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Romands kämpfen für ihren Dialekt

Fast hätte die Romandie unter dem Druck des Französischen ihre einheimischen Dialekte aufgegeben. Doch jetzt hilft die Walliser Regierung den Verfechtern des Patois dabei, ein Stück Schweizer Kulturgut zu retten.

Bernard Bornet erzählt vom «Verbrechen», das an den Patois sprechenden Kindern begangen worden ist: Schläge auf die Finger gab es in der Schule für jene, die auf dem Pausenplatz Patois sprachen. Verboten wurde die «Bauernsprache» auch daheim. Bornets Vater, ein Primarlehrer in Basse-Nendaz, gehorchte dem behördlichen Befehl und sprach mit seinen fünf Buben fortan Französisch. Erst in der Pubertät eroberte Bornet sich seine Muttersprache zurück.Heute ist er 72 Jahre alt und schwimmt, wie er sagt, weiterhin gegen den Strom. Mit Erfolg: Vor Kurzem hat die Walliser Regierung die Einsetzung eines «Conseil du patois» beschlossen und Bernard Bornet, der selbst 16 Jahre lang Regierungsrat war, zu dessen Präsidenten ernannt. Der «Conseil du patois» soll Regierung und Verwaltung in allen Fragen zum Schutz, dem Erhalt und der Wertschätzung des alten frankoprovenzalischen Dialekts (siehe Kasten) im französischsprachigen Wallis beraten. Denn während der Walliser Dialekt im deutschsprachigen Oberwallis nach wie vor die mündliche Kommunikationssprache ist, wird Patois im Unterwallis nur noch von einer kleinen Minderheit benutzt; die Zahl der aktiven Patoisans wird auf rund 6000 geschätzt. Die meisten wohnen in der Gemeinde Evolène im Val d’Hérens. 30 Autominuten auf einer kurvenreichen Bergstrasse trennen die 1600 Einwohner vom Tal, und wenn die Einheimischen untereinander reden, verstehen Auswärtige kein Wort (siehe Beispiele rechts). Gisèle Pannatier sitzt am schweren Holztisch im «Café de la Paix» und lächelt der Besucherin verständnisvoll zu. «Patois ist eben kein Bastard-Französisch, sondern eine eigenständige Sprache», sagt die 50-jährige Präsidentin der Walliser Vereinigung der Freunde des Patois. Mit den Verheerungen der Anti-Patois-Bewegung ist die Frau aus Evolène, die ihr Studium der Philosophie und Literaturgeschichte mit einem Doktorat zum Patois abschloss, bestens vertraut. «Patois galt als rückständig, Französisch als modern.» So habe die Schule den Eltern empfohlen, mit den Kindern zu Hause lieber ein schlechtes Französisch als Patois zu sprechen.Patois an der Volkshochschule Den Komplex der Rückständigen haben so viele Walliser verinnerlicht, dass Patois ab den 1950er-Jahren nur noch selten gesprochen wurde. Umso mehr freut sich Pannatier über die Gegenbewegung. So belegen inzwischen auch Junge die seit einigen Jahren angebotenen Patois-Kurse der Volkshochschule. Und es gibt sogar Neuzuzüger im Val d’Hérens, die fleissig Patois lernen. Einer von ihnen ist François Laveaux, der mit seiner Frau Murielle und den drei Kindern in Les Haudères oberhalb von Evolène wohnt. Der aus der Normandie stammende Franzose hat sich die Sprache aus Freude und Neugier angeeignet und damit auch seine Frau motiviert. «Ich bin zu meinen Wurzeln zurückgekehrt», sagt Murielle Laveaux. Mit ihren Kindern sprechen beide ausschliesslich Patois. «Klar, das ist meine Muttersprache», nickt die achtjährige Célia. Ein Handicap für die Schule sei das Patois nicht, betont ihre Mutter. Die Primarlehrerin weiss aus Erfahrung, dass die Kinder dank TV und Computer genügend Möglichkeiten haben, Französisch zu lernen. Ihr dreieinhalbjähriger Sohn Aymeric, der mit der Journalistin am Mittagstisch fröhlich auf Französisch plappert, ist der beste Beweis dafür. Nach dem Essen hüpfen Célia und ihre sechsjährige Schwester Juliane aufgeregt in die Stube, wo die wertvollen Trachten für sie bereithängen. In jedem Dorf tönts andersAusser im Wallis sind die verschiedenen Patois heute noch im Kanton Freiburg und im Jura zu hören. Auch die Wissenschaft setzt sich dafür ein, dass dieses Stück Westschweizer Kulturgut nicht verloren geht. An der Universität Neuenburg führen die Dialektforscher die 1899 begonnene und vom Bund mitfinanzierte Arbeit an einem Patois-Glossar fort; nach über hundert Jahren sind sie erst beim Buchstaben G angelangt. Gisèle Pannatier in Evolène freut sich über diesen «klaren Beweis für den grossen Reichtum des Patois, das in jedem Dorf anders klingt und anders strukturiert ist». Gemeinsam mit Bernard Bornet will sie dem Patois im Wallis in Schulen, Medien und im Alltag einen Platz zurückerobern. Der «Conseil» will sich über die Kantonsgrenzen hinaus vernetzen, um später, vielleicht, zum grossen Sprung anzusetzen: vom Bund die Anerkennung als fünfte Landessprache zu fordern. Bernard Bornet sagt: «Wir sind offiziell zwar weniger zahlreich als die Romanen. Doch wenn die vielen, die Patois verstehen, es auch aktiv sprechen, dann sind wir eine ganze Armee.»>

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