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Druck auf Impfkritiker wächst

Soll die Masernimpfung für alle Kinder obligatorisch werden? Nach dem Aufflammen der Krankheit in der Waadt prüft der Westschweizer Kanton diese Option. Selbst Impfbefürworter sind skeptisch.

Das Aufflammen der seit 2006 grassierenden Masernepidemie in der Schweiz hat die Rudolf-Steiner-Schule in Crissier bei Lausanne besonders hart getroffen: Seit letzter Woche sind rund 40 Schüler erkrankt (vgl. «Bund» vom Mittwoch). Die Epidemie hat sich mittlerweile auch auf andere Waadtländer Schulen ausgebreitet.

Aufgrund der grassierenden Krankheit, die durchaus ernsthafte gesundheitliche Schäden bewirken kann, hat der Waadtländer Gesundheitsdirektor Pierre-Yves Maillard einen brisanten Vorschlag lanciert: Der SP-Politiker und Präsident der kantonalen Gesundheitsdirektorenkonferenz lässt verwaltungsintern prüfen, ob im Kanton Waadt die Masernimpfung für alle Schulkinder obligatorisch werden soll. Vor dem Eintritt in den Kindergarten oder in die Schule müssten die Eltern nachweisen, dass ihr Kind gegen die Masern geimpft ist, erst dann dürfen die Kinder in die entsprechende Institution eintreten. In den USA funktioniert ein entsprechendes Modell seit 1980 und hat inzwischen zu einer Eliminierung der Masern geführt.

Eingriff in Privatautonomie

Der Vorschlag Maillards ist brisant, gilt doch die Frage «Impfen oder nicht?» in der Schweiz bis anhin als persönlicher Entscheid und ein Impfobligatorium deshalb als nicht durchsetzbar.

Das Bundesamt für Gesundheit, (BAG) appelliert stattdessen seit Jahren an die Eltern, ihr Kind freiwillig impfen zu lassen – bisher jedoch ohne jenen durchschlagenden Erfolg, der zur Ausrottung der Krankheit notwendig wäre, nämlich einer Steigerung der sogenannten Durchimpfungsrate auf 95 Prozent. Bis im Jahr 2007, so hatte sich das BAG noch 2003 vorgenommen, sollte dieser Wert erreicht sein; heute sind nur 86 Prozent der Bevölkerung geimpft, einer der tiefsten Werte in Europa. Die Folge: In keinem anderen europäischen Land gab es 2007 laut einer Anfang Jahr in der Fachzeitschrift Lancet publizierten Studie so viele Masernfälle wie in der Schweiz. Zum Vergleich: In Finnland sind laut der Studie über 95 Prozent der Bevölkerung geimpft, und 2006 und 2007 wurde kein einziger Masernfall registriert. Die Schweiz hingegen gilt punkto Impfdisziplin zusammen mit Deutschland, Rumänien, Grossbritannien und Italien als schwarzes Schaf – und als Grund dafür, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihr Ziel verfehlen wird, die Masern in Europa wie geplant bis 2010 auszurotten.

Die vom Waadtländer Gesundheitsdirektor lancierte Frage nach einem Impfobligatorium liegt deshalb nahe. Die vom Bund befragten Experten sind vom Nutzen eines Obligatoriums im Prinzip überzeugt – und bleiben trotzdem skeptisch. Das gilt auch für Beda Stadler, Professor für Immunologe an der Universität Bern: Für ihn wäre die Einführung eines Obligatoriums «ein vernünftiger Schritt». Stadler argumentiert wie alle Impfbefürworter unter anderem mit dem Solidaritätsgedanken des Impfens: Ist ein hoher Anteil der Bevölkerung geschützt, profitieren auch jene, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, etwa Neugeborene oder immungeschwächte Patienten. Tatsächlich brauche es jedoch vor der Einführung eines Verbots eine faktenbasierte Diskussion mit Impfkritikern, solle sich ein Obligatorium nicht kontraproduktiv auswirken.

Wasser auf die Mühlen der Impfgegner befürchtet auch Ulrich Heininger, leitender Arzt am Universitäts-Kinderspital beider Basel und Experte in Impffragen. Zwar sei ein Obligatorium derzeit das einzige Mittel, um die Krankheit rasch zu eliminieren. Praktisch sei aber mit erheblichem Widerstand von Impfgegnern zu rechnen.

Auch das BAG spricht sich zumindest bis anhin gegen ein Obligatorium aus, dieses sei verwaltungsintern «auch nie wirklich diskutiert worden», sagt Sprecher Jean Louis Zürcher. Gegen ein Obligatorium sprächen primär pragmatische Überlegungen. Auch in Finnland sei die hohe Durchimpfungsrate ohne Zwang erreicht worden.

Liberale Ausnahmeregeln

Für den Waadtländer Kantonsarzt Eric Masserey gilt es, Vor- und Nachteile eines Obligatoriums gegeneinander abzuwägen. Klar sei, dass grosszügige Ausnahmeregelungen gewährt werden müssten, sei es aus medizinischen oder weltanschaulichen Gründen. Doch auch so könne ein Obligatorium wirksam sein, sei doch kaum zu erwarten, dass alle Eltern von Ausnahmeregelungen nutzen würden. Als mögliches Vorbild nennt Masserey die Regelung in den USA: Zahlreiche Bundesstaaten haben hier Ausnahmeregelungen für Eltern eingerichtet haben, welche Impfungen ihrer Kinder aus religiösen oder persönlichen Gründen ablehnen – der Erfolg der Masernprävention wurde dadurch nicht geschmälert.

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