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Eine tanzende Schildkröte

Man nennt ihn «Schwäbi», «Gespenst» oder «Flügelimaa». Wer Konzerte besucht, kennt ihn – den kauzigen Herrn mit dem eigenwilligen, zeitlupe-ähnlichen Tanzstil. Inzwischen ist er zur Kultfigur geworden, ein Rätsel bleibt er. Und das ist «M.» recht so.

Es ist ein Leichtes, sich über ihn lustig zu machen. Wie er da tanzt, in seiner Welt verloren, abwesend, schwebend fast, ganz langsam, wie in Zeitlupe, inmitten hastig zuckender Partygänger, die zwei Jahrzehnte jünger sind. Wie er aussieht: eine grosse Brille, wie man sie trug, als Leon Huber noch die Tagesschau moderierte. Seine viel zu langen T-Shirts, im Sommer weisse, im Winter schwarze. Wahrlich: Er ist ein Kauz, dieser Herr, den alle kennen, die in Bern hin und wieder ein Konzert besuchen. Der Mann, der auch tanzt, wenn alle nur zuhören, ist im Berner Kulturleben omnipräsent. «Der wieder», raunen sich die Leute zu, wenn sie ihn sehen. Bereits 1740 Fans auf FacebookAuf dem Internet-Netzwerk Facebook hat sich inzwischen sogar eine Fan-Gruppe formiert – mit derzeit sagenhaften 1740 Mitgliedern. Mehr als in der Fangruppe von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey. In der Facebook-Gruppe werden unter anderem Namen zusammengetragen, wie man den kurligen Typen nennen könnte: «Jazz Gespenst», «Flügelimaa» oder «Prof. Bienlein Lenin». Durchgesetzt hat sich «Schwäbi» – so nennt sich auch die Fan-Gruppe. Die Mitglieder laden Fotos hoch, auf denen man den Schwebetänzer sieht. Verwackelte Videoclips zeigen seinen eigentümlichen Tanz. Sichtungen werden notiert. Vorschläge für Fan-Artikel gemacht: ein T-Shirt etwa – freilich in Grösse XXXL. Wer ist er also, dieser Mensch, um den ein eigentlicher Kult ausgebrochen ist? An einem Anlass angesprochen, wirkt er geschmeichelt, dass sich ein Journalist interessiert. «M.» sei sein Name. Man vereinbart, zu telefonieren. Beim Anruf gibt er sich dann etwas zurückhaltender. Ein klassisches Interview möchte er dann doch nicht. Es sei ihm lieber, wenn er von den Partygängern direkt angesprochen werde. «Man darf mich ruhig fragen, wenn man etwas wissen will», sagt er. Man merkt: «M.» scheint die Legende, die um ihn herum aufgebaut wird, nicht zerstören zu wollen. Aber er fürchtet sich auch etwas: Kürzlich sei er auf dem Nachhauseweg tätlich angegriffen worden. Daher möchte er nicht, dass sein Name in der Zeitung steht. Es ist bekanntlich eine Konstante seit Menschengedenken: Nicht alle können damit umgehen, dass sich einige nicht nach der Norm verhalten. Wenn es Worte braucht, um ihn zu beschreiben, dann möchte er lieber, dass es die seinigen sind. Daher erlaubt er, dass der Autor Zitate aus dem Beitrag verwenden darf, den er kürzlich beim Essay-Wettbewerb des «Kleinen Bund» einreichte. Thema war: «Das Tier in mir». In die Ränge kam M.s Beitrag nicht. Der TotstellreflexEs ist eine fragmentarische Aneinanderreihung von Selbstbeschreibungen und Erlebnissen. Und bei der Lektüre verhält es sich ähnlich, wie wenn man mit M. selbst spricht: Gänzlich folgen kann man ihm nicht. Doch finden sich auf den zwanzig von Hand und konsequent in kleinen Buchstaben geschriebenen Seiten immer wieder Sätze von fast schon poetischer Verschrobenheit. Etwa der ersten Satz des Essays: «was mich an tieren schon immer fasziniert hat, ist der totstellreflex.» Der Totstellreflex taucht im Text immer wieder auf. Da heisst es etwa: «als ich das erste mal z’rechtem verknallt war, stellte ich mich tot.» «Tan-Zen» heisst sein TanzUnd im Text schreibt M. auch von den Gesprächen, die er mit Konzertbesuchern führt. «Wie heisst dein Tanz?», werde er regelmässig gefragt. «Tan-Zen», antworte er jeweils darauf.