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Per «Quick Step» nach Venedig

Ich hasse Neujahrswünsche, wenn man noch nicht einmal das alte Jahr verdaut hat. Nach der mit botanischen Gleichnissen gespickten Ansprache des Bundespräsidenten fühlte ich mich selber wie ein schneebedecktes Alpenkraut, welches im frostigen Nebel auf den Frühling wartet. Nur meinem Selbstbehauptungswillen war es zu verdanken, dass wir, dem Spar- und Ökogedanken folgend, ein «Quick Step»-Arrangement mit der Bahn nach Venedig buchten, um wenigstens dem inneren Frühling etwas Raum zu geben. Dies obwohl die Lagune im Nebel lag und Italien von einer arktischen Kältewelle heimgesucht wurde. Noch schnell in Europa Luft schnappen, bevor es den Gegnern der Personenfreizügigkeit womöglich gelingt, die Verträge mit der EU zu bodigen, und wir uns am Ende, wie einst die DDR im Kalten Krieg, selber einmauern müssen. Nur weil die Propaganda der Befürwortet so schlecht ist. Punkto Originalität und grafischem Stil unterscheiden sich die Plakate der Befürworter drum leider wenig von den unseligen Krähenplakaten der Gegner.Stammen die etwas aus derselben Ideenschmiede? Völlig unpassend zurechtgehämmert erscheint mir z.B. die Darstellung der Schweiz als Bergbähnli, welches wegen Blocher und Brunner in ein Tobel hinabzustürzen droht. Die Blocher-Karikatur ähnelt eher dem ehemaligen Deutschen Kanzler Ludwig Erhard. Schon das geht nicht zusammen, weil Erhard ein genialer Wirtschaftspolitiker war und Blocher nicht raucht. Treffender gelungen dagegen die Darstellung Toni Brunners. Kommentar überflüssig.Repräsentiert dieses mit Käse, Uhr und Schoggi beladene Propaganda-Tschutschubähnli tatsächlich die Vision einer Schweiz der Zukunft? So gesehen, würde mich dann gar nichts mehr wundern.Diese Gedanken machte ich mir, als ich zum Fenster hinausstarrend durch den Lötschberg rauschte. Mit steigendem Tempo stellte sich bei mir seltsamerweise aber eher ein Gefühl der Verlangsamung ein. Ein Eindruck, der sich dann ab Brig im Cisalpino der unzähligen Zwischenstopps und des Postkutschentempos wegen auch physisch realisierte. Trotz unzähligen Espressi und einer halben Schachtel Zigaretten, welche ich durch den Spalt des WC-Fensters hinaus rauchte. Gegen den Cisalpino ist die Brienz-Rothorn-Bahn ein TGV. Das Tempo des italienischen Schienenverkehrs musste sich auf meinen Stoffwechsel übertragen haben, was in Venedig zum totalen Stillstand führte. Als ich, noch während ich den Text auf dem Monitor des Bancomaten entziffern wollte, fassungslos mit ansehen musste, wie mir – «zipp» – vom Automaten die Karte gefressen wurde. Einer mediterranen Depression schien mir auch das Postfräulein zum Opfer gefallen zu sein, als ich versuchte, mir per Western Union Geld zukommen zu lassen und nach einer Dreiviertelstunde angeherrscht wurde, es doch irgendwo anders zu versuchen, Western Union kenne sie nicht. Umso freundlicher war dann der Kellner im 5-Stern-Hotel, als er uns für 2 Cappuccini und ein Lachsbrötli 100 Euro abknöpfen wollte, schliesslich aber mit 50 zufrieden war und die Quittung verschwinden liess. Den einzigen lachenden Italiener sah ich auf einem Plakat. Ein überspanntes Berlusconi-Porträt am Mailänder Hauptbahnhof, in dem wir einen Tag zu spät, völlig orientierungslos und durchgefroren, stundenlang auf den Zug zurück in die Schweiz warteten. Berlusconi sah aus, als ob ihm, wegen der enormen Spannung, jeden Moment das Gesicht reissen würde. Vielleicht wäre der Kommunismus für Italien gar nicht so schlecht gewesen. Dann hätten die heute wenigstens eine Ausrede. >

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