Zum Hauptinhalt springen

Glamour, wem Glamour gebührt

Der Vergleich hinkt zugegebenermassen ein bisschen. Wir wollen ihn trotzdem bemühen, weil er schön zeigt, wie sich Schweizer Journalisten manchmal das Leben selbst schwer machen. Wie in jeder anderen Branche, in der Kreativität und Originalität zum Erfolg führen, gibt es auch in den Medien eine Auszeichnung für die Besten und Grössten. Was der Oscar für Hollywood, das ist der «Journalist des Jahres» hierzulande für die schreibende Zunft. Diesen Titel und das Zeremoniell der Verleihung exportierte ein umtriebiger Verleger aus Österreich vor ein paar Jahren in die Schweiz. Damit füllte er offensichtlich eine Marktlücke. Wenn Johann Oberauer ruft, kommen alle. Ob Chefredaktorinnen, Kolumnisten, Reporterinnen oder Nachwuchstalente – alle folgen der Einladung, lassen sich feiern und auf Kosten des Sponsors ABB verköstigen. So auch wieder vor einer Woche in einem Etablissement an der Zürcher Bahnhofstrasse.Wer alles einen Preis erhielt, sei hier nur am Rande erwähnt. Erstens gibt es so viele Kategorien, dass eine Aufzählung aller Ausgezeichneten den Rahmen dieser Kolumne sprengen würde, und zweitens verbietet es das Wahlprozedere, die Ergebnisse wirklich ernst zu nehmen. Was also bleibt, ist das Drum und Dran der Preisverleihung, und genau darum geht es ja bei solchen Übungen. Was wäre ein Oscar ohne Emotionen und Tränen im Kodak Theatre, was ein Goldener Bär ohne das Blitzlichtgewitter auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast?Bei den Journalisten in Zürich dagegen geht es protestantisch nüchtern zu. Glanz und Glamour sind nicht Sache dieser Branche, nicht einmal dann, wenn sie für einmal angebracht wären. Zwar bemüht sich der Moderator über Stunden, mit witzig gemeinten Fragen die ausgezeichneten Berufsleute aus der Reserve zu locken und ihnen das eine oder andere Bonmot abzuringen. Fehlanzeige. Kaum einer macht mit. Stumm und steif stehen sie auf der Bühne, drucksen rum, sagen kaum einen graden Satz. Das sind also die besten Journalisten.Wenn man nicht wüsste, dass Daniel Binswanger eben als Politikjournalist des Jahres 2008 ausgezeichnet wurde, man hielte den adrett gekleideten Schlaks für eine Mischung aus Model und Schaufensterpuppe. Und wenn er den Mund aufmacht, wird es nicht besser. Keine Spur jener Eloquenz, die man aus seinen Texten gewohnt ist. Ein ähnlich tristes Bild geben die beiden älteren Herren ab, die als beste Sportjournalisten ihr Diplom abholen dürfen. Die Urgesteine Fredy Wettstein («Tages-Anzeiger») und Roger Benoit («Blick») stehen auf der Bühne wie bestellt und nicht abgeholt. Keine überschwängliche Freude, kein Zeichen des Triumphs, und sei es nur gespielt.Dass gute Schreiber nicht automatisch gute Redner sind, ist hinlänglich bekannt. Und auch der Auftritt im Rampenlicht ist nicht jedermanns Sache. Dennoch: Wer bei einer Inszenierung mitmacht, wie sie die Auszeichnung zum Journalisten des Jahres nun mal eine ist, muss über seinen Schatten springen und das Spiel mitspielen, das da heisst: Wir sind die Besten, wir sind die Grössten, wir feiern uns selbst! Ein bisschen Glamour macht das Leben leichter.Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext». Äussern Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel im Internet:bundblog.derbund.ch>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch