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Doch besser ein Nacktwanderseminar

Gibt es einen spirituellen Ausweg aus der Krise oder müsste man bloss die Ressourcen besser nutzen, fragte ich mich, als ich jüngst vom Rosengarten den Aargauerstalden hinab zum Bärengraben wanderte. Dieser ist, obwohl mittlerweile ohne Bären, immer noch das Wahrzeichen Berns. Man könnte ihn doch einer anderen Nutzung zuführen, ging es mir durch den Kopf, die sinnlos in die Bärengruben starrenden Touristen beobachtend. Z. B. als mit einer Glaskuppel überdachte Sonderzone für obdachlose Reiche. Jetzt, nachdem das Obwaldner Reservat hinfällig geworden ist und die Reichen, der Pauschalbesteuerung wegen, aus Zürich flüchten. Auch frisch zugezogene «golden hello» - Bezüger ohne Wohnsitz könnte man im Bärengraben unterbringen. Weil der Wohnraum für Gutbetuchte in den Kantonen Schwyz, Zug und Thurgau schön langsam knapp wird. Mit einer solchen Transparenz in ihrem täglichen Lebensablauf könnten die Sehrgutverdienenden demonstrieren, dass sie auch nur Menschen wie du und ich sind. Arbeiten, fressen, saufen, kopulieren und sterben. Damit könnten Vorurteile aus der Welt geräumt werden, welche seit der Finanzkrise Neid, Hader und Spaltung in die Eidgenossenschaft gebracht haben. Falls sich nicht genug Reiche finden lassen, könnten man die freien Plätze in der Grube mit deutschen Arbeitslosen auffüllen. Die kriegen von ihren Arbeitsämtern immerhin 8000 Euro als «golden goodbye», wenn sie nur Leine ziehen und sich in der Schweiz einen Job suchen. Wenn wir die alle aufnehmen könnten, würde das auch für uns rentieren, rechnete ich die 3,458 Millionen deutschen Arbeitslosen mal 8000 Euro, während ich meine Schritte in Richtung City West lenkte, um mich dort im 2. UG einer Tantralehrerin anzuvertrauen. Wollte mich nur schnell über Mittag in die Geheimnisse der «Lingam»- Massage einführen lassen. Die Adresse hatte ich von einem, von der Finanzkrise aus der Bahn geworfenen, befreundeten CEO erhalten, welcher mir anriet, mittels einer spirituellen Grenzerfahrung meine materialistischen Versteifungen aufzubrechen, um den nervlichen Anforderungen der Krise und meinen Steuerrechnungen seelisch besser gewachsen zu sein. Dabei muss ich betonen, dass mein Ansatz kein erotischer, sondern ein spirituell-therapeutischer war. Streng genommen handelte es sich um eine 250-fränkige «Chi-Kung» Selbstbefriedigungsübung, bei der es darum geht, nicht zu ejakulieren, weil die Taoisten glauben, dass mit dem Sperma Energie vergeudet wird. Nach einer ausgiebigen Hodenmassage, welche eine gute Übung zur Produktion von sexueller Energie sein soll (das wirkt super, sieht man doch an Silvio Berlusconi, der langt sich beim Reden auch immer an den Schritt), legte ich mich nackt, von sanfter Meditationsmusik stimuliert, auf eine Matte und fing an zu onanieren, wie mir von der Meisterin geheissen wurde. Kurz vor dem Höhepunkt hörte ich jeweils auf, bis Langeweile aufkam und ich mir, den Klangschalen lauschend, ausmalte, was ich mit der Lehrerin alles anstellen würde, wenn es nicht verboten wäre. Danach landeten meine Ressourcen, völlig unplanmässig auf dem Teppichboden und ich war gottefroh, als die «Lingam»-Massage endlich vorüber war. Mit schamroten Ohren, spirituell kaum erbaut und mit bohrendem Zweifel an der Seriosität dieses komplementärmedizinischen Angebotes hastete ich ins Freie. Mit dem festen Vorsatz, das nächste Mal entweder ein Nacktwanderseminar im Appenzell oder einen Kurs in Feuerlaufen zu buchen.>

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