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Lächeln und Schalk sind geblieben

Er betritt den Raum, lächelt, als er von der grossen Journalistenrunde mit herzhaftem Applaus begrüsst wird, setzt sich vor die Mikrofone und beginnt zu sprechen. Ruhig, selbstbewusst und deutlich, was seinem Naturell entspricht. Als wäre nichts geschehen. Er sei glücklich, hier zu sitzen, sagt Daniel Albrecht und bedankt sich bei Familie, Freunden, Ärzten, «bei allen, die in irgendeiner Form für mich da gewesen sind». Wie früher scheint ihm der Schalk aus den Augen zu schauen. Fast wie früher sieht er auch aus. Nur die Schulterbreite hat abgenommen, und im Gesicht wirkt der bald 26 Jahre alt werdende Walliser auch schmaler als früher. 97 Tage sind vergangen, seit der Kombinations-Weltmeister von Are im Training zur Hahnenkammabfahrt stürzte, ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt und ins künstliche Koma versetzt wurde. 72 Tage sind vergangen, seit er von der Innsbrucker Universitätsklinik ins Berner Inselspital überstellt wurde. Neurologisch sei alles wieder «im Normbereich», deshalb könne Albrecht nun entlassen werden, sagt der behandelnde Arzt René Müri. Physisch befinde sich der Gomser auf dem Level eines «Hobbysportlers», der nun den «Aufbau zum Leistungssportler» in Angriff nehmen werde, ergänzt Hans Spring, Chefmediziner von Swiss-Ski. Manager Giusep Fry hat den Genesungsprozess seines Mandanten aus der Nähe verfolgt. Beim ersten Kontakt habe Albrecht zu sprechen versucht, aber noch keine Stimme gehabt, sagt der Bündner. Später habe er «viel Nonsens» von sich gegeben, eines Tages ohne jeglichen Zusammenhang immer wieder «Sport 164» gesagt. «Irgendwann merkte ich, dass er über seinen früheren Kopfsponsor sprechen wollte. In der Folge nannte ich ihm den Namen seines gegenwärtigen Kopfsponsors, der ihm nichts zu sagen schien», resümiert Fry. In diesem Moment realisierte er, was in Albrecht vor sich ging – noch war die Rückkehr des Erinnerungsvermögens nicht im Jahr 2008 angelangt. Fry hat schon vieles erlebt, gehörte doch Silvano Beltrametti zu seiner Klientel, als dieser vor acht Jahren in Val d’Isère stürzte, dabei aber weniger Glück hatte als Albrecht und seither im Rollstuhl sitzt. Skifahren sei ein Risikosport und werde dies auch bleiben, meint der Bündner. Am Tag, an dem Daniel Albrecht aus dem Tiefschlaf geweckt worden sei, habe der ebenfalls von ihm betreute Carlo Janka WM-Gold im Riesenslalom gewonnen. «Das zeigt, wie schmal der Grat ist, auf dem wir uns bewegen.» Janka sei der erste Skifahrer gewesen, den er im Spital zu Gesicht bekommen habe, erzählt Albrecht. Der Besuch des Kollegen «hat mir ein enorm gutes Gefühl gegeben. Früher hat sich Janka an mir orientiert, nun wird er mein Vorbild sein.» Was der Bündner und die andern Swiss-Ski-Vertreter in Val d’Isère geleistet hätten, habe ihm viel Freude bereitet. Kein Problem bekundet der vierfache Weltcup-Sieger mit der Tatsache, dass die Titelkämpfe in Savoyen ohne ihn über die Bühne gegangen sind: «Diese WM hat es für mich nie gegeben. Deshalb gibt es auch keinen Grund, sich aufzuregen – obwohl ich natürlich sehr gerne dabei gewesen wäre.» Er sei generell nicht der Typ, der mit seinem Schicksal hadere. «Mir ist bald einmal klar geworden, wie viel Glück ich gehabt hatte.» Die Antwort auf die Frage nach dem grössten Wunsch spiegelt Albrechts Charakter. «Nichts Besonderes», sagt der Walliser. Er freue sich auf sein Zuhause, er hoffe, schrittweise vorwärtszukommen und irgendwann wieder auf Ski zu stehen. «Ich nehme es, wie es kommt. Das habe ich immer so gemacht, und ich glaube, dass mir das jetzt hilft.» Seitens des Verbands stehen dem selbstbewussten und dennoch bescheidenen Fiescher alle Türen offen. Sobald sich Albrecht in der Lage fühle, das Training aufzunehmen, werde er individuell betreut, sagt Cheftrainer Martin Rufener – «es ist alles vorbereitet». Die Namen der Trainer, die den Allrounder betreuen werden, stehen fest; kommunizieren will sie der Berner Oberländer aber noch nicht. Wer Albrecht kennt, weiss sehr wohl, was ihm der Skisport bedeutet. «Wenn einer eine solche Rückkehr schafft, ist es Dani.» Dieser Satz war in den letzten Wochen oft zu hören. Micha Jegge>

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