Tribüne: Gegen den Zwangskonsum

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Weniger konsumieren, mehr spenden für die Dritte Welt. Weniger wegwerfen, mehr Sorge tragen. Weniger Südsee-Ferien, mehr Zeit für Familie, Freunde und Notleidende. «Das sind Werte, die wir vertreten sollten», ermunterte uns in der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens Bundesrätin Doris Leuthard, als sie das Leben der heiliggesprochenen Schwester Bernarda Bütler würdigte.

Lassen wir uns als Konsumenten also ermuntern und ersetzen wir unsere Autos einige Jahre später als geplant durch ein neues, selbst wenn die Autoverkäufer jammern. Kaufen wir nicht immer das Neuste und werfen dafür weniger weg. Lasst uns dem TV-Spot der Unicef folgen und «spenden statt schenken», auch wenn sich die Medien, etwa die «Tagesschau», fast täglich Sorgen darüber machen, ob das Weihnachtsgeschäft gut läuft.

Folgen wir dem Postkarten-Aufruf des katholischen «Fastenopfers» und des evangelischen «Brot für alle» und verpflichten uns, in Zukunft «statt mit dem Auto mit dem Velo oder dem ÖV zur Arbeit/Schule zu fahren» und künftig «weniger Flugkilometer hinter uns zu bringen». Es soll uns gleichgültig lassen, dass das Fernsehen es als Hiobsbotschaft formuliert, wenn die Übersee-Badeferien im Januar weniger gut gebucht sind als ein Jahr zuvor.

Wenn das Klima zur Gefahr wird, die Meere leer gefischt oder Landschaften zersiedelt werden, schiebt die Wirtschaft den Schwarzen Peter uns Konsumentinnen und Konsumenten zu: Wir würden zu viel Energie brauchen, zu viele Meerfische essen oder Zweitwohnungen kaufen. Sobald wir uns aber etwas bescheidener verhalten, macht man uns verantwortlich dafür, dass die Wirtschaft zu wenig Umsätze macht. Dann setzt die Politik alle Hebel in Bewegung, damit wir wieder mehr konsumieren. Der Chefökonom des Gewerkschaftsbundes will für die Leute höhere Löhne, «damit sie mehr konsumieren», der Chefökonom der Economiesuisse spricht sich dagegen aus, «weil dann ein Teil des Lohns gespart wird». Sogar Sparen wird unmoralisch . . .

Selbst Wirtschaftsministerin Leuthard versteht keinen Spass, wenn die Wirtschaft nicht um mindestens zwei Prozent jährlich wächst. Mit solchen Wachstumsvorgaben verlangt sie nichts anderes von uns, als dass wir in 35 Jahren doppelt so viel konsumieren müssen wie heute, egal was. Denn im Konflikt hat auch für Doris Leuthard das Wachstum der Wirtschaft Vorrang gegenüber den Tugenden der Heiligen Schwester Bernarda Bütler.

Dabei hätten wir allen Grund, unseren Konsum einzuschränken und das Geld nachhaltiger auszugeben. Würde sich nämlich jeder Erdenbürger und jede Erdenbürgerin so ernähren und so leben wie wir Schweizerinnen und Schweizer heute, brauchte es ein Mehrfaches der Ressourcen, welche die Erde hergibt. Wasser, Energie und Rohstoffe sind knapp. Afrika, Indien und China etwa haben einen riesigen Nachholbedarf.

Auf dem einen Teil der Erde leben Menschen in unerträglicher Armut, auf dem andern Teil leben immer mehr Leute, die überernährt sind und deshalb erkranken. Wie sollen wir den Armen in Niger oder Indien erklären, dass wir Reichen in den Industrieländern unseren eigenen Konsum unbedingt nochmals verdoppeln müssen?

Oder anders gefragt: Wie reagieren wir als vernünftige Menschen, wenn der Energieverbrauch das Klima erwärmt, Wasser und Rohstoffe rar werden, Tier- und Pflanzenwelt bedroht sind und Milliarden von Armen auf dieser Erde einen Nachholbedarf haben? Normale Menschen reagieren mit Sparsamkeit und mit einem haushälterischen Einsatz der Mittel. Politikerinnen und Wirtschaftsvertreter aber rufen zum Konsum auf, beklagen «Konsumflauten», eine «zu grosse Sparneigung» oder «Wachstumsschwächen» und kurbeln mit allen Mitteln die Wirtschaft an. «Wachstum bedeutet Marsch- und Kaufbefehle, um die Sozialwerke oder Arbeitsplätze zu retten», schrieb der St. Galler Soziologe Peter Gross ironisch. Wenn aber die Marktwirtschaft so frei ist, wie sie vorgibt, sollten wir Konsumenten Kaufbefehle verweigern dürfen, und zwar ohne Schuldgefühle. Die Unternehmen haben sich gefälligst anzupassen. Wir müssen uns frei fühlen, der Heiligen Bernarda nach Belieben nachzueifern.

Wie im Staat, wo wir als Bürgerinnen und Bürger das letzte Wort haben, sollten wir in der Marktwirtschaft als Konsumentinnen und Konsumenten mit unseren Kaufentscheiden bestimmen können, was und wie viel produziert wird. Wenn wir nur noch benzinsparende und kleinere Autos kaufen, ist es unvermeidlich, dass Hersteller grosser Benzinfresser pleite gehen. Wenn wir von unserem Einkommen mehr auf die hohe Kante legen anstatt sofort zu konsumieren, muss die Wirtschaft ihre Produktion eben drosseln. Das gleiche gilt, wenn Menschen mehr Freizeit statt mehr Einkommen wählen.

Angeblich leben wir in einem freien Land mit einer freien Wirtschaft. Doch diese grundlegende Wahlfreiheit wollen Wirtschaft und Politik uns Konsumenten verweigern, seit der geplatzten Finanzblase penetranter denn je. Nicht einmal in dieser schwierigen Zeit sollen wir entscheiden dürfen zwischen mehr Musse, einem intensiveren und glücklicheren Sozialleben oder mehr Arbeit, Einkommen und mehr Konsum. Doch wir Konsumenten dürfen uns kein schlechtes Gewissen einreden lassen. Denn Wachstum ist keine nachhaltige Lösung, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden und die Renten zu finanzieren. Politik und Ökonomieprofessoren sollen dieses Problem endlich anders angehen als mit der Verdopplung des Bruttoinlandsprodukts.

Sollte nämlich eines Tages die Wachstumsblase platzen, werden alle Finanzspritzen in Milliardenhöhe verpuffen. Dann droht ein erbarmungsloser Überlebenskampf um Nahrung, Wasser und Rohstoffe. Wie wäre es, vorzeitig und vorausschauend etwas bescheidener zu leben – so wie Bundesrätin Leuthard es empfohlen hat? Auf die Frage, wie sie das Vorbild der Heiligen mit ihren Aufrufen und Anreizen zum Konsumwachstum in Einklang bringt, hat die Wirtschaftsministerin bis heute geschwiegen.> (Der Bund)

Erstellt: 05.01.2009, 08:58 Uhr

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