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«Roger wird ein Franzose sein»

Brad Gilbert war 1999 als Coach von Andre Agassi dabei, als dieser am French Open den Karriere-Grand-Slam feierte. Zehn Jahre später arbeitet er in Paris als Fernsehkommentator und drückt Roger Federer die Daumen.

Was erwartet uns in den letzten drei Tagen im Männerturnier?Brad Gilbert: Deshalb schnüren die vier Jungs ihre Turnschuhe, damit wir das herausfinden. Roger (Federer, die Redaktion) hat eine ausgezeichnete Bilanz gegen die drei, die noch übrig sind. Es ist viel für ihn gelaufen. Sein Traumszenario war, hier Rafa (Nadal) im Final zu schlagen. Aber so ist es besser für ihn. Das ist die beste Chance, die er je bekommen wird.Offenbar wollen alle, dass Federer diesmal gewinnt. Sie auch?Jeder will erleben, wie Geschichte geschrieben wird. Wäre Rafa noch hier, hätte er vielleicht Geschichte geschrieben. Aber nun ist Roger derjenige, der noch da ist. Auch ich liebe Geschichte.Er steht unter enormem Druck.Roger hat in den letzten sechs, sieben Jahren oft unter Druck gespielt. Jedes Mal, wenn du den Tenniscourt betrittst, hast du Druck. Ich bin sicher, er wird nur über die drei Sätze gegen Del Potro nachdenken. Jeder spricht von den sechs Sätzen, die noch fehlen. Oder davon, dass er eine 26:1-Bilanz hat gegen die anderen. Aber es ist simpel: Er muss zuerst diese drei Sätze gewinnen, dann kann er über Sonntag nachdenken. Jeder Coach und jeder Spieler versucht, so zu denken. Aber wenn du an die Pressekonferenz gehst und das erzählst, sagen alle: Hast du nichts Spannenderes?Sie selbst waren Teil der Geschichte, als Sie Andre Agassi hier 1999 zum Karriere-Grand-Slam coachten. Wie war das?Es war ein spezieller Moment. Andre hatte hier schon zwei Finals verloren, allerdings lange vorher. Er schaffte auf seiner schlechtesten Unterlage etwas, das er nicht mehr für möglich gehalten hatte. Es war ein ziemlicher Schock, als es ihm doch noch gelang. Bei Roger ist es anders. Er war zuletzt dreimal im Final. Eine Parallele ist, dass auch damals viele Favoriten früh ausgeschieden waren. Und davon profitierte Andre. Wie jetzt Roger. Man muss nicht 127 schlagen, sondern nur jeden zweiten Tag den, der einem vorgesetzt wird.Als Agassi hier im Final gegen Andrei Medwedew gewann, wurde das Spiel bei 0:2 Sätzen wegen Regens unterbrochen. Was passierte damals?Es war ein Geschenk von Gott. Wir bekamen eine zweiminütige Pause, und das erlaubte es mir, ihn ein bisschen zu coachen. Er konnte sich sammeln, und als er auf den Platz zurückkehrte, erhielt er einen tosenden Applaus vom Publikum. Sie wollten ihn gewinnen sehen. Das werden wir auch an diesem Wochenende erleben: Roger wird ein Franzose sein. Er wird eine unglaubliche Unterstützung erfahren.Hatte Agassi in jenem Final anfangs Mühe mit dem Druck?Nein, es war nur der Druck, den der auf der anderen Seite des Netzes auf ihn ausübte. Medwedew spielte fantastisches Ten-nis.Was bedeutete für Agassi der Karriere-Grand-Slam?Nur Fred Perry, Rod Laver, Don Budge und Roy Emerson hatten das vor ihm geschafft. Er war der Fünfte. Roger könnte nun der Sechste sein. Das zeigt, wie schwierig es ist. Zudem gilt es zu bedenken, dass zu Lavers Zeiten drei von vier Grand-Slam-Turnieren auf Gras gespielt wurden. Was es heute so schwierig macht, ist, dass man auf vier verschiedenen Unterlagen gewinnen muss.Wenn Federer hier siegt, hat er nicht nur alle vier Majors gewonnen, sondern auch Pete Sampras’ Rekord egalisiert. Darf man ihn dann als den Besten der Geschichte bezeichnen?Im Vergleich zu Sampras würde in der Tat für ihn sprechen, dass er es auf allen Belägen geschafft hat. Und dass er viel stärker auf Sand spielt. Aber darüber kann man debattieren. Wenn er auf 15 Major-Titel kommen sollte, ist er ohne Zweifel der Beste.Sahen Sie die Niederlage von Rafael Nadal kommen?Überhaupt nicht. Ich hatte mein Tableau schon vor dem Turnier ausgefüllt. Und sein Name stand am Schluss. Ich dachte, er würde nicht mal einen Satz abgeben. Aber das ist ja das Schöne am Sport. Deshalb spielen wir. Wenn es so einfach wäre, würde Tennis keinen Spass machen.Wie wird er diesen Rückschlag verdauen?Wie alt ist er? 22. Nein halt, er ist ja gerade 23 geworden. Ich glaube, er hat noch viel Zeit. Jetzt muss er ein Jahr warten, bis er es in Paris besser machen kann. Aber bald kommt Wimbledon, und nun hat er etwas mehr Zeit, sich auf die Rasensaison vorzubereiten. Mich würde nicht überraschen, wenn er in Wimbledon noch stärker spielen würde als in den letzten Jahren. Er ist ein grosser Champion.Bei Federer dachten vor kurzem noch viele, er würde nie mehr einen Grand-Slam-Titel gewinnen. Nun ist er zwei Siege davon entfernt, der Grösste zu sein. Es kann schnell gehen, nicht?Viele Journalisten haben keine Geduld. Man soll bei einem Buch auch nicht das letzte Kapitel vor dem zweiten lesen. Eines nach dem anderen. Wenn eine Karriere vorbei ist, kann man sie einstufen. Vielleicht wird Paris Roger beflügeln, fünf weitere Majors zu gewinnen. Das weiss man nie. Aber Rafa ist sicher der Erste in Rogers Ära, der auch ein ganz Grosser ist.Wie wird das Männertennis in den nächsten Jahren aussehen?Ich habe noch nie mehr gute Spieler zur gleichen Zeit gesehen als jetzt. Schauen Sie sich Robin Söderling an; er ist die Nummer 25. Und Del Potro ist erst 20-jährig. Das Tennis wird immer besser. Das wird Rafa und Roger noch mehr antreiben.Könnten Sie sich vorstellen, Federer zu coachen?Ich bin glücklich als TV-Kommentator. Da verliere ich keine Spiele mehr. Ich kann höchstens eine falsche Prognose machen.Interview: Simon Graf undAdrian Ruch, Paris>

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