Zum Hauptinhalt springen

Halbe Romands und andere Fübüs

Wer einen Unfallchirurgen, eine Mathematiklehrerin, einen Software-Entwickler oder eine Deutsch-Chinesisch-Übersetzerin sucht, wird ein Anforderungsprofil für die neue Arbeitskraft erstellen und ein entsprechendes Stelleninserat schalten. Klar, dass Gynäkologinnen, Altphilologen, Maschinenmechaniker oder Übersetzer, die auf Arabisch und Englisch spezialisiert sind, keine Chance haben.Die prominenteste freie Stelle wird seit Tagen in der Schweizer Presse, und vor allem in jener der Suisse Romande, heftigstens diskutiert. Das Profil dafür müsste, stark abgekürzt, etwa so lauten:Die Vereinigte Bundesversammlung sucht ein neues Mitglied des Bundesrats, das vermutlich dem Eidgenössischen Departement des Innern vorstehen wird. Der Bewerber (es darf auch eine Frau sein) muss seine überdurchschnittlichen Führungsqualitäten andernorts unter Beweis gestellt haben. Er muss in der Lage sein, zusammen mit seinen Spitzenbeamten hochkomplexe Lösungen für hochkomplexe Problematiken im Bereich des Gesundheitswesens wie auch der Sozialversicherungen zu entwickeln. Für diese muss er im Bundesrat Mehrheiten finden, danach im Parlament, welches seit Jahren durch Interessenvertreter der Pharmaindustrie, der Ärzteschaft, der Krankenkassen und Versicherungen blockiert wird, und schliesslich oft auch in Volksabstimmungen. Hierzu muss er über ein ausgeprägtes Durchsetzungsvermögen, gepaart mit diplomatischen, politischen, psychologischen und rhetorischen Fähigkeiten verfügen. Dem künftigen Amtsinhaber stehen ein Dienstwagen und bei Bedarf ein Helikopter oder ein Kleinflugzeug zur Verfügung. Die Entlöhnung ist im Vergleich zu den geforderten Qualifikationen als stark unterdurchschnittlich zu bewerten. Offerten sind bis bis spätestens 12. September 2009 zu richten an Chiara Simoneschi-Cortesi, Präsidentin des Nationalrates, 3000 Bern, Bundeshaus.Die Schweiz sucht also einen Supermann (beziehungsweise eine Superfrau). Denn wenn die Entwicklung im gleichen Tempo weitergeht, werden sich Durchschnittsverdiener die Krankenkassenprämien bald nicht mehr leisten können, und Bund und Kantone das gesamte Gesundheitswesen nicht mehr. Und die Invalidenversicherung rast mit bedrohlichem Tempo Richtung Abgrund, wohin sie auch die AHV mitreissen könnte.Theoretisch wäre es möglich, dass ein bisheriges Mitglied des Bundesrats dieses Departement übernimmt. Aber praktisch? Die EDA-Chefin war einst schon dem Genfer Finanzdepartement nicht gewachsen. Der Chef des Uvek sollte zurücktreten, ebenso der Finanzminister. Die Wirtschaftsministerin hat genug Probleme am Hals. Die Justizministerin ist erst seit Kurzem im Amt, ebenso der Verteidigungsminister, der erst die «beste Armee der Welt» erschaffen muss, bevor er das Departement wechseln darf.Nur der Beste wäre gut genug – vielleicht. Doch worüber wird in den Medien und Parteien diskutiert? Darüber, welcher potenzielle Kandidat ein echter, halbechter oder unechter Romand sei. Ob nicht ein Tessiner aufs Tapet müsste? Ob die Schweiz auseinanderbricht, weil eine Mehrheit der Deutschschweizer sich auch einen der Ihren auf dem begehrten Sitz vorstellen könnte. Ob die Waadt genug Stimmen mobilisieren kann, um einen Freiburger zu verhindern. Ob die CVP oder der Freisinn oder die SVP ein Recht auf das dank Pascal Couchepins Rücktritt frei gewordene Amt hätte und ob die Grünen wieder mit einer Spasskandidatur aufwarten werden.Eine Diskussion also, wie man sie sich kleinkarierter und füdlibürgerlicher kaum vorstellen kann und die, wie so oft in der Geschichte, unweigerlich zu einem helvetischen Kompromiss führen wird, das heisst zu einem Resultat, bei dem die durchschnittliche Unzufriedenheit gleichmässig verteilt ist und ein Kandidat (eine Kandidatin) gewählt wird, der (die) in etwa dem helvetischen politischen Durchschnitt entspricht – was im vorliegenden Fall schlicht nicht genügt.Ausgerechnet SVP-Präsident Toni Brunner hat in der Kandidaten-Kakofonie die bisher kreativste Idee geäussert: Jean-Pierre Roth, abtretender Vorsitzender des Direktoriums der Nationalbank. Roth hat in jener heissen Phase, als die UBS zu kollabieren drohte, einen kühlen Kopf bewahrt und gangbare Lösungen ausgearbeitet. Und er kann einen Trumpf ausspielen, der sogar bei der welschen Boulevardpresse sticht: Er ist ein waschechter Romand aus dem Aprikosendorf Saxon im Unterwallis, der zwar gut Deutsch spricht, aber nicht so gut, dass er schon wieder in den Verdacht geriete, ein verkappter Suisse toto zu sein.Ob Roth, 63 Jahre alt, sich aufstellen liesse, steht allerdings auf einem andern Blatt. Zumal er nicht den Hauch einer Wahlchance hat. C’est la vie; c’est la Suisse. Äussern Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel im Internet:bundblog.derbund.ch.>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch