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Neue Worte mit Fingern und Fäusten

Berndeutsch gibt es nicht nur in der gesprochenen Sprache. Auch die Gebärdensprache kennt Dialekte. Ein Besuch

Fünf Personen sitzen in Zürich Oerlikon in einem Büro des Schweizerischen Gehörlosenbundes vor den Bildschirmen ihrer Computer. Sie tippen und gebärden zwischendurch. Die Hände fliegen: Es wird diskutiert, gefragt und gescherzt. «Wir unterscheiden fünf Dialekte in der Deutschschweizer Gebärdensprache: Den St.Galler, den Zürcher, den Basler, den Luzerner und den Berner», erklärt die Gebärdensprachlinguistikerin Penny Boyes Braem. Ein Beispiel? Geöffnete Hände gebärden ein Dreieck. Diese Geste bedeutet Brot im Berner Gebärdendialekt. In Luzern indessen wird ein Brot ganz anders dargestellt. Dort gebärden Fäuste einen Kreis in der Horizontalen (siehe Bild). Ein Zusammenhang mit der Lautsprache bestehe nicht. «Die unterschiedlichen Gebärden für ,Brot‘ hängen eher von der Form des jeweils typischen Brotes der Region ab», erläutert Boyes Braem. Ursprung an den SchulenVon 1996 bis 2001 leitete Boyes Braem ein Nationalfondsprojekt. Dabei wurde eine lexikalische Datenbank für die deutschschweizerische Gebärdensprache mit rund 3000 Gebärden erstellt. Darin aufgezeichnet wurden auch die Unterschiede der Dialekte, beispielsweise für die Wörter «Arzt», «elf» oder «Mutter». Insgesamt unterscheidet sich der Berner Gebärdendialekt in rund 650 der registrierten Gebärden von einem der anderen. Der Ursprung der verschiedenen Dialekte geht auf die Gehörlosenschulen zurück. Zwar wurde die Gebärdensprache Ende des 19. Jahrhunderts als «Affensprache» an den Schulen in ganz Europa verboten und noch heute bildet sie für viele Gehörlose keinen grossen Bestandteil des Unterrichts, doch würden die Kinder an diesen Schulen sozialisiert, sagt Boyes Braem. «Sie lernen die Gebärdensprache in den Pausen oder in den Internaten der Gehörlosenschule voneinander», erklärt sie. Durch das begrenzte Umfeld, in dem sich die Kinder bewegten, entstünden die Dialekte. Verstehen könnten sich Gehörlose aus den verschiedenen Regionen dennoch. «Zudem vermischen sich die Dialekte später häufig durch den Umzug in eine andere Region oder durch neue soziale Kontakte», sagt Katja Tissi, gehörlose Mitarbeiterin von Boyes Braem.Nicht statisch sondern dynamischWie die Worte in der Lautsprache so verändern sich auch die Gebärden fortlaufend. Einige sind «in», andere hingegen kommen aus der Mode und verlieren ihre Bedeutung. In den Anfängen der Telefonie etwa basierte die Gebärde für das Telefonieren auf dem Drehen der Wählscheibe. Später, als sich die Technologie weiterentwickelte, gebärdete man den Telefonhörer mit Ohr- und Sprechmuschel. Als das Natel aufkam, wurden dessen Handlichkeit und die Antenne dargestellt. Die heutige Gebärde gleicht dem Verfassen einer Kurzmitteilung und zeigt damit die von den Gehörlosen am meisten genutzte Funktion des Handys. Die Gebärden müssen sich nicht nur technologischen Entwicklungen anpassen. Auch treten immer neue Persönlichkeiten in Erscheinung. Soll jemand «getauft» werden, so wird er zuerst beobachtet. «Meist erinnert die Namengebärde dann an eine äusserliche oder charakterliche Besonderheit der Person», sagt Tissi. So imitiert die Gebärde für Pascal Couchepin dessen Nase. Für Hans Rudolf Merz existieren gar zwei Gesten. Die eine zeigt seine kleine Grösse an, die andere zeichnet seine markanten Augenbrauen nach. «Pensionskasse» wohl bekanntIm Forschungsbüro ziehen sich die Mitarbeiter von Boyes Braem zum Videodreh ins Studio zurück. Für das aktuelle Forschungsprojekt, ein von der Fachhochschule für Heilpädagogik Zürich durchgeführtes Nationalfondsprojekt, sammeln sie während zweier Jahre rund 750 Fachbegriffe zu den Themen Wirtschaft und Ernährung. Gibt es für einen Begriff, etwa für «Steuerparadies», noch keine Gebärde, so entwickeln die gehörlosen Experten eine neue. «Für die Ausbildung der Gehörlosen und um über aktuelle Themen debattieren zu können, sind solche Gebärden wichtig», sagt Boyes Braem. Die Gebärden werden von ihrem Team gefilmt und ins Internet gestellt, damit die Gehörlosengemeinde ihr Feedback abgeben kann. Während Rückmeldungen für die Gebärde «Pensionskasse» zeigen, dass diese bereits bekannt ist, scheint der Begriff «Steuerharmonisierung» neu zu sein. Dialekte verlieren an Bedeutung2004 trat in der Schweiz das Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft, auf dessen Basis einige Fernsehsendungen, wie die Tagesschau, in die Gebärdensprache übersetzt werden. Fachgebärden finden dort rege Verwendung und haben standardisierende Wirkung. «Durch das Fernsehen und den verstärkten Gebrauch des Internets werden Gebärden in einem weiteren Umfeld verbreitet», erklärt Boyes Braem. Und: «Es könnte sein, dass so die Dialekte an Bedeutung verlieren.» Katja Tissi pflichtet ihr bei und führt einen weiteren Grund an. Gehörlose Kinder würden heute immer früher in die reguläre Schule integriert, wodurch an den Gehörlosenschulen vor allem Migranten oder Kinder mit einer Mehrfachbehinderung betreut würden. Dialekte entwickelten sich dadurch weniger. Stattdessen entstünden vermehrt Generationsgebärden, stellt Tissi fest. «Die Jungen gebärden heute anders als die älteren Gehörlosen», sagt sie. Dass die Gebärdensprache, wie von manchen befürchtet, ganz verschwinden könnte, glaubt Boyes Braem nicht. Wo es Gehörlose gebe, dort werde es immer auch Gebärden geben, zeigt sich die Gebärdensprachlinguistikerin überzeugt. Und schliesslich sei jede Sprache, die man beherrsche, auch die Gebärdensprache, ein Vorteil.>

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