«Bin immer im Clinch mit mir selbst»

Im März hat Viktor Röthlin zwei Lungenembolien erlitten. Nun spricht der Marathonläufer über seinen Gesundheitszustand, den Dialog zwischen dem Spitzensportler und dem Physiotherapeuten und einen Besuch beim Berufsberater.

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Mitte März kehrte Marathonspezialist Viktor Röthlin mit Verdacht auf eine Lungenentzündung vorzeitig aus dem Höhentrainingslager im kenianischen Eldoret zurück. In der Schweiz wurde eine Lungenembolie diagnostiziert, ausgelöst durch einen Thrombus. Fünf Tage später erlitt der WM-Dritte von Osaka (2007) und Olympiasechste von Peking (2008) neuerlich eine Lungenembolie. Der 34-jährige Obwaldner hat sich den Umständen entsprechend bestens erholt, läuft wieder bis zu 200 Kilometer pro Woche und ist nächste Woche in Bern zu Gast (siehe Kasten). Im Interview spricht der schnellste weisse Marathonläufer der letzten Jahre über einen Dialog mit sich selbst und erklärt, weshalb er sich den Fischern verbunden fühlt.



Seit Ihrer zweiten Lungenembolie sind bald sechs Monate vergangen. Wie geht es Ihnen?

Viktor Röthlin: Momentan laboriere ich an einer Entzündung im rechten Fuss. Ich denke, in zwei, drei Wochen sollte diese abgeklungen sein. Was die Lunge betrifft, habe ich beim Laufen keine Beschwerden mehr. Atme ich tief ein, spüre ich gelegentlich ein Ziehen, welches von der Vernarbung ausgeht. Das hat damit zu tun, dass sich die teilweise abgestorbene Lunge regeneriert hat und das Gewebe wieder beweglicher geworden ist.



Wie sehen Ihre Trainingsumfänge aus?

Ich bin derzeit etwa bei 80 Prozent angelangt. Es gab auch schon Wochen, in denen ich 200 Kilometer zurücklegte, einmal bin ich 40 Kilometer am Stück gelaufen. Die Intensität jedoch befindet sich noch im Grundlagenbereich.



Reicht das, um mittelfristig für einen Marathon gerüstet zu sein?

Momentan könnte ich noch keinen Marathon laufen. Meine Erfahrungen zeigen, dass ich eine hohe Stabilität habe und die Leistungsfähigkeit gut einschätzen kann, wenn ich regelmässig 200 Kilometer pro Woche laufe.



Was ging Ihnen durch den Kopf, als unmittelbar nach dem Rückflug aus Kenia die erste Embolie diagnostiziert wurde?

Ich war schockiert, fühlte mich, als würde mir der Boden unter den Füssen weggezogen. Dank meines medizinischen Hintergrunds war mir sofort klar, wie viel Glück ich gehabt hatte. Die Situation ist belastend, die Geschichte nicht greifbar. Bei Verletzungen sind Ursachen und Heilungsverlauf bekannt, in meinem Fall sah ich vor allem Fragezeichen.



Rekonvaleszente Spitzensportler denken stets an die Rückkehr. An was denkt der Physiotherapeut in einem solchen Fall?

Ich bin Physiotherapeut, mein eigener Trainer und deshalb immer im Clinch mit mir selbst. Der Trainer pusht, der Therapeut bremst. Ich glaube jedoch, dass mir dieser Dialog in den letzten Jahren den richtigen Weg wies und mich dadurch vor Verletzungen bewahrte. Die aktuelle Situation ist wahrscheinlich im Zuge einer Aneinanderreihung von Zufällen mit negativen Folgen entstanden. Es ist schwierig, damit umzugehen. Künftig werde ich sicher präventiv Massnahmen treffen.



Inwiefern?

Vor Langstreckenflügen werde ich immer blutverdünnende Medikamente einnehmen. Meine Frau (eine Ärztin, die Red.) setzt sich immer eine solche Spritze. Ich habe Sie deswegen stets komisch angeschaut, nun werde ich es ihr gleichtun.



Es gab Medienschaffende, welche umgehend Doping ins Spiel brachten.

Es war nur einer. Die meisten verstanden, dass Blutdicke und Blutgerinnung nichts miteinander zu tun haben. Ich empfand die Aktion als fies, hatte doch dieser Journalist weder mit mir gesprochen noch meine offengelegten Blutwerte betrachtet. Sonst hätte er zum Beispiel in Anbetracht des tiefen Hämatokritwerts registriert, dass EPO-Doping und Ähnliches ausgeschlossen werden können.



Wie gingen Sie damit um?

