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Watergate hat es nie gegeben

Regisseur Zack Snyder («300») hat sich den komplexen und als unverfilmbar geltenden Comic-Roman «Watchmen» vorgenommen. Mit Erfolg.

Jeffrey Dean Morgan in der Rolle des Comedian. (zvg)
Jeffrey Dean Morgan in der Rolle des Comedian. (zvg)

«Master of the Univers» waren nicht nur die Banker; auch die Comic-Superhelden. Die Höhenflüge endeten in Bruchlandungen. Ihre Fähigkeiten waren Verkörperungen von Ideen, jetzt stehen die Ideen zur Diskussion und gelten auf einmal als falsch – nicht nur bei den Fantasie-Titanen.

Bei denen weiss das keiner besser als Dr. Manhattan, der durch einen Strahlenunfall zu purem Strom mutierte. Ständig blau, fast immer nackt, transparent und doch körperlich. Zeit ist ihm unbekannt, Gefühl auch. Er kann sich vervielfältigen, mit der Freundin schlafen («Du schmeckst wie eine Batterie») und gleichzeitig im Labor arbeiten. Er ist die Klimax aller Superhelden: gottgleich und entsetzt über die Menschen, denen nicht mehr zu helfen ist. Lange arbeitete er für die Regierung und beendete den Vietnamkrieg wie die USA es sich wünschten: siegreich.

Was sich irr wie eine Parodie anhört, ist Teil eines vertrackt-komplexen Comic-Romans: «Watchmen» von Alan Moore (Text) und Dave Gibbons (Zeichnung). Mitte der Achtzigerjahre entstanden, wurde er als einziger Comic in die Liste der hundert besten Romane des «Time-Magazine» aufgenommen und galt lange als unverfilmbar. Das aber reizt Filmemacher erst recht. Exzentriker wie Terry Gilliam («Brazil»), Darren Aronofsky («The Wrestler») und andere haben Versuche unternommen, die Graphic Novel auf die Leinwand zu bringen. Das klingt grotesk, weil der Comic sich filmischer Grammatik bedient. Doch die Nähe zum Film ist tückisch; schon mancher Strich-Held ist auf der Leinwand abgestürzt. Dass Zack Snyder («300») die «Watchmen» zum Laufen brachte, liegt auch am Fortschritt der Computer-Tricktechnik, die endlich in Bewegung setzen kann, was der Zeichenstift seit je souverän vermochte.

Superhelden als Neurotiker

Die Wächter tummeln sich in einem Paralleluniversum. Richard Nixon ist zum fünften Mal wiedergewählt, Vietnam der 51. Bundesstaat, Watergate hat es nie gegeben, aber es gab Superhelden. Es wimmelte nur so von Männern in Kostümen und Masken, bis der «Keene Act» das Vigilantentum untersagte. Es waren eh nur Deppen, die das drohende Armageddon, das nun ansteht, nicht verhinderten. Es ist kurz vor zwölf, und Dr. Manhattan, von der Regierung missbraucht («Gott ist Amerikaner»), hat sich mehr oder weniger auf den Mars zurückgezogen. Als Comedian, ein alter Wächter, ermordet wird, holt Rorschach, ein purer Psychopath, die Ex-Watchmen aus ihrer bürgerlichen Welt; denn Comedian wurde Opfer einer wüsten Verschwörung. Die Welt ist aus den Fugen, die Superheroes sind Neurotiker, die Politiker durchgeknallt, der atomare Konflikt mit den Sowjets nicht aufzuhalten. Vielschichtige Erzählebenen, Zitate, Tagebuch-Aufzeichnungen (von Rorschach), Manhattans Auslassungen, bilden eine grafische Glanzleistung. Der Film muss das gleichzeitige Nebeneinander aufdröseln, in eine lineare Ordnung bringen, die ab und zu den Handlungsverlauf bremst. Auch die Figuren, integriert im Graphic Style, laufen im Film Gefahr, ins Alberne bis Kitschige zu schliddern. Trotzdem ist Snyder über weite Strecken eine packende Umsetzung gelungen, vor allem eine Superhelden-Götterdämmerung der besonderen Art: dank der Songs fast ein Oratorien-Spuk.

Der Film läuft ab Donnerstag in Bern in den Kinos Alhambra, Capitol 1 und Pathé Westside.

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