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«...versuche nicht zu denken»

Wer war Scelsi? Es gibt Fragen, die leichter zu beantworten sind als diese, denn der italienische Komponist bemühte sich zeitlebens darum, seine Identität zu vertuschen und Rätsel aufzugeben.

Schwer ist er zu fassen, dieser Conte d’Ayala Valva, der das Versteckspiel so sehr liebte, dass die Fakten seiner Biografie nur spärlich sind. Fotos von ihm gibt es nur wenige. Zeitlebens hat Giacinto Francesco Maria Scelsi (1905–1988) selber für Gerüchte um seine Person gesorgt und Falschmeldungen in Umlauf gebracht, mit dem Ziel, seine wahre Identität zu vertuschen und für seine Umgebung ein Rätsel zu bleiben. Er komponierte und weigerte sich, als Komponist bezeichnet zu werden. Er veröffentlichte Lyrikbände, ohne wirklich Dichter zu sein. Ein Mann des Widerspruchs: Scelsi behauptete, von der Arbeit mit der Zwölftontechnik gesundheitlich geschädigt und in eine Lebenskrise gestürzt worden zu sein, liess sich aber offensichtlich von Alban Bergs Werk, insbesondere dessen Palindrombildungen, inspirieren.

Talentierter Improvisator

Erst seit den frühen 1980er-Jahren hat man begonnen, sich intensiv mit Giacinto Scelsis Werk auseinanderzusetzen. Es bestanden Zweifel, ob erhaltene Dokumente wirklich von ihm stammten. Das Transkribieren dessen, was er spielte, überliess er nämlich seinen Assistenten. Statt Noten zu schreiben, sass er lieber am Klavier und improvisierte wild drauflos. Da zeigte er Talent. Schon als Dreijähriger soll Scelsi seine Umgebung in Erstaunen (und Entsetzen) versetzt haben, wenn er sein Piano mit Händen und Füssen traktierte oder sich stundenlang mit dem Anschlagen eines einzelnen Tones beschäftigte. Eine Manie, die der Sprössling aus wohlhabender Adelsfamilie bis ins Erwachsenenleben pflegte. Nach Studien in Rom und Genf bei Egon Köhler, der ihn in das Denken des Farbenklavier-Erfinders Skrjabin einführte, machte er zahlreiche Reisen nach Afrika, Indien und Fernost, wo er mit östlicher Philosophie und Mystik in Berührung kam.

Schlafen im Schrank

Scelsi, dessen Credo lautete «Ich lebe wie ein Kürbis. Ich versuche nicht zu denken», wurde in Aufenthalten in London und Paris geprägt. Er ging bei Salvador Dali und Henri Michaux ein und aus, half Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zu organisieren und wurde bekannt, als einer, der mal mit den Clochards unter einer Brücke schlief, mal im Luxushotel – im Schrank.

Ende der 1950er-Jahre schuf Scelsi Stücke, die aus dem insistierenden Anschlagen und Verklingenlassen eines einzigen Tones bestanden. Und er setzte Töne in einen stufenlosen Bewegungsprozess, liess sie durch vierteltönig gegliederte Intervallräume laufen, in dem Harmonik, Melodie- und Themenbildung, rhythmische Gestalt oder metrische Gliederung keine Bedeutung haben. Dadurch erreichte er vor allem ein Ziel: Er entzog sich der Analyse.

In Zusammenarbeit mit der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) widmet die Dampfzentrale Bern dem «improvisierenden Medium», wie Scelsi sich bezeichnete, ein dreitägiges Festival: Das Ensemble Namascae spielt Kompositionen von Scelsi in unterschiedlicher Besetzung (5. März), fünf Solostücke stehen im Zentrum der Hommage «Gebet um einen Schatten» (6. März); den Festivalauftakt macht eine Schulklasse (heute, 17 Uhr): Im Tönstör-Projekt werden theatrale Szenen mit Scelsis Klangwelt in einen Dialog gebracht.

Scelsi-Festival in der Dampfzentrale Bern, 4. bis 6. März.

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