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Tat ohne Motiv

Das Kreisgericht Bern-Laupen hat gestern eine Bolivianerin wegen vorsätzlicher Tötung schuldig gesprochen. Warum aber die kokainsüchtige Frau 13 Mal mit einem Brotmesser auf ihre bewusstlos am Boden liegende Kollegin einstach, bleibt letztlich rätselhaft.

Die Fakten der gerichtsmedizinischen Untersuchung waren eindeutig. Und sie entlarvten die Aussagen der Angeklagten als wenig glaubwürdig. Die 22-jährige Bolivianerin, die vor zweieinhalb Jahren in einer Wohnung an der Looslistrasse in Bümpliz ihre 41-jährige Mitbewohnerin erstach, hat im Prozess angeführt, dass sie während eines handgreiflichen Streites zum Messer gegriffen habe – zur eigenen Verteidigung. Das Opfer war wehrlos«Von Notwehr kann nicht gesprochen werden», sagte gestern Gerichtspräsidentin Christine Schaer in ihrer Urteilsbegründung. Das Kreisgericht Bern-Laupen verurteilte die junge Frau gestern zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren wegen vorsätzlicher Tötung. Damit folgte das Gericht weitgehend dem Staatsanwalt, der zwölf Jahre forderte. Der Verteidiger plädierte auf Totschlag und eine Strafe von sieben Jahren. Die Befunde des Instituts für Rechtsmedizin (IRM) liessen keinen Interpretationsspielraum, so die Gerichtspräsidentin: Die Tat habe sich in einer «adynamischen Situation» abgespielt. Konkret: Als die Täterin zum Brotmesser griff, lag das Opfer bereits bewusstlos oder benommen am Boden. Dafür sprechen mehrere Erkenntnisse der Rechtsmediziner: Die 13 Stiche in der linken Brust verteilten sich über eine kleine Fläche – was dafür spreche, dass das Opfer reglos dalag. Zudem wies die 41-jährige Dominikanerin keine Abwehrverletzungen auf. Vor der Tat sei es wahrscheinlich zu einem handfesten Streit gekommen, so Schaer. Im Verlaufe der Auseinandersetzung habe die junge Frau zu einer Flasche gegriffen und ihrer Mitbewohnerin ein- oder zweimal auf den Kopf geschlagen – diese sei auf den Boden gefallen. Das IRM stellte drei Traumata fest, «die geeignet sind, eine Bewusstlosigkeit herbeizuführen», so Schaer. Die Täterin änderte ihre Aussagen immer wieder. Bei der ersten Einvernahme nach der Verhaftung in Mailand im Januar 2007 habe sie erklärt, dass es zu keinem Streit gekommen sei, zitierte die Gerichtspräsidentin aus den Akten. In den weiteren Vernehmungen sei eine «Steigerung» zu erkennen: Die Täterin habe das Verhalten des Opfers als immer bedrohlicher dargestellt. In der Hauptverhandlung gab die junge Frau an, ihre Mitbewohnerin sei wie eine Wahnsinnige auf sie losgegangen und habe sie töten wollen. Dies schloss die Gerichtspräsidentin darauf zurück, dass die junge, noch unreife Frau versuche, sich die eigene Tat zu erklären. «Zurzeit verdrängt sie, was sie getan hat.»Das Gericht kam laut Schaer zwar zum Schluss, dass die Bolivianerin heftig erregt gewesen sei. Die Gemütsbewegung, die zum Affekt geführt habe, habe die Täterin mit ihrem Flaschenangriff aber selber verursacht – daher sei diese nicht entschuldbar. Die Anklage lautete aber auch nicht auf Mord, da die Tat nicht geplant wurde. «Etwas, was wir nicht wissen»Warum die junge Bolivianerin mit grosser Heftigkeit auf ihre wehrlose Mitbewohnerin einstach, bleibt auch nach der Hauptverhandlung letztlich rätselhaft. In der verhängnisvollen Julinacht fand zuerst eine laute, alkoholgetränkte Feier in der Wohnung statt. Je später der Abend, desto vergifteter wurde offenbar das Klima zwischen den zwei Frauen. Die beiden tranken reichlich Alkohol. Die damals drogensüchtige Bolivianerin konsumierte zudem nach eigenen Angaben 4 Gramm Kokain und das Schlafmittel Rohypnol. Das Opfer habe sie beleidigt und ihr gedroht, sie aus der Wohnung zu werfen, gab die Angeklagte an, die illegal in der Schweiz weilte und sich mit Schwarzarbeit über Wasser hielt. Der Streit kulminierte darin, dass das Opfer Tarotkarten legen wollte, was die Täterin zu verhindern suchte, da sie sich vor Karten fürchte, wie sie vor Gericht angab. Ihre Mitbewohnerin habe es dennoch getan und eine Karte gezogen: die Todeskarte. Die Beweggründe, warum die nicht vorbestrafte Frau derart brutal reagierte, bleibe aber unklar, so Schaer. «Möglicherweise steckt dahinter etwas, von dem wir nichts wissen.»>

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