«wie machst du das?du darfst nichts machen, sonst geht es nicht. wie geht das?nicht wissen wie, ist das geheimnis. und dann schliesslich werde ich hundert mal pro jahr gefragt: was arbeitest du? wenn ich nachtwandle, schlafen die gehirnregionen, die dir die antwort geben könnten.»Auf der Facebook-Seite wird ebenfalls gemutmasst, welcher Tätigkeit «M.» in seinem bürgerlichen Leben nachgehen könnte. Vorschläge sind: Yoga-Meister, Musiklehrer, Drogenfahnder oder Astrophysiker. Auch wird gemutmasst, welchen Drogen «Schwäbi» wohl fröne. «Meine Droge besteht darin, dass ich keine Drogen nehme», antworte er darauf, schreibt M. «Ich habe ihn im letzten Sommer am Gurtengassfest zum ersten Mal gesehen – da ist er mir ziemlich quer reingekommen», erzählt Bea Frei. Darauf habe sie ein Foto von M. gemacht – da die Reaktionen gewaltig gewesen seien, habe sie eine Facebook-Gruppe gegründet. Zu Beginn habe sie sich wohl schon etwas lustig gemacht über «Schwäbi». Inzwischen habe sie aber mal an einer Party mit ihm gesprochen. «Da ist er mir ziemlich normal vorgekommen», erzählt sie. Dass dieser «Schwäbi» wohl verrückt sei, durchgeknallt sei, das wird auf Facebook immer wieder vermutet. In seinem Essay schreibt M., dass man ihn einmal gefragt habe, ob er aus der Privatklinik Wyss sei, einer psychiatrischen Klinik in Münchenbuchsee. «ich trage zwar ein weisses t-shirt, bin aber nicht aus der klinik wyss», habe er geantwortet, schreibt er. «Egal, was die Leute denken»In anderen Einträgen auf Facebook werden die Mitglieder ermahnt, dass man sich über «Schwäbi» nicht lustig machen solle. Im Kult, der nun um ihn betrieben werde, schwinge durchaus auch Bewunderung mit, findet Bea Frei: «Er ist, wie er ist. Ihm ist egal, was die Leute von ihm denken.» Zudem habe er einen exquisiten Musikgeschmack, findet Frei, tauche M. doch an den «geilsten Partys» auf. Stammgast ist M. beim Veranstalter Bee-Flat, der im Progr Jazz- und Weltmusik-Konzerte veranstaltet. «Er ist ein Kenner und weiss bestens Bescheid über die Anlässe, die er besucht», stellt auch Christian Krebs, Geschäftsführer von Bee-Flat, fest. M. störe die Veranstaltungen in keiner Weise: «Er hat halt seinen Stil, wie er den Abend verbringt», sagt Christian Krebs. Man habe sich einzig mit ihm verständigt, dass er nicht neben der Bühne tanze. Wenn es ihm zu viel Leute habe, ziehe sich M. manchmal nach draussen zurück und tanze vor dem Fenster, auch bei klirrender Kälte.Hinter dem PanzerIm Essay schreibt er, dass ihm mal ein junges Mädchen gesagt habe, dass er wie eine Schildkröte aussehe. Eine möglicherweise tiefsinnige Erkenntnis sei das, schreibt M.: «wie beim tan-zen hinter dem tod (dem panzer) das leben hervorkommt/wie ein astronaut, der – noch im raumanzug – vom mond zurückkehrt.» >

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