Schlechte Spitäler unter Druck

Eine Studie zur Brustkrebsbehandlung in der Schweiz hat bedenkliche Mängel aufgezeigt. Experten setzen nun darauf, dass die neue Spitalfinanzierung Abhilfe schafft: Der Kostendruck werde Spitäler mit zu wenig Erfahrung aus dem Markt drängen.

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Obwohl nach Lehrbuch bei Frauen nach der Brustamputation eine Bestrahlung vorgesehen ist, verzichteten gemäss Studie die Spitäler in 29 Prozent der Fälle auf diese Nachbehandlung («Bund» vom Mittwoch). Dies erhöht das Rückfallrisiko für die Frauen erheblich. Brustkrebsspezialist Beat Thürlimann, Mitautor der Studie, hält die regional unterschiedliche Behandlungsqualität für einen «Skandal für die Schweiz». Gesundheitsökonom Willy Oggier erstaunen die Studienresultate indes nicht: «Die Krebsbehandlung ist ein Paradebeispiel dafür, dass die auf unzählige Standorte verteilte Spitalversorgung der Schweiz an ihre Grenzen stösst.» Eine gute Versorgung erfordere regionale Kompetenzzentren, die standardisierte Behandlungen durchsetzten. «Die Kantone müssen Onkologiezentren bestimmen, die die Führung übernehmen.» Regionalspitäler, die Brustkrebs behandelten, müssten sich mit dem Krebszentrum vernetzen.

Das Wallis als Vorbild

Als Vorbild nennt Oggier das Wallis, das bei der Studie gut abgeschnitten hat. Der Kanton hat in Sion ein Kompetenzzentrum für Onkologie geschaffen, dass für die Krebsbehandlung im ganzen Wallis verantwortlich ist. «Zudem hat das Wallis eine hohe Kultur bei der Erfassung medizinischer Daten», so Oggier. Gerade bei der Krebsbehandlung sei die Auswertung möglichst vieler Krankheitsfälle wichtig. Doch hier klafft in der Schweiz eine weitere empfindliche Lücke: Erst 14 Kantone führen ein Krebsregister, in dem die Daten von Erkrankungen systematisch gesammelt werden. Auch war das Wallis einer der ersten drei Kantone, die das Mammografie-Screening eingeführt haben. Die systematischen, regelmässigen Röntgen-Untersuchungen bei Frauen ab 50 müssen bestimmten Qualitätsanforderungen genügen. Diese werden vom Bund vorgegeben und sind zwingend einzuhalten, damit die Grundversicherung die Untersuchung zahlt.

Paradoxerweise gibt es aber für die Behandlung des Krankheitsfalls keine solchen nationalen Qualitätsstandards. Für Oggier ist klar, dass die kantonalen Gesundheitsdirektoren in der Pflicht stehen. «Die Kantone betonen bei jeder Gelegenheit, dass sie für die Gesundheitsversorgung zuständig sind. Hier können sie den Tatbeweis erbringen.» Spitäler dürften nur auf die Spitalliste kommen und damit zur Grundversorgung der Bevölkerung bestimmt werden, wenn sie gewisse Kriterien erfüllten. Zu diesen gehört für den Gesundheitsökonomen ein minimales Versorgungsgebiet.

Qualitätssprung ab 2012?

Oggier rechnet damit, dass die neue Spitalfinanzierung zu einer besseren Behandlungsqualität führt: Ab 2012 werden in der ganzen Schweiz nicht mehr Spitaltage abgegolten, sondern Pauschalen für bestimmte Krankheitsdiagnosen (DRG) verrechnet. Für Spitäler, die zu wenig Fälle einer bestimmten Krankheit behandeln, werde es so unwirtschaftlich, die Behandlung weiterhin anzubieten. Laut Oggier hat die Einführung der Pauschalen in Deutschland zu einer Spezialisierung der Spitäler geführt. Auf die gleiche Erfahrung verweist auch Michael Jordi, stellvertretender Sekretär der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK). Die Fallzahlen sind auch für die GDK ein Kriterium, um ein Spital für bestimmte Behandlungen zuzulassen. Dies ist in den Empfehlungen zur Umsetzung der neuen Spitalfinanzierung festgehalten.

Krebsarzt bezweifelt dies

Thürlimann, Leiter des Brustzentrums am Kantonsspital St. Gallen, ist hingegen skeptisch, dass Fallpauschalen die Missstände bei der Brustkrebsbehandlung beseitigen. Beim System der DRG werde die intellektuelle Leistung zu wenig honoriert. Als wesentliches Kriterium für die Behandlungsqualität habe sich in der Studie jedoch die Einrichtung eines Tumor Board erwiesen. In diesem Gremium diskutieren alle an der Behandlung beteiligten Spezialisten regelmässig alle Fälle und gewinnen so Erkenntnisse für die Behandlung. Doch der Kostendruck der Fallpauschalen werde solche Diskussionsforen eher verhindern als fördern, befürchtet Thürlimann.> (Der Bund)

Erstellt: 20.08.2009, 01:16 Uhr

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