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«Tiefe Trauer über ihren Verlust»

Eine Ausstellung zu weiblicher Genitalverstümmelung gibt Einblick in ein Thema, das auch die Schweiz betrifft. Ein Gespräch mit der Gynäkologin Annette Kuhn über die betroffenen Frauen in der Schweiz.

«Bund»:Was versteht man unter der weiblichen Beschneidung?Annette kuhn: Eine weibliche Beschneidung ist die rituelle Entfernung der äusseren weiblichen Geschlechtsorgane. Je nachdem werden diese ganz oder teilweise entfernt. Bei manchen Frauen wird zudem die Vagina bis auf eine kleine Öffnung zusammengenäht – in Sudan etwa «idealerweise» auf die Grösse eines Hirsekorns.Was sind die Begründungen für die weibliche Beschneidung?Die Motive sind je nach Region unterschiedlich. Oftmals ist damit ein Initiationsritus verbunden, durch den ein Mädchen zur Frau wird. Auch kann die Beschneidung Voraussetzung für die Heirat sein. Da Frauen kein selbstständiges Auskommen haben, sind sie auf den Mann angewiesen. Dieser hat aber das Recht, eine unbeschnittene Frau zu verstossen. Manche halten zudem das weibliche Geschlechtsorgan für unrein oder man will die Sexualität der Frau kontrollieren.Laut Unicef sind in der Schweiz zwischen 6000 und 7000 Frauen betroffen oder gefährdet. Wie begegnen Sie als Ärztin diesen Frauen?Wichtig ist, dass das medizinische Personal hierzulande informiert ist. Auf betroffene Frauen sollten wir mit Taktgefühl zugehen und nicht erschrecken. Wenn ein Arzt Unsicherheit und Entsetzen zeigt, fühlt sich die Patientin zurückgestossen. Sie schämt sich oder fühlt sich als «primitiv» abgestempelt. Sprechen die Frauen offen mit Ihnen oder wird das Thema tabuisiert?In vielen Migrationsgruppen ist das Thema ein Tabu. Eine Untersuchung der Frauenklinik zeigt, dass nur 19 Prozent der Betroffenen je mit einem Arzt über ihre Beschneidung gesprochen haben. Es gibt aber auch Migrantinnen, die sich innerhalb ihrer Gemeinschaft gegen Beschneidungen einsetzen. Sie stammen aus demselben Kulturkreis wie die Betroffenen und können deshalb viel erreichen. In gewissen Ländern ist die weibliche Beschneidung normal. Ändert die Migration das Verhältnis der Frauen zu dieser Praktik?Tatsächlich werden beispielsweise in Sudan 90 Prozent der Frauen beschnitten. Durch die Migration wird den Frauen vermehrt bewusst, was ihnen angetan wurde. Sie fühlen eine tiefe Trauer über ihren Verlust, aber auch Wut und Unverständnis, dass die Mutter einen solchen Eingriff zugelassen hat. Welche Behandlungen führen Sie im Zusammenhang mit weiblicher Beschneidung durch?Nebst Beschwerden, wie Entzündungen oder Schmerzen beim Wasserlassen, bei der Menstruation sowie der Sexualität sind Schwangerschaften ein wichtiges Thema. In der Frauenklinik gebären jährlich zwischen 20 und 30 beschnittene Frauen ihre Kinder. Die Vagina muss vor oder während der Geburt geöffnet werden. Selten wollen Frauen nach der Geburt wieder verschlossen werden. Den Wunsch, sie «möglichst eng» zu machen, erfüllen wir nicht, sondern streben eine medizinisch vertretbare Versorgung der Geburtsverletzungen an. Welche psychischen Folgen kann die weibliche Beschneidung haben?Die Mädchen werde im Schnitt zwischen 6 und 10 Jahren ohne Anästhesie beschnitten. Die meisten erinnern sich an ihre Beschneidung und sind traumatisiert. Viele können Sexualität nie geniessen.Weshalb lassen Eltern ihre Töchter auch in der Schweiz, wo diese Praktik verboten ist, beschneiden?Traditionen verschwinden nicht einfach mit einem Länderwechsel. Eltern hegen oft den Gedanken: «Ich muss mein Kind ja verheiraten.» Viele Frauen wollen das Beste für ihr Kind. Auch besteht ein Zusammenhang mit dem Migrantenstatus. Familien, die mit einer Rückkehr in ihr Heimatland rechnen, beschneiden ihre Kinder häufiger. Vor allem jüngere Frauen brechen aber vermehrt mit der Tradition.Werden Beschneidungen auch in der Schweiz durchgeführt?Medizinische Fachkräfte in der Schweiz führen sicherlich keine Beschneidungen durch. Es gibt Gerüchte, dass es in bestimmten Migrantenkreisen Beschneiderinnen gibt. Ob das stimmt, weiss ich nicht. Manche Eltern reisen mit ihren Kindern für die Beschneidung zurück in ihr Heimatland.Wie können Sie als Ärztin Präventionsarbeit leisten?Prävention heisst Aufklärung. Beschneidungen sind gesundheitsschädigend. Dies versuche ich zu erklären. Doch nicht nur medizinische Aspekte sind wichtig. Bei der Beschneidung wird die Integrität eines Menschen verletzt. So erläutere ich den Frauen, dass die Praktik in der Schweiz strafbar ist und sie gegen Menschenrechte verstösst. Dabei geht es nicht um die Stigmatisierung der Frauen, sondern um den Schutz der Kinder. In den betroffenen Ländern braucht es eine Veränderung der Gesellschaft. Dazu muss aber die Armut bekämpft und die Bildung gefördert werden. Zeigt die Prävention Wirkung?Es gibt in letzter Zeit vermehrt junge Frauen, die sich vor der Ehe öffnen lassen wollen. Sie wünschen sich, «halbwegs normal» auszusehen. Andere wünschen sich ihre sexuellen Empfindungen zurück.Gibt es Möglichkeiten, diesen Frauen zu helfen?Es besteht die Möglichkeit Klitorisreste wiederzufinden und das äussere Genital zu rekonstruieren. Die Klitoris ist das empfindlichste Geschlechtsorgan. Findet man den Stumpf wieder, so sind manchmal stärkere sexuelle Empfindungen wieder möglich. In der Frauenklinik haben wir mit dieser Technik gute Erfahrungen gemacht.>

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