Der Staat als Kindergärtnerin

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Auf den 1. Juli haben wieder ein paar Kantone Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden und Beizen eingeführt, dort zum Teil mit, zum Teil ohne Fumoir und diese teils mit, teils ohne Bedienung – typisch schweizerische Kantönlilösungen also mit entsprechendem Potenzial für Verwirrung und Rechtsunsicherheit. Einige Promotoren dieser Verbote sind mit religiösem Eifer in den Kampf gegen den Glimmstängel gezogen, ebenso, wie andere in den Kampf ziehen gegen Offroader, Minarette, Pornografie, Rassismus, Alkohol, Mohammed-Karikaturen und politische Unkorrektheit.

Bleiben wir beim Rauchen: Es ist richtig, Zigarettenkonzerne davon abzuhalten, Kinder mit Nikotin anzufixen, ebenso, wie man Drogenhändler daran hindert, Marihuana und Härteres in der Nähe von Schulen zu pushen, oder Alkoholproduzenten und -verkäufer, Kindern Hochprozentiges anzudrehen. Aber soll der Staat erwachsenen Menschen, die selber entscheiden müssen, was gut ist für sie, ein bestimmtes Sucht- oder Abstinenzverhalten aufzwingen? Und wo hört der amtliche Feldzug für die Volksgesundheit auf?

Denn die nächste Zielgruppe staatlicher Zuwendung ist bereits zu erkennen: die Übergewichtigen. Eine Übertreibung? Keineswegs. Wer französisches Fernsehen schaut, stellt staunend fest, dass Werbung für Nahrungsmittel mit dem warnenden Hinweis versehen ist, zwischen den Mahlzeiten nicht zu knabbern und genügend Früchte und Gemüse zu konsumieren.

Soll der Staat bei seinen Bürgern den richtigen Body-Mass-Index durchsetzen? Die Schlafenszeit, die für einen gesunden Lebenswandel notwendig ist? Soll der Staat uns gesunde Nahrung schmackhaft machen, gesunden Sex? Und wie hält er es mit gesunden Gedanken? Kann er mit Antirassismusgesetzen und anderen Verhaltensvorschriften Minderheiten – Schwarze, Katholiken, Schwule, Juden, Welsche, Grüne, Tessiner, Sozialdemokratinnen, Sozialhilfeempfänger – vor Beleidigung bewahren? Wo ist die Grenze zwischen sinnvoller Reglementierung und Bevormundung? Soll der Staat zur omnipräsenten Kindergärtnerin werden, die uns vor Gefahren behütet, vor bösen Einflüssen schützt?

Die stärkste Sucht der Menschen ist nicht jene nach Alkohol oder Nikotin, sondern jene nach Sicherheit. Die zunehmende Komplexität der Welt, die Globalisierung mit ihren weltumspannenden Krisen, Migrationsströme, Jugendgewalt, Zerstörung hergebrachter Werte und kleinräumiger Strukturen schaffen jedoch das Gegenteil. Und je grösser die Unsicherheit, desto mehr ist man empfänglich für simple Lösungen, welche die vermisste alte Ordnung scheinbar wiederherstellen.

Dabei wird der Einzelne sukzessive entmündigt und unter einer Flut von Gesetzen erstickt, ohne dass die erträumte Sicherheit grösser würde. Man könnte das Rauchen ganz verbieten, aber man kann das Rauchverbot nicht durchsetzen. Als in den USA von 1919 bis 1933 der Alkohol verboten war, ging die Zahl der Alkoholkranken zurück. Aber die Nebenfolgen waren verheerend: Die Schwerstkriminalität im Zusammenhang mit dem Schmuggel, der illegalen Herstellung und dem Vertrieb des verbotenen Feuerwassers nahm massiv zu. Und statt des vergleichsweise harmlosen Weins und Biers, die nicht mehr erhältlich waren, weil Brauereien geschlossen, Weinberge zerstört wurden, gewöhnten sich die Trinker hochprozentige Schnäpse und Cocktails an.

Die Sicherheit, die wir uns von jedem neuen Gesetz erhoffen, gibt es nicht. Auch der abstinente, normalgewichtige, durchtrainierte und politisch korrekt denkende Nichtraucher wird eines Tages das Zeitliche segnen, das ist ein Naturgesetz. Wir haben die Wahl: Verteidigen wir die Freiheit, den Zeitpunkt durch unser Verhalten selbst zu beeinflussen, oder sind wir bereit, unsere Eigenverantwortung sukzessive an den Staat abzutreten?>

Erstellt: 04.07.2009, 01:16 Uhr

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