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«Windkraft ist unschlagbar»

Seit Jahrzehnten ficht Rudolf Rechsteiner den Kampf gegen die «Atomlobby». Er sieht

«Bund»:Die wenigsten möchten ein neues AKW in ihrer Nähe, aber der Strombedarf steigt weiter. Wie soll er gedeckt werden?Rudolf Rechsteiner: In Europa und in den USA wird heute mehr investiert in Windenergie als in Erdgas- oder Kohlekraftwerke. Das Wachstum der Windenergie liegt im Mittel bei über 30 Prozent pro Jahr. Das ist eine revolutionäre Veränderung auf dem Strommarkt.Statt Strom aus Kaiseraugst importiert die Schweiz bis heute Strom aus französischen Atomkraftwerken. Gibt ihnen das als alter Kaiseraugst-Gegner zu denken?Nein. Wir hatten ja nie die Möglichkeit, mitzubestimmen, woher unser Strom kommt. Einzig in Basel-Stadt hat das Parlament vor Kurzem beschlossen, ein solarthermisches Kraftwerk in Spanien mitzufinanzieren. Basel wird atomstromfrei.Gemäss den Energiestrategien des Bundes kommt die Schweiz aber nicht ohne Gaskraftwerke oder neue AKWs zur Überbrückung aus.Ich halte nichts von diesen Bundesstudien. Seit die Schweiz im letzten Mai die kostendeckende Einspeisevergütung für alternative Energieformen eingeführt hat, sind schon so viele Projekte eingereicht worden, dass damit das AKW Mühleberg ersetzt werden könnte.Das wäre aber teurer Strom, der stark subventioniert ist.Nein, ich behaupte, dass Strom aus einem neuen AKW gleich viel kostet wie Strom aus Wind. Der Strompreis neuer AKWs ist richtig berechnet weit höher als der von alten abgeschriebenen Anlagen.Sie vergleichen jetzt Atomstrom mit Windstrom. Aber die eingereichten Projekte betreffen ja vor allem die Solarenergie, die immer noch etwa zehnmal teurer ist.Solarkraftwerke kommen gemäss Bundesregelung nur sehr begrenzt in den Genuss der Einspeisevergütung. Wir werden für diese Energieform eine spezielle Regelung suchen müssen.Sie halten nichts von den Energiestrategien des Bundes – macht Ihr Bundesrat, Moritz Leuenberger, seine Arbeit nicht gut?Das Problem von Leuenberger ist, dass er bei jedem Schritt von seinen Kollegen im Bundesrat blockiert wird. Die Energiestrategien gehen von einem viel zu tiefen Ölpreis aus. Selbst die Internationale Energieagentur rechnet heute mit einem Preis von über 100 Dollar pro Fass. Deshalb sind die neuen Energien im Ausland so rasant auf dem Vormarsch. Eine abgeschriebene Windturbine produziert Wind für gerade noch 1,5 Rappen pro Kilowattstunde. Das ist unschlagbar.Aber je nach Ort beeinträchtigen die Windräder die Landschaft stark – wie wichtig ist Ihnen der Schutz der Voralpen und Jura-Kreten?Es gibt in der Schweiz auch ausserhalb der geschützten Zonen günstige Standorte – dies zeigen die neu angemeldeten Windkraftprojekte von insgesamt 750 Megawatt. Diese Projekte liegen vor allem in der Westschweiz, es gäbe aber mehr Standorte, etwa in Graubünden und im Tessin. Langfristig wird sehr viel Windstrom aus Anlagen vor den Meeresküsten kommen. Dieser Strom wird so billig in die Schweiz geliefert, dass ein neues AKW dagegen nicht konkurrenzfähig ist.Und wer baut die nötigen Stromleitungen dazu?Es werden neue Gleichstromleitungen gebaut, die weniger Stromverlust haben. Die EU setzt viele Mittel dafür ein. Früher waren die Netze grösstenteils national ausgerichtet. Neu wird man den Strom der erneuerbaren Energien aber vor allem dort holen müssen, wo er effizient zu produzieren ist. Windkraftwerke in Norwegen oder Holland bringen dreimal höhere Erträge als bei uns im Mittelland.Aber auch diese Länder wollen Strom aus erneuerbaren Energien – die werden doch bei Mangel nicht in die Schweiz liefern.Oh, doch. Viele Windstromproduzenten verkaufen ihren Strom nicht mehr gegen Einspeisevergütung. Sie suchen auf dem freien Markt nach dem besten Preis. Wenn es stark windet, kommt schon heute viel Windstrom in die Schweiz.Windräder liefern nur Strom, wenn es windet, wie wollen Sie die Lücken dazwischen stopfen?Wenn man sich ein System von 10000 Wind- und Solarfarmen in ganz Europa vorstellt, so werden sich die Schwankungen in dieser grossen Zone ausgleichen. Eine wichtige Ausgleichsfunktion kommt auch den Schweizer Stauseen zu: Bei Überproduktion kann man den Strom nutzen, um Wasser hochzupumpen. Bei Strommangel kann man das Wasser wieder zu gutem Geld machen.Sie plädieren also für den Ausbau der Pumpspeicherkraftwerke?Ja, wenn sie mit neuen Energien und nicht mit Atomstrom betrieben werden. Dazu brauchen wir nicht höhere Staumauern, sondern grössere Turbinen, um mehr Spitzenstrom produzieren zu können.Seit Jahren spricht man vom baldigen Durchbruch der Solarenergie – wann kommt er wirklich?Die Preise sind am Sinken. In zehn Jahren wird es möglich sein, mit 10000 Franken Investitionskosten pro Dach eine Eigenversorgung für ein Einfamilienhaus sicherzustellen. Dank der Einspeisevergütung werden in Deutschland pro Jahr etwa 200000 solche Anlagen montiert. Was die Schweizer in einem Jahr bauen, bauen die Deutschen in einem Tag.Werden wir alle Ziegeldächer mit Kollektoren zupflastern müssen?Ich nenne das anders: Wir nutzen die Südseiten unserer Dächer zur Energiegewinnung.Sie haben die Basler Regierung von der Geothermie überzeugt. Dabei haben Sie die Gefahren der neuen Technologie sträflich unterschätzt.Die Experten sagten uns, es gebe keine Gefahr. Wir werden die Geothermie in Basel jetzt halt zur Wärme- statt zur Stromgewinnung nutzen und die Risiken so umschiffen.Wie sehen Sie die Zukunft dieser Energie nach den Beben von Basel?Es gibt in der Schweiz viele Gebiete, die kaum ein Erdbebenrisiko haben wie Basel. Der Nachteil der Geothermie im Vergleich zu Wind- oder Sonnenkraftwerken ist jedoch, dass der Bau solcher Anlagen etwa 10 Jahre braucht.Was ist Ihnen wichtiger: Renaturierte Flüsse oder eine verstärkte Nutzung der Wasserkraft?Das schliesst sich gegenseitig nicht aus, man muss das richtige Augenmass finden.Wenn aber die Restwassermengen eingehalten werden, so nimmt die Stromproduktion vielerorts ab.Das stimmt zum Teil. An anderen Orten werden uralte Kraftwerke gleichzeitig renaturiert und mit neuen Turbinen ausgerüstet. In Rheinfelden hat sich so die Leistung des Rheinkraftwerkes verdreifacht.Sie führen einen missionarischen Kampf für erneuerbare Energien, werden Sie nie von Zweifeln geplagt?Nein, überhaupt nicht. Seit zwei Jahren wachsen die Energiezweige, für die ich einstehe, in atemberaubendem Tempo. Ich hätte selber nicht gedacht, dass es so schnell geht.>

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