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Frau Brönnimann guckt Tiivii

Dienstag, 18. November. Was für ein Erwachen, liebes Tagebuch! Ich bin in einem Aquarium, dachte es mir, noch im Halbschlaf, oder wie man diesen Übergang sonst nennen will, etwas verschroben, was für ein Erwachen also, sagte ich, dachte es mir, nachdem mir als Erstes diese Stille aufgefallen war, dazu diese majestätische Langsamkeit eines schweren Kaleidoskops schummrig schillernder Farben. Durch diese Häufung von Adjektiven erschreckt, schlug ich die Augen auf und sah mich, ohne den Kopf bewegen zu müssen, in einem Zimmer, das mir rundum vertraut war, obwohl ich mit Bestimmtheit wusste, dass ich es noch nie zuvor betreten hatte. War es wirklich erst gestern Abend, dass ich noch in der Seniorenresidenz lebte respektive überhaupt und wir über die Frau Regierungsstatthalterin Mader diskutierten, die bekanntlich bei der SDA angerufen hatte zwecks «Korrektur» einer aktuellen Meldung, die ihr «nicht hilfreich» oder «nicht zielführend» (weitere zweckdienliche Zynismen bei der Bush- Administration, aber Beeilung!) vorkam? Das Resultat war bekanntlich, dass die Intervention als solche, so berechtigt sie in Frau Maders Augen gewesen sein mag, zum öffentlichen Thema wurde, welches die Sache, um die es ursprünglich gegangen war, völlig in den Hintergrund drängte und dafür Frau Mader als gäbige Zielscheibe erscheinen liess, «nordkoreanische Zustände!», und da vertrat also unser Heimleiter Bodo von Schibb die Meinung, so etwas wie zensurieren würde er nie, nie machen, aber ich bin wieder abgeschweift, Liebes, schliesslich ist Ende der Diskussion und bin ich jetzt in meiner neuen Heimat, der Exsenioren-Residenz.Freitag, 28. November. Man lebt sich sofort ein, wenn man erst einmal tot ist, Liebes, und der verstorbene Mensch soll auch nicht jammern und mit seinem Schicksal hadern, nur weil keine anständige Grebt ausgerichtet wurde seinetwegen oder so, sondern wir müssen auch einmal das Positive anerkennen wie zum Beispiel, dass unsere Überreste von der Dignitas immerhin am Ufer der Goldküste in den Zürisee geschüttet werden und nicht drüben in Pfäffikon neben dem Seedamm-Center, item, was mich natürlich sofort fasziniert hat hier oben, ist das ÖRF-Tiivii, eigentlich dasselbe wie die Live-Cams, aber derart himmlisch perfekt und lückenlos bis in die verborgensten irdischen Winkel, dass die Kontrollpersönlichkeiten unten in ihren Chefetagen glatt aus dem Leben scheiden würden, wenn sie wüssten, dass es hier oben so tolle Überwachungssysteme gibt, äh, Liebes, also das ÖRF-Tiivii. Da begann ich natürlich sofort zu switchen, und ich sah Zengermax unterwegs auf dem Hinflug zu uns und war erleichtert, natürlich nicht wegen seines Abgangs, sondern weil ich zuerst gefürchtet hatte, er müsse eventuell ins Soussol, und ich sah Giannina, die früher bei uns im Service war, wie sie in ihrem abruzzischen Heimatdorf einen Brief aufreisst und mit meiner Todesanzeige flennend zu ihrer Nonna rennt, die nun noch herzzerreissender loszuheulen beginnt, obwohl sie mich doch überhaupt nicht kennt, und ich sah Diobe, unseren kamerunischen Küchenchef, den ich vorher noch nie weinen gesehen hatte, an meinem leeren Bett in der Seniorenresidenz eine weisse Rose aufs frisch bezogene Duvet legen, und ... entschuldige, Liebes, ich sehe selber nichts mehr durch meine Tränen hindurch. Hallo! Gibts hier oben eigentlich keine Papiernastücher? Saftladen das.Frau Brönnimann>

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