Psychische Belastung

Rettungssanitäter leiden an ihrem Job

Rettungssanitäter sehen bei ihren Einsätzen Dinge, die schwer zu ertragen sind. Jeder vierte wird davon krank. Fachleute fordern nun bessere psychologische Hilfe für die Retter.

Viele Rettungssanitäter wollen am Arbeitsplatz nicht über Probleme sprechen und suchen privat Hilfe. (Franziska Scheidegger)

Viele Rettungssanitäter wollen am Arbeitsplatz nicht über Probleme sprechen und suchen privat Hilfe. (Franziska Scheidegger)

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Am Unfallort bot sich den Rettern ein schrecklicher Anblick: Anfang Woche geriet ein Sattelschlepper in einem Tunnel im Tessin auf die Gegenfahrbahn und kollidierte mit drei Fahrzeugen. Die Einsatzkräfte mussten zwei Verletzte und einen Toten aus den zerfetzten Autowracks bergen.

Basler Forscher haben nun untersucht, was für Folgen solche Einsätze für die Rettungssanitäter haben. In einer schweizweit einmaligen Studie haben sie die 1363 Rettungssanitäter der Deutschschweiz und des Fürstentums Liechtenstein per Fragebogen um Auskunft über ihre berufliche Belastung gebeten. Rund die Hälfte der Befragten hat geantwortet. Die Resultate werden heute an einem Notfall-Symposium in Nottwil (LU) präsentiert.

Laut Studienleiter Pascal Häller traten bei über einem Viertel der Rettungssanitäter Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) auf. 26 Prozent litten unter Intrusionen (wiederholte belastende Erinnerungen an das traumatische Ereignis), 30 Prozent klagten über erhöhten Arousal (etwa Schlafstörungen und Schreckhaftigkeit), und 23 Prozent wiesen Vermeidungsverhalten auf (sie meiden zum Beispiel den Ort des traumatischen Ereignisses). 10 Prozent der Rettungssanitäter litten an einem teilweisen oder voll ausgeprägten PTBS-Syndrom. Bei ihnen traten mehrere Symptome gleichzeitig auf. Für 34,5 Prozent aller Rettungssanitäter stellten schliesslich Kindernotfälle die schlimmsten Traumata dar. Häller betont: «PTBS bei Rettungssanitätern ist eine häufige Erkrankung, die mehr Beachtung verdient.»

Laut Häller fallen die Zahlen für die Deutschschweiz im internationalen Vergleich niedrig aus. Studien in Deutschland kamen zum Schluss, dass bis zu 36 Prozent der Sanitäter unter einem teilweisen oder voll ausgeprägten PTBS-Syndrom litten. Fachleute zweifeln diesen hohen Prozentsatz jedoch an. Häller führt die niedrigeren Schweizer Zahlen auf eine gute Ausbildung zurück. Seine Studie belegt denn auch, wie wichtig eine gute Vorbereitung der Rettungssanitäter ist. Wer sich schlecht vorbereitet auf den Einsatz fühlt, weist ein achtfach höheres Risiko für eine voll ausgeprägte PTBS auf. Für Häller ist deshalb klar: «Eine gute Vorbereitung auf den Umgang mit traumatischen Erfahrungen ist für Rettungssanitäter entscheidend.»

Debriefing kann schaden

Handlungsbedarf besteht laut Häller vor allem bei der Nachbearbeitung eines traumatischen Ereignisses. So werde zu oft nach herkömmlichem Muster ein psychologisches Debriefing abgehalten, als dass auf die individuellen Bedürfnisse des einzelnen Rettungssanitäters eingegangen wird. «Ein für alle Beteiligte obligatorisches Gruppen-Debriefing unmittelbar nach dem Einsatz kann zu einer zweiten Traumatisierung führen», sagt Häller. Ein Debriefing sollte vielmehr freiwillig sein und zu einem Zeitpunkt erfolgen, den die betreffende Person selber bestimmt.

Wie Hällers Studie zeigt, wird die psychologische Beratung jedoch noch weitgehend tabuisiert. Zwar hätten 93 Prozent der Rettungssanitäter die Möglichkeit, am Arbeitsplatz psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen. Doch nur 21 Prozent der Rettungssanitäter mit einem PTBS-Syndrom und 18 Prozent ohne PTBS-Syndrom nutzten dieses Angebot. Hingegen hatten sich 40 Prozent der PTBS-Betroffenen und 22 Prozent ohne PTBS in private psychologische Beratungen gegeben – und dies aus der eigenen Tasche bezahlt. Häller vermutet, dass sie nicht am Arbeitsplatz über die Belastung traumatischer Erfahrungen sprechen wollen, um keine persönlichen Schwächen zu zeigen und mögliche negative Konsequenzen zu vermeiden. «Ein weiterer Grund könnte sein, dass sie die Kollegen nicht belasten wollen», sagt Häller.

«Nicht schämen müssen»

Peter Ott, Präsident der Vereinigung Rettungssanitäter Schweiz, zeigt sich überrascht über die hohe Zahl von Berufskollegen, die privat psychologische Hilfe in Anspruch nehmen: «Das sollte nicht so sein. Wenn das Trauma am Arbeitsplatz entsteht, steht der Arbeitgeber in der Pflicht.» Ott fordert, dass Rettungssanitäter von Berufsbeginn an noch mehr dazu aufgefordert werden, falls nötig die Angebote am Arbeitsplatz zu nutzen: «Ein Rettungssanitäter sollte sich nie schämen müssen, wenn er Gefühle zeigt und Hilfe in Anspruch nimmt.» (Der Bund)

Erstellt: 27.03.2009, 09:37 Uhr

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