Im ersten Moment tat es sehr weh. Steht man auf dem Podest, ist es einfacher, Dopinganschuldigungen entgegenzutreten, als wenn man auf der Intensivstation liegt und vom Arzt zu hören bekommt: «Wenn Sie nicht so ein starkes Herz hätten, wären Sie jetzt tot.» Nachdem ich zwei-, dreimal darüber geschlafen hatte, ging es mir wieder gut.



Doping ist in Ausdauersportarten zum omnipräsenten Thema geworden

nicht nur im Ausdauerbereich. Der Spitzensportler steht permanent unter Generalverdacht, insbesondere in der Schweiz, wo jeder typisch schweizerisch versagt oder dank Doping gewinnt. An dieser Stammtischmeinung sind auch wir Sportler schuld. Wir haben etliche Beispiele geliefert, welche diese Ansicht erhärteten. Für mich ist es schwierig, diesen Kampf zu führen, zu beweisen, dass ich sauber bin. Es glaubt sowieso jeder, was er glauben will. Offensiv bin ich bei diesem Thema nur, wenn ich mit Kindern arbeite.



Warum?

Ich versuche ihnen anhand meines Beispiels zu vermitteln, dass es auch ohne Doping möglich ist, an internationalen Grossanlässen eine Medaille zu gewinnen. Als Zehnjähriger hatte ich den Traum, ein Markus Ryffel zu werden. Die Kinder sollen wissen, dass auch sie träumen dürfen. Mit Erwachsenen rede ich nicht über solche Sachen, deren Meinung ist schon gemacht.



Sie sind in der Szene eine grosse Nummer. Wie reagierten Ihre Konkurrenten auf den Vorfall?

Sie waren schockiert, die Anteilnahme war gross. Ich wurde immer wieder gefragt, weshalb mir das passieren konnte. Viele meiner Kollegen nehmen nun vor einem Langstreckenflug auch Blutverdünner zu sich.



Es ist nicht auszuschliessen, dass die Thrombose genetische Ursachen hat. Wann werden Sie Klarheit haben?

Mitte September kann ich den Blutverdünner absetzen, Ende Oktober wird dieser meinen Körper verlassen haben. Danach können die entsprechenden Tests gemacht werden.



Mit welchen Gefühlen blicken Sie den Testergebnissen entgegen?

Ich hoffe, dass die Thrombose nicht erblich bedingt war. Andernfalls müsste ich für den Rest meines Lebens Blutverdünner zu mir nehmen.



Was bedeutete es für Sie, wenn Sie Ihre Marathonkarriere beenden müssten?

Eine gewisse Leere wäre bestimmt vorhanden; kein Sportler wünscht sich, auf diese Weise abzutreten. Es würde aber keine Welt zusammenbrechen. Ich habe mir mit Vikmotion ein zweites Standbein geschaffen, der Aufbau der Firma macht mir grossen Spass.



In der Zwischensaison führen Sie mit Vikmotion in Italien und Spanien Laufwochen durch. Wird sich in Ihrem Leben auch nach dem Rücktritt fast alles ums Laufen drehen?

Es geht nicht nur ums Laufen. Ich sehe mich eher als Bewegungscoach. Daran arbeite ich schon jetzt, indem wir nicht die klassische Laufwoche anbieten, sondern einen Mix aus Bewegung, Erholung und Genuss. Ich möchte den Nullachtfünfzehn-Schweizer ansprechen, mit ihm einen Blick in seinen Kühlschrank werfen, schauen, wie und wie oft er sich bewegt.



Können Sie eine Ferienwoche am Meer verbringen, ohne sich morgens oder abends sportlich zu betätigen?

Ich kann das sogar geniessen (schmunzelt). In dieser Hinsicht bin ich kein typischer Ausdauersportler. Ich liege jedoch nicht den ganzen Tag im Liegestuhl, sondern schwimme oder mache sonst etwas im Wasser oder am Strand. Die Bewegung hat ihren festen Platz und ist für mich mit frischer Luft verbunden.



Demnach ist ein Leben auf dem Bürostuhl undenkbar.

Ja, kann ich nicht trainieren, vermisse ich nicht das Training, sondern die Zeit, die ich für mich in der Natur verbringen darf. Als Jugendlicher füllte ich beim Berufsberater einen Test aus. Auf der Liste geeigneter Berufe stand am Ende jener des Fischers ganz oben. Daran erinnere ich mich jeweils, wenn ich frühmorgens unterwegs bin und nur Fischer und Hundehalter antreffe. Marathonläufer und Hundehalter gab es auf der Liste des Berufsberaters nicht.

Interview: Micha Jegge

> (Der Bund)

Erstellt: 15.09.2009, 01:16 Uhr

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