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«Aus Liebe zur Evidenz»

Ein eleganteres WeltbildEs ist mir ein Rätsel, wie Sie Freidenker als fundamentalistisch wahrnehmen können. Diese Vereinigung achtet nämlich explizit die Meinungen anderer, so auch die der religiösen Menschen, kämpft aber gegen die Machtansprüche von religiösen Kreisen, wenn diese glauben, sie hätten als einzige die Wahrheit erfahren und das politisch in die Gesellschaft zwängen wollen. Es scheint Ihnen Freude bereitet zu haben, den Vergleich mit der Schuhschachtel anzustellen. Sie unterstellen also den Freidenkern eine intellektuelle Primitivität und glauben, dass Sie solches überwunden haben.Was mir auffällt ist, dass Sie vom Göttlichen reden und nicht von Gott. Definitionsgemäss schlage ich vor, dass nämlich das Göttliche den gedanklichen Wunsch beinhaltet, dass bei der Schöpfung Bewusstsein eine Rolle spielt. Der Begriff «Gott» hat aber die zusätzliche Bedeutung, dass ein personifiziertes Wesen die Welt erschaffen hat und in das Schicksal, insbesondere von Menschen, eingreifen kann. Ihre Interpretation der Schöpfung hat somit eine räumliche, in Ihrem Sinne weit über die Schuhschachtel hinausdeutende Qualität. Solches kann ich mir sehr wohl vorstellen, sehe aber auch, wie kompliziert jede solche Theorie gegenüber einer naturwissenschaftlichen Erklärung ist, weil sie laufend – in ihrer Wirkung – in Erklärungsnotstand gerät. Sie beschreiben nicht, was Sie unter «göttlich» verstehen, deshalb ist dazu keine Stellungnahme möglich. Weil Sie aber, zusätzlich zur Schuhschachtel, noch das Höhlengleichnis von Platon herbeiziehen, muss ich davon ausgehen, dass Sie sagen wollen, dass alle Atheisten ein Brett vor dem Kopf haben. Sie fragen sich, was einen Menschen zum Atheismus treibt. Die Antwort darauf ist, dass es Menschen gibt, die eine viel näher an der Natur orientierte Wahrnehmung haben, nämlich die, dass mit der heutigen Wissenschaft ein viel eleganteres Weltbild geschaffen werden kann, das zwar eine an der Schöpfung beteiligte Bewusstheit nicht wegbeweisen, aber das genau Gleiche ohne eine solche, inklusive ethischer Konsequenzen beschreiben kann. Im Unterschied zu den Gläubigen können die Atheisten und modernen Wissenschaftler ihre Deutung derart abstrahieren, dass sie lediglich aus lauter Liebe zur Evidenz bezüglich der Entstehung des Universums keine Falsifizierungen machen. Die Haltung der Atheisten ist ganz einfach offener und gesteht ein, dass der menschliche Verstand im Moment nicht in der Lage ist, einen absoluten Beweis in dieser Frage zu erbringen. Das gilt für sämtliche Theorien über die Entstehung der Natur, also auch diejenigen, die einen Gott, oder einen wirkenden Geist, voraussetzen. Roset Zaugg, BernZweifeln einigt, Glauben spaltetIhre Abhandlung ist mir verdächtig; keinesfalls naiv, kindlich oder gar Fantasterei, nein, eher von der sehr sachlichen Sorte. Systematik in Ihren Argumentationsketten muss man Ihnen auch zugestehen. Systematik allein genügt mir allerdings nicht, wenn ich mich als selbstständig denkenden Menschen verstehen will. Da brauchte es eine glaubhafte Basis. Für meinen Geschmack fehlt jedoch diese Basis in Ihrem Artikel. Er strotzt auch vor Ausdrücken wie: fundamentalistisch, im Schuhkarton denken, bekämpfen, vehement bekämpfen, (nochmals) bekämpfen, andere Gedanken ausschliessen. All das, um Freidenker und Atheisten (Andersdenkende) zu beschreiben?Zu guter Letzt sprechen Sie Leuten dieser Denkrichtungen ab, sozial denken oder den Mensch als geistiges (lassen wir mal das Wort «göttliches») Wesen verstehen zu können.Das alles sehe ich als ziemlich üble und «unchristliche» Unterstellungen. Solch getarnte aber sehr radikale Vorstösse zeigen mir, wie notwendig die Gruppierungen sind, die hier geschickt diffamiert werden sollen.Wenn Sie unter der von Ihnen geforderten göttlichen Modernisierung – und als Alternative zum freien Denken – eine Neuauflage einer rechthaberischen und «einzig selig machenden» Weltreligion sehen – die oft mit verlogenen Moralvorstellungen operiert – dann träfen halt all die zitierten Ausdrücke doch eher auf Ihre Weltanschauung zu.Jemand soll mal gesagt haben: Zweifeln einigt und Glauben spaltet. In diesem Sinne sind meine Sympathien bei den «Freidenkern». Von denen höre ich sehr viele interessante Fragen und von den «Glaubenden» höre ich sehr viele Antworten. Fragen sind dort meist rhetorisch, um gleich die «einzig richtige» Antwort nachreichen zu können. Allerdings, mit «Gläubigen» lässt es sich eben besser im Schuhkarton denken, bekämpfen, ausgrenzen, Andersdenkende ausschliessen – alles mit einem Wahrheitsanspruch und mit der Gewissheit, ein geistig-göttliches Wesen zu sein.Urs Singer, Utzenstorf>

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