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Kampf am falschen Ort

Ein Leitartikel nimmt Stellung zum Protest der Hausärzte.

Wenn heute Mittwoch im ganzen Land Hausärztinnen und Hausärzte für einige Stunden ihre Praxis schliessen, fliegen ihnen die Sympathien breiter Bevölkerungsteile zu. Für Kranke und Alte ist der Hausarzt ein wichtiger Anker. Wenn er über schlechte Arbeitsbedingungen klagt und gegen Einnahmeeinbussen im Praxislabor protestiert, stehen viele Patienten automatisch auf seiner Seite. Der «Böse» im Streit um die Grundversorgung ist Gesundheitsminister Pascal Couchepin. Aber immer wenn die Rollen von Anfang an klar verteilt sind, lohnt es sich, genau hinzuschauen. Das ist im konkreten Fall nicht anders.Hausärzte spielen in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung eine Schlüsselrolle. Gute Hausärzte sind zudem im Kampf gegen die steigende Prämienlast zentral: Wer rechtzeitig erkennt, bei welchem Patient ein beruhigendes Gespräch wirkt, in welchem Fall vertiefende Abklärungen ratsam sind und wann es welchen Spezialarzt braucht, hilft Kosten zu sparen. Angesichts dieser verantwortungsvollen Triagefunktion haben die Hausärzte durchaus Grund, unzufrieden zu sein: Viele arbeiten deutlich mehr als Spezialärzte, verdienen aber viel weniger. Das im Vergleich tiefere Einkommen, die langen Arbeitszeiten und die Notfalldienste schrecken viele Jungmediziner ab, Hausarzt zu werden. Das ist eine Zeitbombe, weil sich dadurch der heute schon regional erkennbare Ärztemangel noch verschärfen wird.Trotzdem erweisen die Hausärzte ihrer Sache keinen Dienst, wenn sie sich auf Pascal Couchepin und die neuen Labortarife einschiessen. Um ihre Stellung grundlegend zu verbessern, sollten die Hausärzte ihre politische Energie in Reformen investieren, statt Protesttage mit zunehmendem Ritualcharakter zu organisieren. Bewegen sich die Hausärzte nicht bald, werden sie ihren Goodwill bei Politikern in allen Parteien verspielen, die sich heute noch mit ihnen solidarisieren. Die Hausärzte müssen endlich den Verteilungskampf innerhalb der Ärzteschaft lancieren. Denn einfach zusätzliche Mittel zu verlangen, ist illusorisch in einem Gesundheitssystem, das immer schwieriger zu finanzieren ist. Konkret können die Hausärzte in den Tarifverhandlungen verlangen, ihr Einkommen zulasten der Spezialärzte zu verbessern. Die Krankenkassen wären dafür sofort zu haben. Doch bisher hat die Ärzteschaft streng darauf geachtet, sich nicht auseinanderdividieren zu lassen. Aus Angst, dass sie sonst an politischer Schlagkraft einbüsst. Den Grundversorgern hat die blinde Solidarität mit den Topverdienern in der Ärzteschaft nichts gebracht.Die medizinische Grundversorgung von morgen kann nicht so aussehen wie die von heute. Erstens wird der Kostendruck weiter wachsen und zweitens die Zahl der alten Menschen steigen. Vor diesem Hintergrund braucht es eine seriöse Diskussion über die künftige Aufgabenteilung zwischen Arztpraxen, Gesundheitszentren, Spitex, Spitälern und anderen Versorgungseinrichtungen. Welche Rolle spielt der Hausarzt in dieser stark vernetzten Grundversorgung? Welche Behandlungen und Aufgaben kann er anderem Medizinalpersonal anvertrauen? Welche neuen Gesundheitsberufe braucht es? In diesen für die künftige Stellung der Hausarztmedizin entscheidenden Fragen ist von der organisierten Ärzteschaft bisher wenig Initiative zu spüren. Viele Standesvertreter schwanken zwischen Desinteresse und Abwehr.Vor allem viele jüngere Ärztinnen und Ärzte haben längst erkannt, dass es neue Formen medizinischer Zusammenarbeit braucht, um insbesondere die Behandlung von chronisch kranken Patienten und anderen komplizierten Fällen besser zu koordinieren. Es gibt immer mehr Gruppenpraxen und – wo dies nicht möglich ist – andere Formen der engen Zusammenarbeit. In ihrem politischen Kampf gehen aber manche Lobbyisten der Ärzteschaft immer noch von überholten Rollenbildern aus und führen in der Logik des Einzelkämpfertums einen verbissenen Verteidigungskampf um einzelne Tarife im Praxislabor. Ob die von Couchepin verordneten neuen Labortarife das Gelbe vom Ei sind, ist für Aussenstehende schwer zu beurteilen. Eines hingegen ist klar: Wenn heute Abend der Protesttag zu Ende ist, sollten die Organisationen der Hausärzte ihren Blick endlich ausweiten und konkret mitdiskutieren, wie man neue Versorgungsmodelle fördern kann, sodass sich Qualität und effizienter Mitteleinsatz versöhnen lassen. Betreiben die Hausärzte aber weiterhin kurzsichtige und enge Standespolitik, wird wohl tatsächlich eintreffen, wovor sie immer warnen: das Aussterben einer Berufsgattung.

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