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«Die Postkarte wird überleben»

«Bereits als Kind kaufte ich mir auf Reisen Postkarten, da ich mir lange keinen Fotoapparat leisten konnte. Ich bin ein Sammlertyp und hebe mir auch Bücher und Zeitungsartikel auf. Seit Mitte der Neunzigerjahre publiziere ich im «Anzeiger» alte Ansichtskarten aus der Stadt und der Region Bern. Zu Beginn der Publikation hatte ich erst eine kleine Sammlung und ging in der Folge von Brocante zu Brocante. Von den Berner Wahrzeichen gibt es unzählige Karten. Die Suche nach Bildern aus den Quartieren hingegen gestaltet sich viel schwieriger. Meine Trouvaillen stammen grösstenteils aus Familien-Nachlässen. Postkarten wirft man normalerweise nicht einfach weg, manche Leute hängen sie sogar an die Wand. SMS hingegen werden meist unmittelbar nach der Lektüre wieder gelöscht.»«Die Kioskverkäuferinnen sagen, der Verkauf von Postkarten sei stark rückläufig. Ich bin aber überzeugt, dass die Postkarte als Medium überleben wird. Klar, an den Sammlerbörsen trifft man meist Leute mittleren Alters. Aber auf die im «Anzeiger» publizierten Bilder erhalte ich oft auch Reaktionen von jungen Leuten. Viele können es zum Beispiel kaum glauben, dass es auf dem Bubenbergplatz einst das «Blasermätteli» gab, das als Tram-Rangierbahnhof diente. Wenn jemand bei mir ein Bild bestellt, erhält er einen Abzug, für den ich die Spesen in Rechnung stelle. Die Originale gebe ich in der Regel nicht aus der Hand. Im Restaurant Relais im Casino, der einstigen Bierquelle, hängen an der Wand Abzüge aus meiner Sammlung. Sie zeigen unter anderem den Gerberngraben, der sich bis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auf dem Gebiet des heutigen Casinoplatzes auftat. »«Wie viele Karten ich zurzeit besitze, kann ich nicht genau sagen. Es werden um die 5000 Stück sein. Jeden Neuzugang katalogisiere ich von Hand und ordne ihn nach dem Datum des Eingangs in Holzkistchen ein. Wenn jemand ein bestimmtes Bild will, gehe ich nach dem Prinzip «Maulwurf» vor. Meist weiss ich sehr genau, ob ich eine Ansicht habe oder nicht. Bis ich sie dann auch finde, dauert es aber einen Moment. Man hat mir schon oft gesagt, ich solle meine Sammlung digitalisieren lassen. Aber das ist sehr aufwendig, weil man die meisten Karten unter mehreren Suchbegriffen registrieren müsste. Die zeitliche Einordnung ist zudem auch nicht einfach: Postkarten sind ja meist über Jahre im Umlauf, sodass der Poststempel nicht dem Produktionsjahr entspricht. Da ich im Bundesamt für Verkehr für die Konzessionierung von Bahnen zuständig war, kenne ich das Schienennetz und das Datum der Elektrifizierung. So kann ich anhand von Fahrleitungen und Strommasten auf den Bildern den Zeitpunkt der Aufnahme näher bestimmen.»Gespräch: Bernhard Ott>

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