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Tempo 80 macht Luft nicht besser

Wenn die Autos wegen hoher Feinstaub- oder Ozonwerte nur mit Tempo 80 fahren dürfen, sind kaum Auswirkungen messbar. Der Nationalrat will kurzfristige Tempolimiten deshalb abschaffen, der Ständerat wird aber daran festhalten.

Bald verdichten sich die Wolken wieder zur Decke, und wenn darüber die Sonne scheint, kommt es im Mittelland zu den gefürchteten Inversionslagen. Die kalte Winterluft sammelt sich unter der Wolkendecke, und die Luftschadstoffe können nicht mehr entweichen. Im Jahr 2006 war die Feinstaubkonzentration besonders hoch, sodass verschiedene Kantone, darunter Bern und Zürich, auf ihren Autobahnen Tempo 80 statt 120 verfügten. Was Fachleute schon lange wussten, wurde damals zum Allgemeingut: Insbesondere die kleinsten Feinstaubpartikel können bis in die Verästelungen der Lunge eindringen und von dort zum Teil in die Lymph- und Blutbahnen. Dies kann zu gesundheitlichen Auswirkungen von Husten bis zu Lungenkrebs führen. Früher viel höhere BelastungFrüher war die Feinstaubbelastung allerdings noch weit höher: Alleine zwischen 1991 und 2001 nahm die Konzentration im Jahresmittel um die Hälfte ab – dank der Einführung des Katalysators und besseren Filtern für die Kehrichtverbrennungsanlagen.Verbesserung kaum messbarWie viel die kurzfristige Temporeduktion auf den Autobahnen bringt, war bereits 2006 umstritten. Die Kantone Bern und Zürich feierten die Massnahme als Erfolg. Gemäss ihren Messungen ging die Feinstaubbelastung an autobahnnahen Standorten um 5 bis 10 Prozent zurück. Der TCS liess ein Gegengutachten machen und stellte die Resultate der Kantone als übertrieben dar. Auch unabhängige Fachleute stufen die Wirkung kurzfristiger Tempolimiten als sehr gering ein: «Messtechnisch ist es fast nicht möglich, Auswirkungen festzuhalten», sagt Christoph Hüglin von der Empa. Zum einen sei die Wirkung gering, weil die Tempolimite nur auf den Autobahnen gelte, und zum anderen seien die Autos nicht die einzige Schadstoffquelle. Ähnlich tönt es bei den Ozonexperten: «Tempo 80 statt 120 hat fast keine Auswirkungen», sagt Johannes Keller vom Paul-Scherrer-Institut, «unsere Modellrechnungen haben eine Reduktion von 0,5 bis 1 Prozent ergeben. Kantone wollen das Sagen habenDies ist Wasser auf die Mühlen von Autohändler und FDP-Nationalrat Markus Hutter (ZH). Er hat eine parlamentarische Initiative lanciert gegen «wirkungslose Tempolimiten auf unseren Nationalstrassen». Hutter verlangt, dass die Kantone künftig erst die Wirkung nachweisen müssen, bevor sie Massnahmen zugunsten der Umwelt auf den Strassen verfügen. Der Nationalrat hat der Initiative deutlich zugestimmt. Im Ständerat dagegen zeichnet sich für nächste Woche eine klare Ablehnung ab.Die zuständige Verkehrskommission hat das Anliegen einstimmig verworfen. Gemäss Kommissionspräsident Peter Bieri (cvp, ZG) geht es weniger um Tempo 80 als vielmehr um den Bewegungsspielraum der Kantone: «Oft muss man eine Massnahme erst mal ausprobieren, um zu sehen, was sie taugt.» Zudem sehen die Kantone Tempo 80 als Mittel zur Sensibilisierung der Bevölkerung.Erfolge dank besserer TechnikSelbst beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) schreibt man den kurzfristigen Tempolimiten «nur lindernde Wirkung» zu, wie Martin Schiess, Leiter der Abteilung Luftreinhaltung, sagt. Entscheidend seien dagegen neue, dauerhafte Massnahmen gegen die Luftverschmutzung. In den letzten zehn Jahren hat sich die Feinstaubbelastung nämlich kaum weiter verringert, und auch die Ozonbelastung steigt regelmässig über die Grenzwerte.Die Erfahrung lehrt, dass Aufrufe zum Verzicht auf unnötige Autofahrten kaum Wirkung zeigen. Erfolge konnten nur verbucht werden dank dem technischen Fortschritt, verbunden mit immer strengeren Vorschriften. Im Bafu geht man unterdessen davon aus, dass die Grenzwerte bei der Luftreinhaltung bis 2020 erreicht werden können. Entscheidende Meilensteine dabei sind die Partikelfilterpflicht für Dieselfahrzeuge sowie die international verschärften Abgasnormen für Neuwagen und für alle anderen Motoren. Wichtig sind zudem strengere Grenzwerte für Industrie, Landwirtschaft und alle Heizungen. Der Bundesrat hat die Verwaltung letzte Woche beauftragt, weitere Massnahmen zur Verbesserung der Luftqualität zu prüfen.>

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