«Die Presse pfuscht!»

Bundesrat Ueli Maurer warf der Presse am Verlegerkongress in Interlaken Unfug, Einheitsbrei und Prostitution vor. Die

Verleger applaudierten ihm.

Um zu sparen, hatten die Verleger auf ihrem Kongress in Interlaken den zweiten Gala-Abend gestrichen (auch wenn das Kongresshotel das superteure Jungfrau-Victoria war). Dafür war die Rednerliste nicht ohne Mut. Es sprachen der beste Kopf der Konservativen, der Privatbankier Konrad Hummler, und der erfolgreichste Politiker der Rechten, Ueli Maurer. Beide erklärten den Verlegern, warum ihre Produkte nicht gut genug seien.Maurer argumentierte wie folgt: Demokratie verlangt, dass viele Bürger Bescheid wissen: über Sachen und Personen. Deshalb gab es Demokratie über Jahrhunderte nur in kleinen Gebilden: in Städten und Tälern. Bis man die Medien erfand. Seither könne man auch über Leute und Dinge urteilen, die man nie gesehen habe. Deshalb gelte: «Ohne Medien keine Demokratie.»Damit kam Maurer zur Sache: «Werden die Medien der Aufgabe gerecht? Nein!» Die Medien leisteten sich «Pfusch»: «Sofortumfragen, Soforterklärungen, Sofortgeschichten». Und schwiegen vieles tot: «Das ist das Amt des Zensors.» Und vermantschten Information mit Satire, Kommentar und Schlagzeilen: «Jeder Winzer würde bei so einer Panscherei aus dem Verkehr gezogen. Ich wäre sehr für eine Deklarationspflicht für Meinungen. Etwa wenn unter einem Artikel ,Hans Müller, Armeedienstverweigerer‘ stünde – das trüge sehr zur Klärung bei.» Nicht zuletzt: Die Medien glichen in ihrer Kritiklosigkeit vor der Macht immer mehr «Kurtisanen». Seit er Bundesrat sei, werde er etwa nicht mehr kritisiert. «Kritisieren Sie mich, damit ich besser werde!»Applaus begleitete die Rede. Wie auch zuvor eine des Bankiers Hummler, der den Verlegern versuchte klarzumachen, dass sie in einer ähnlich tiefen Krise steckten wie die Banken . Doch jede Krise sei «definitionsgemäss» eine Chance. «Die einzige Chance, dass Leser weiter zahlen, ist gerade in der Krise in bessere Produkte zu investieren.»Pfusch, Panscherei, Prostitution – warum der Applaus? Zum einen, weil Maurers Rede ohne Namen und Beispiele und damit ohne Zähne war: Er schimpfte über «Journalisten» wie andere über «Politiker». Und dann lähmte Melancholie den Saal. Die Zahlen der Branche sind «miserabel», wie ein Insider sagte: «Tiefrot. Bei praktisch allen. Wir sind tief im Sumpf.»Und Hummlers Vorschläge? Dieser kritisierte etwa, dass die Presse nicht täglich Schlagzeilen über die Staatsverschuldung brächte, «was ich jahrelang lesen könnte!». Die beste Erklärung, warum der Verlegerkongress lauter rechte Kritiker (am Morgen die SVP-Nationalrätin Nathalie Rickli) eingeladen hatte, war die Geldnot. Die Hauptidee der Verleger in der Zeitungskrise ist eine 150-Millionen-Subvention der Postzustellung für Tageszeitungen – und hier lohnt es sich, die ärgsten Kritiker einzuladen. Eine der wirksamsten sozialen Waffen heisst: Umarme deine Feinde.Und warum nicht bessere Produkte? Hier fiel befragten Verlegern schlicht nichts Neues ein als: «gute Journalisten einkaufen und sie machen lassen». Und der Pfusch? «Gibt es doch überall.» Und die definitionsgemässe Chance, von der Hummler sprach? «Das Hummlersche Gesetz, haha.» Und Investitionen in der Krise? «Vor zwei Jahren investierte die Branche noch in Projekte, wenn auch in die falschen: Internet und fünf Gratiszeitungen. Heute hat niemand nicht einmal Projekte.» Und Verbesserung durch Kritik? Hier sagte Ueli Maurer etwas Erstaunliches: «Ich habe nie die Satire auf mich in ,Viktors Spätprogramm‘ gesehen. Ich hätte es nicht ertragen . . . Ich bin immer gut damit gefahren, dass ich nie irgendetwas über mich gelesen habe. Denn wer kritisiert wird, verändert sich. Und ich wollte mich nicht verändern.»Und das Neue? «Die einzige Chance der Schweizer Presse auf Erneuerung wäre hier im Saal eine Bombe», sagte ein jüngeres Verlagskader. «Wenn wir alle zusammen weg wären, dann ginge wirklich eine Welle von Innovation durch die Schweizer Medienhäuser.» Die Anwesenden nickten, weniger zynisch als traurig.Und dann holten wir Nachschub am Buffet.Constantin Seibt>

Der Bund

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