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Junge spucken auf Littering-Verbote

Die Stadt Gossau im Kanton St.Gallen und das zürcherische Wallisellen büssen im Kampf gegen Littering auch Spucken in der Öffentlichkeit – mit geringem Erfolg. Das Verbot sorgt für Belustigung und einen Spuckwettbewerb.

In Singapur, dem Pionierland der verordneten Reinlichkeit, kostet das Spucken im öffentlichen Raum mehrere Hundert Franken. Inzwischen ist das Spuckverbot auch in Europa angekommen. Als erste Schweizer Gemeinden ahnden Wallisellen und Gossau das ungebührliche Entsorgen von Speichel: mit Ordnungsbussen von 30 beziehungsweise 60 Franken.Damit hat der Kampf gegen das achtlose Wegwerfen von Abfall hierzulande eine Dimension erhalten, über die viele Zeitgenossen den Kopf schütteln. Die beiden Gemeinden kamen mit ihrem Anti-Littering-Konzept denn auch in die nationalen Schlagzeilen und wurden wegen des Spuckverbots schweizweit belächelt. Das Verbot sei unnötig, wirkungslos und lasse sich nicht durchsetzen, lauteten die Kommentare.Bloss «eine Handvoll» BussenEine erste Bilanz fällt in der Tat ernüchternd aus. In Gossau konnte die Kantonspolizei seit der Einführung Anfang März dieses Jahres gerade mal «eine Handvoll» (jugendlicher) Spucker in flagranti ertappen. Noch schlechter ist das Resultat in Wallisellen, wo das Verbot bereits seit zweieinhalb Jahren in Kraft ist. In diesem Zeitraum wurden bloss «zwischen fünf und zehn» Spucker gebüsst, wie Gemeindeschreiber Urs Müller auf Anfrage bekannt gibt.Keine Jagd auf SpuckerBeide Gemeinden betonen aber, dass das Spuckverbot bloss eine Massnahme unter mehreren im Kampf gegen das Littering sei. So verbietet das Gossauer Polizeireglement auch das öffentliche Urinieren und Erbrechen sowie das Wegwerfen von Kaugummis und Zigarettenstummeln. Gleichzeitig beschloss das Stadtparlament ein nächtliches Ausgehverbot für schulpflichtige Jugendliche. «Mit dem Spuckverbot wollten wir ein Zeichen setzen», sagt Stefan Kramer, Leiter des Amts für Sicherheit. Dabei sei immer klar gewesen, dass die Polizei Wichtigeres zu tun habe, als «auf Spuckerjagd» zu gehen. Doch das unappetitliche Phänomen störe die Bevölkerung eben doch massiv. Man hoffe auf eine erzieherische Wirkung des Verbots.Junge nehmens nicht ernstBei den anvisierten Jungen löst das Verbot aber vor allem Heiterkeit aus. «Viele machen sich einen Spass daraus zu testen, wie weit sie gehen können», sagt der Gossauer Juso-Präsident Philip Enzler. Er selber habe schon in Anwesenheit eines Polizisten gespuckt, sei aber nicht gebüsst worden. Und kürzlich organisierten die Jungsozialisten beim Bahnhof ein öffentliches Wettspucken mit Kirschsteinen. Am späten Abend gabs dann noch die Aktion «Rumhängen erlaubt», bei der die Jungen bewusst das Ausgehverbot ritzten.«Behörden sabotieren sich selber»Philip Enzler verteidigt das grassierende Männlichkeitsritual des Spuckens keineswegs, findet aber, dass die Behörden ihren Kampf gegen das Littering mit wirkungslosen Verboten selber sabotierten. Diese Einschätzung bestätigt der Littering-Experte des Schweizerischen Städteverbands: «Wenn ein Verbot nicht durchgesetzt wird, ist eine Verhaltensänderung nicht möglich», sagt Alex Bukowiecki. Von einem Spuckverbot rät er nicht generell ab, empfiehlt den Gemeinden aber, «das Mittel des Verbots dosiert einzusetzen».Sowohl in Wallisellen als auch in Gossau ist man jedoch überzeugt, dass das Spuckverbot einen «Sensibilisierungseffekt» hat. Davon liessen sich inzwischen auch andere Gemeinden anstecken, sagt der Gossauer Amtsleiter Stefan Kramer: «Viele werden nachziehen.» Im Nachbarort Flawil sei das Gossauer Modell bereits in der Vernehmlassung – «inklusive Spuckverbot».«Rostiger Paragraph»Der «Anstands-Paragraf» stösst allerdings nicht nur bei der Linken auf Ablehnung. Die IG Freiheit, eine Vereinigung rechtsbürgerlicher Politiker, verlieh kürzlich den dritten Preis des «Rostigen Paragraphen 09» an den Gossauer Parlamentspräsidenten Bruno Damann (CVP). Die Auszeichnung wird jeweils an Personen vergeben, die eine besonders unsinnige Regelung zu verantworten haben. Präsident der IG Freiheit ist der Thurgauer SVP-Nationalrat Peter Spuhler.

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