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«Russland als Fürsprecher suchen»

Der frühere Botschafter Thomas Borer sagt, wie die Schweiz und Russland voneinander profitieren können. Russland werde wegen des Streits mit der EU und den USA wichtiger.

«Bund»:Sie vertreten als Verwaltungsrat der Renova die Interessen von Viktor Vekselberg in der Schweiz. Wie oft waren Sie schon in Russland?Thomas Borer: Es müssen Dutzende Male gewesen sein. Ich habe Russland früher als Diplomat und später als Berater besucht. Länder wie die Ukraine, Kasachstan oder Usbekistan habe ich auch bereist. Sprechen Sie Russisch? Nein, nur einige Brocken. Ich kann mich durchschlagen. Geschäfte macht man in Russland problemlos auf Englisch.Bisher hat noch nie ein russisches Staatsoberhaupt der Schweiz einen offiziellen Besuch erstattet. Warum kommt Medwedew gerade jetzt?Die Schweiz hat schon unter Staatspräsident Wladimir Putin den Wunsch geäussert, dass uns das russische Oberhaupt besucht. Russland ist einer der wichtigsten Partner der Schweiz. Dem standen früher Unstimmigkeiten im Weg, beispielsweise wegen des Flugzeugunglücks in Überlingen. Umgekehrt war der Schweizer Bundespräsident in den letzten Jahren mehrere Male in Moskau. Ist das Machtverhältnis so ungleich, dass wir stets nach Russland kriechen mussten?Ein Kriechen würde ich das nicht nennen. In der Wirtschaft ist es auch so, dass sich kleine Firmen um die Zusammenarbeit mit grossen bemühen müssen. Russland ist nach wie vor eine Grossmacht. Wann war zum letzten Mal der amerikanische Präsident bei uns? Wirtschaftlich scheint das Machtverhältnis anders zu liegen. Die Schweiz exportiert drei Mal mehr nach Russland als umgekehrt. Die Russen handeln vor allem mit Erdöl und Gas. Die Schweiz bezieht diese Güter hauptsächlich aus anderen Ländern. Es ist offensichtlich, dass wir wirtschaftlich viel stärker von Russland profitieren als die Russen von uns. Eines der Ziele Medwedews wird es sein, den Schweizer Markt für russische Firmen zu öffnen. Will er, dass wir künftig mehr russisches Öl kaufen? Nein, der russische Staat verfolgt vor allem das Ziel, die Wirtschaft zu diversifizieren, zum Beispiel in Maschinenbau und Technologie. Heute ist Russland stark von den Rohstoffpreisen abhängig. Die Schweiz ist als hoch entwickelter Industriestandort interessant. Die Russen wollen Partnerschaften mit Schweizer Firmen eingehen. Sie wollen, dass wir in Russland investieren und Fabriken bauen. Der Investor Victor Vekselberg hat neulich einen Auftrag für Oerlikon Solar in Russland veranlasst.Welche Interessen will Medwedew in der Schweiz durchsetzen? Sicher wird es um die Rezession gehen und um das Verhältnis Russlands zur Welt. Die Schweiz hat grosses Interesse an einem russischen Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO. Auch könnten die Probleme bei der Erneuerung des Kooperationsabkommens zwischen der EU und Russland ein Thema sein. Bilateral wollen sie eine Erneuerung des Abkommens über den Investitionsschutz aushandeln.Die Schweiz ist wie Russland weder Mitglied der Europäischen Union noch der Nato. Wollen die Russen hier ihren Vorposten im Westen einrichten?Nein, so etwas ist gar nicht möglich. Die Schweiz hatte schon früher enge Beziehungen zu Russland. Die Russen bewundern unsere Stabilität. Russische Regimegegner wie Lenin haben hier Zuflucht gefunden. Schweizer Architekten und Uhrenmacher haben Russland in der Zarenzeit Dienste erwiesen.Wie kann die Schweiz von Russland profitieren? Die Schweiz braucht dringend mehr Unterstützung in grossen Bündnissen wie der G20 oder G8, in denen wir nicht vertreten sind. Die Schweiz muss in Russland einen Fürsprecher für den Finanzplatz suchen, sie muss Goodwill schaffen. Weil das Verhältnis mit den USA und der EU stark getrübt ist, ist Russland besonders wichtig. Trotz der engen historischen Verbindungen leben heute nur 800 Schweizer in Russland. Warum? Die meisten Schweizer Geschäftsleute pendeln nach Russland. Die Lebensqualität ist in Russland noch nicht so hoch wie hier. Umgekehrt haben viele Russen in der Schweiz einen Standort aufgeschlagen.Warum kehren diese Menschen Russland den Rücken? Das tun sie nicht. Russische Geschäftsleute vertreten in der globalisierten Welt gewisse Interessen in der Schweiz, wie es auch Amerikaner oder Deutsche tun. Viktor Vekselberg ist wirtschaftlich nach wie vor hauptsächlich in Russland aktiv. Der Fall Michail Chodorkowski zeigt doch, dass Oligarchen in Ungnade fallen können. Es heisst oft, Russland sei keine echte Demokratie und kein Rechtsstaat. Das ist falsch. Wir müssen aber verstehen, dass Russland kaum demokratische Erfahrungen hat. In den nächsten Jahrzehnten muss sich das verbessern. Auch Westeuropa musste einen langen Weg beschreiten, bis es demokratisch war. Wir müssen Geduld haben und nicht immer schulmeisterlich Kritik üben.Soll der Bundesrat beim Staatsbesuch die Menschenrechtssituation in Russland ansprechen? Die Schweiz hat eine Tradition darin, von anderen Ländern das Einhalten der Menschenrechte zu fordern. Das soll der Bundesrat auch mit Russland tun, aber mit Mass. In vielen Ländern, zu denen wir Beziehungen unterhalten, ist die Lage der Menschenrechte weit schlimmer als in Russland, etwa in China oder Saudi-Arabien. Wir können nicht vor Ghadhafi auf die Knie fallen und dann Medwedew anprangern. Die Russen gelten als arrogant und kraftprotzerisch. Wie verträgt sich das mit dem schweizerischen Wesen, das den Ausgleich sucht? Das sind Klischees aus dem Kalten Krieg. Wir Schweizer gelten auch nicht gerne als Heidis und Alpöhis. Ich arbeite mit vielen Russen gut zusammen. Und ich kenne keinen Russen, der so viel Aufregung bei uns verursacht hat wie ein Peer Steinbrück.>

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