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Wanderer zwischen den Welten

Klug verzahnt der bosnisch-amerikanische Schriftsteller Aleksandar Hemon in seinem Roman «Lazarus» Vergangenheit und Gegenwart und lässt eine Reise ins noch immer versehrte postkommunistische Osteuropa zu einem wahren Höllenritt werden.

Der Roman beginnt mit einem sinnlosen Mord im Jahr 1908 in Amerika, dem gelobten Land der Freiheit. Und er endet mit einem ebenso sinnlosen Tod im chaotischen, postkommunistischen Osteuropa der Gegenwart. Dazwischen entfacht der bosnisch-amerikanische Schriftsteller Aleksandar Hemon ein mitreissendes literarisches Feuerwerk: Mühelos verbindet er, der 1964 in Sarajevo zur Welt gekommen ist, historische Recherche, herrliches Fabulieren orientalischer Prägung und einen ebenso skurrilen wie zuweilen bedrückenden Reisebericht.Der inzwischen bereits mit Vladimir Nabokov verglichene Hemon gelangte 1992, kurz vor Ausbruch des Bosnien-Krieges, in die USA. In kurzer Zeit beherrschte er die englische Sprache mit erstaunlicher Virtuosität und veröffentlichte schon bald einen Erzählband und einen Roman. Nun verwandte er sein Talent auf den Roman «Lazarus», der Tragik und schwarzen Humor, Vergangenheit und Gegenwart, direktes Erzählen und postmodernes Unterwandern dieses Erzählens grandios vereint.Macht und MachtlosigkeitInspiriert wurde Hemon durch eine historische Begebenheit. Im Jahr 1908 wollte der junge ostjüdische Immigrant Lazarus Averbuch dem Chicagoer Polizeichef einen Besuch abstatten. Was er damit erreichen wollte, ist ungeklärt. Unglücklicherweise grassierte damals in den USA – McCarthy, Bush und der «Krieg gegen den Terror» grüssen von ferne – eine medial aufgepeitschte Furcht vor Anarchisten, vor umstürzlerischen, kriminellen Elementen also, die friedliebende Bürger bedrohten. Der Polizeichef glaubte, einen Auftragskiller vor sich zu haben, und erschoss den Neunzehnjährigen kurzerhand.Am verstörendsten für ihn, sagt Hemon, sei ein Zeitungsfoto aus jener Zeit gewesen, das den toten Lazarus zeigt, auf einen Stuhl drapiert. Das Foto ist eins von vielen, die das Buch illustrieren. Hinter dem Leichnam steht ein Polizist, hält den Kopf des Toten und blickt direkt in die Kamera. «Dieser Gegensatz von Macht und Machtlosigkeit und von Leben und Tod war der Anlass für mich, das Buch über Lazarus zu schreiben», erklärt Hemon. Im Roman bedient er sich dazu der meisterhaft gezeichneten Figur des Vladimir Brik. Hemon charakterisiert Brik als Wanderer zwischen den Welten, der, wie einst Lazarus Averbuch, in der vermeintlich Glück verheissenden Neuen Welt nie richtig angekommen ist. Vladimir Brik bemüht sich redlich, ein «halbwegs loyaler Bürger zweier Länder» zu sein, aber der Grübler und Agnostiker kann die Erwartungen seiner properen amerikanischen Frau, einer erfolgreichen Ärztin, und deren patriotischen, gottesfürchtigen Eltern schlicht nicht erfüllen. Um des Lazarus-Buchprojekts willen schafft er es wenigstens, ein Stipendium zu erhalten. Dies wiederum bietet ihm die Möglichkeit, mit seinem Freund aus Jugendtagen, dem bosnischen Muslimen Rora, einem ehemaligen Kriegsfotografen, eine Reise durch mehrere postsowjetische Oststaaten zu unternehmen. Die Tour mit dem traumatisierten Rora durch korruptionsverseuchte Länder wird gleichzeitig zum Recherche-, Selbstfindungs- und Horrortrip. Immer stärker identifiziert sich Brik mit Lazarus Averbuch, der in Chisinau im heutigen Moldawien während eines Pogroms knapp dem Tod entging, seiner Schwester Olga in die USA folgte, dort von einem besseren Leben träumte, das dann durch die Kugeln eines paranoiden Ordnungshüters jäh beendet wurde.Zwischen den Reisebericht schiebt Hemon in eigenen Kapiteln die Geschichte ebenjener Ereignisse von 1908, aus der Sicht von Lazarus’ Schwester Olga. Eindrücklich porträtiert er eine vom Schicksal gebeutelte, aber gleichzeitig starke Frau, die sich trotz respektloser Behandlung durch Behörden (und auch durch ihre verängstigten jüdischen Glaubensbrüder) ihre Würde zu bewahren weiss.Vorerst keine Rückkehr in USA Dies versucht auch Vladimir Brik, und deshalb beschliesst er, nachdem ausgerechnet der kriegserprobte Rora bei einem lächerlichen Raubüberfall ums Leben kommt, vorerst nicht in die USA zurückzukehren, ins Land der «keimfreien Wohlanständigkeit» und des ewigen Optimismus, wo seine ihm entfremdete Ehefrau stramm an das Gute im Menschen glaubt und Briks metaphysisches Hinterfragen einer für sie sonnenklaren Wirklichkeit nicht verstehen kann. Das Buch über Lazarus will Brik aber schreiben, wo auch immer, um seinen Seelenverwandten wenigstens literarisch von den Toten auferstehen zu lassen.

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