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Spiel mir das Lied der Bürokratie

Die Musikindustrie steckt in der Krise. Auch das Berner Label Voodoo Rhythm steht vor dem Aus. Schuld ist für einmal nicht das Internet. Sondern eine dicke Rechnung der Urheberrechtsgesellschaft Suisa. Nun naht Rettung durch die Fans des Labels.

Gerade eben hat Beat Zeller wieder eine Mail erhalten, diesmal aus Asien. Der Inhalt ist wie immer: Man habe gehört von den Problemen mit der Urheberrechtsfirma und sei schockiert, es müsse weitergehen, unbedingt, Voodoo Rhythm dürfe nicht sterben. Viele Ausrufezeichen, aber keine Spende, diesmal. Hundertfünfzig dieser Mails erhält Beat Zeller, der Gründer und Chef von Voodoo Rhythm, derzeit pro Tag. Von überall auf der Welt. Hinzu kommen etwa 30 Überweisungen, Beträge zwischen zwei und siebenhundert Franken. «Sogar Leute, die kein Geld haben, spenden», sagt Zeller. «Alle wollen helfen, Voodoo Rhythm zu retten.»

Von und für Aussenseiter

Seit er 1992 Voodoo Rhythm gegründet hat, veröffentlicht Zeller Musik von Aussenseitern für Aussenseiter. Punk, Garage, Trash, Primitive Rock'n'Roll, Raw Gospel und Ähnliches – eine Nischenstrategie. Im Durchschnitt verkauft sich ein Album von Voodoo Rhythm in der Schweiz etwa 150 Mal. Jede Schülerband ist erfolgreicher. Aber Zeller genügt das. Denn: Er agiert weltweit und verfügt inzwischen über eine Fangemeinde, die kauft, was immer im Katalog erscheint. So kann Zeller von seinen Auftritten als Reverend Beat-Man und den Einkünften seines Labels leben. «Schlecht zwar», sagt er, «aber das ist hier nicht das Problem».

Nicht überall, wo heutzutage ein Musikverlag ums Überleben kämpft, ist das Internet schuld. Das Lied von illegalen Downloads und wegbrechenden Plattenverkäufen kennt Zeller zwar auch, aber er singt ein anderes. Jenes von der Bürokratie, die plötzlich dort eindringt, wo Menschen sich gewohnt sind, Dinge unbürokratisch zu erledigen. Wie hier, in diesem winzigen Zimmer an der Wankdorffeldstrasse, wo Beat Zeller die Geschicke seines Labels leitet. Wo Verträge unnötig sind, weil Abmachungen eingehalten werden. Wo niemand übers Ohr gehauen wird, weil ohnehin kein Geld zu holen ist. «Ich habe keine Geschäftspartner, ich habe nur Freunde», sagt Zeller. Seit 1992 ging das so, und es ging gut. Bis vor drei Wochen. Da kam die Bürokratie.

42500 Franken in 30 Tagen

Erstmals stellte die Schweizer Urheberrechtsgesellschaft Suisa Beat Zeller Ende Januar eine Rechnung. Die Forderung: 42500 Franken, zahlbar innert 30 Tagen. Der Betrag beruhte auf einer Schätzung der Suisa, er dürfte noch nach unten korrigiert werden. Zeller zuckt mit den Schultern. «Wenn man kein Geld hat, spielt es keine Rolle, ob man zwanzigtausend oder zweiundvierzigtausend Franken schuldet.» Wenn er zahlen müsse, könne er seinen Laden dichtmachen. «Selbstverständlich muss Herr Zeller zahlen», sagt Martin Wüthrich, Pressesprecher der Suisa.

Die Suisa vertritt in der Schweiz die urheberrechtlichen Interessen von Komponisten und Verlegern. Wer eine Mitgliedschaft bei der Suisa beantragt, erteilt ihr ein Mandat zur Durchsetzung der persönlichen Urheberrechtsansprüche. Wenn dann ein geschütztes Lied auf CD gepresst wird, treibt die Suisa Entschädigungen ein und schüttet diese an die Rechteinhaber aus. Die Rechnung geht an die Plattenfirma. So im Januar auch an Voodoo Rhythm – obwohl sich in den vergangenen 17 Jahren nie ein Musiker über das Ausbleiben der Gelder beschwert hat.

Dass die Suisa nun im Namen der Komponisten Summen einfordert, die für Voodoo Rhythm den Konkurs bedeuten, löst bei den Künstlern blankes Entsetzen aus. «Lieber kein Geld als kein Label», heisst es auf Homepages, in Blogs und Online-Foren.

Situation ist selbst verschuldet

«Bei aller Sympathie: Wir müssen Voodoo Rhythm gleich behandeln wie die anderen Schweizer Labels», sagt Wüthrich. Die Suisa sei per Gesetz zur Einholung der Entschädigungen verpflichtet. «Meines Wissens hat kein Voodoo-Rhythm-Musiker der Suisa dieses Mandat entzogen.» Ausserdem habe die Suisa Zeller schon letztes Jahr mehrfach aufgefordert, seine Tonträgerproduktionen zu deklarieren. Voodoo Rhythm sei seit 1996 bei der Suisa gemeldet und kenne die Spielregeln. Beat Zeller habe sich die Situation selbst zuzuschreiben.

«Voodoo Rhythm ist schon eine seriöse Firma», sagt Zeller. «Wir zahlen auch Steuern. Und wenn Geld reinkommt oder rausgeht, dann schreiben wir das auf.» Aber andersherum sei er eben auch ein Punk. Und die Musiker, das seien eben auch Punks. Die interessierten sich nicht für Urheberrechte, die wollten einfach ein gutes Album rausbringen. Und er, Zeller, wolle halt auch einfach gute Alben rausbringen. «Aber ja, schon klar, ich hätte mich früher um die Suisa kümmern müssen.»

Konzerte rund um den Globus

Zeller versucht jetzt, das Versäumte nachzuholen. Nächste Woche trifft er sich mit der Suisa. Um den Konkurs abzuwenden und um eine Lösung für die fernere Zukunft zu erarbeiten. Unterstützt wird Zeller dabei nicht nur von seinen Musikern. In Städten wie Los Angeles, New York, Frankfurt, Nantes und Bern richten Fans dieser Tage Benefiz-Konzerte zugunsten von Voodoo Rhythm aus. Andere bestellen Unmengen von Fanartikeln. Wieder andere nehmen direkt mit Zeller Kontakt auf, um ihrem Lieblingslabel zu helfen. «Es ist überwältigend», sagt Zeller. Dann steht er auf. Er müsse, sagt er. «Arbeiten.» In der Zwischenzeit dürften auch wieder einige Mails eingegangen sein. Wahrscheinlich sind auch Spenden dabei. So läuft das ab unter Menschen, die sich gewohnt sind, Dinge unbürokratisch zu erledigen.

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