagonal» raumtechnisch nicht infrage. Wie es allerdings weitergeht, wenn die Sonne nicht mehr nach draussen lockt, das sei noch unklar. Er kann sich aber vorstellen, nordische Strandkörbe anzuschaffen, wo sich Raucher, in Wolldecken eingewickelt, darin verkriechen und der Kälte trotzen können.

Kein Geschmier an den Fenstern

Nachmittag vor der Bar Lirum Larum an der Kramgasse: Im Schatten der Lauben wird Kaffee getrunken und Zeitung gelesen. Ab und zu zündet sich jemand eine Zigarette an. Es ist ruhig. Das wird sich aber ändern. Dann nämlich, wenn die Leute von der Arbeit kommen und sich hier zum Apéro treffen. Beim Feierabendbier wird bekanntlich besonders gerne zum Glimmstängel gegriffen. Noch macht sich die stellvertretende Geschäftsführerin, Corinne Henchoz, keine Sorgen wegen der Durchsetzung des Rauchverbots. Draussen stehen zahlreiche Schemel für die Gäste bereit. «Solange es warm bleibt, sehe ich keine Probleme», sagt sie.

Für sich als Angestellte sieht Henchoz mehrere Vorteile, die das Rauchverbot mit sich bringt. Zum Beispiel kein Geschmier von Rauchablagerungen an den Fenstern mehr und «dass die Luft reiner ist, dass merke ich schon heute, am ersten Tag», sagt sie.

Gespräche unterbrechen

Nur minimale Sitzgelegenheiten kann hingegen die Cinebar beim Bollwerk ihren Gästen draussen bieten. Platz für ein Fumoir besteht nicht. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass um halb sechs bereits alle Tische besetzt sind. Drinnen sitzen nur drei Gäste. Eine davon ist Priscilla Dietschi. Sie findet es ungemütlich, dass sie hier ab jetzt auf das Rauchen verzichten muss. «Rauchen ist für mich ein Ritual», sagt sie. Wenn sie mit anderen gemeinsam etwas trinke gehe, gehöre das Rauchen einfach dazu. Ein Gespräch zu unterbrechen, weil sie ihre Zigarette draussen rauchen müsse, gehe nicht an. Letzte Station: die «3 Eidgenossen» an der Rathausgasse. Eine Bar, in der die Aschenbecher normalerweise überquellen. Doch auch hier hat es sich ausgequalmt – wenn auch nicht ganz. Im oberen Stock befindet sich nämlich ein Fumoir. Die anwesenden Angestellten wagen allerdings zu bezweifeln, dass sich die Gäste nun fortan dorthin begeben werden. Schliesslich sind die Tische vor der Bar und mit Sicht auf den Eingang bei den Stammgästen am beliebtesten. Am ersten rauchfreien Beizentag ist das Nichtrauchen aber auch hier kein Thema. Alle sitzen draussen und qualmen munter weiter. Und sollte am späteren Abend drinnen trotzdem jemand versehentlich zur Zigarette greifen, steht auf der Bar ein Notfall-Aschenbecher bereit. (Der Bund)

Erstellt: 02.07.2009, 07:57 Uhr

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