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Silberfluss der Poesie

Viel Aufwand für ein wenig Schönheit. Frühestens 2012 wollen Christo und Jeanne-Claude silbrige Stoffbahnen über den Arkansas River im US-Bundesstaat Colorado spannen. Die Fondation de

Ein Strom aus Stoff soll ein felsiges Flussbett im US-Bundesstaat Colorado in eine Landschaft der Poesie verwandeln. Von der Strasse aus soll man ein silbriges Fliessen über dem Fluss sehen, vom Kanu auf dem Arkansas River aus einen glänzenden Schleier vor den Konturen der Berge. «,Over the River‘ wird ein Sommer-Projekt», erklärt Christo, und Jeanne-Claude ergänzt, der Arkansas River sei ideal für «gemütliches River-Rafting».In der Fondation l’Hermitage in Lausanne stellt das weltweit erfolgreiche Künstlerduo Christo und Jeanne-Claude sein neues Projekt vor. Gut gelaunt führte das Paar vorab zahlreiche Medienvertreter durch die Schau mit über 200 Exponaten, die einen Vorgeschmack auf den Stoffstrom im Bett des Arkansas River geben sollen. Gezeigt werden Landkarten und Geländefotos, teils recht grossformatige Projektskizzen und Collagen, aber auch Materialproben, wie etwa einer der Stahlanker, die den Stoff über dem Fluss fixieren sollen.Metallischer GewebeflussEine Ahnung von Schwerarbeit und Abenteuer umgibt den wuchtigen Metallanker. «Over the River» klotzt mit grossen Zahlen. Über dem Arkansas River soll zwischen Salida und Canon City ein metallisch glänzendes Dach gespannt werden. 1200 Stoffbahnen aus aluminiumbedampftem Polypropylen werden, je nach Gelände, in einer Höhe von 3 bis 7 Metern über dem Fluss mit Stahlseilen fixiert. Die mehr als 9 Kilometer Stoff werden mit Unterbrechungen aufgespannt. Das Gesamtprojekt soll sich über 64 Kilometer durch die Landschaft ziehen.Die waagerecht verspannten Textilbahnen sollen sich allen Windungen und Breiten des Flusses anpassen und sich, da die Stahlseile leicht durchhängen, in weiche, schimmernde Falten legen. Wer nicht mit dem Kanu unter dem Gewebefluss hindurchfahren möchte, kann «Over The River» von der Route 50 oder der Eisenbahn aus besichtigen: Zugtrassee und Strasse flankieren den Arkansas River über weite Strecken. Allerdings muss man sich noch gedulden. Realisiert wird das Projekt frühestens im Sommer 2012. Dann soll es zwei Wochen lang die Landschaft poetisch verändern.Ohne Sponsoring1992 sind die ersten Pläne für «Over the River» entstanden. Über 22 000 Kilometer sind Christo und Jeanne-Claude durch die USA gereist, um den geeigneten Fluss zu finden. Ein üppiges Projekt haben die beiden sich vorgenommen. Doch mit Kleinkram geben sich Christo und Jeanne-Claude, die beide am 13. Juni 1935 geboren wurden, selten ab. 1958 umwickelte Christo (damals noch ohne Jeanne-Claude) eine Farbdose mit harzgetränkter Leinwand. 1968 verpackte er bereits die Berner Kunsthalle in knapp 2500 qm Polyäthylen. Damit war ein Erfolgskonzept gefunden, das bis heute funktioniert. Die Verpackungen und Environments von Christo und Jeanne-Claude leben von ihrem hohen Widererkennungswert. Nur Umfänge und Kosten wachsen stetig. Die Verhüllung des Berliner Reichstags 1995 kostete über 15 Millionen Dollar, die 2005 im Central Park New York installierten «The Gates» 21 Millionen Dollar. «Over the River» ist mit 40 Millionen Dollar veranschlagt.Mit der Ausstellung, die zuerst in der Phillips Collection in Washington gezeigt wurde, rühren Christo und Jeanne-Claude die Werbetrommel. Das Künstlerduo lehnt jedes Sponsoring ab und finanziert alle Projekte allein durch den Verkauf von Fotos, Collagen, Zeichnungen. Jeanne-Claude gilt als clevere Geschäftsfrau, die streng darüber wacht, dass kein unautorisiertes Fotomaterial die Preise vermasselt. Gern wird darüber gelästert. Mancher Kunstfreund findet es romantischer und wohl auch praktischer, wenn kreative Köpfe geschäftlich etwas unbedarft sind.Bescheidenes AnsinnenDass Kunst heute mehr mit Verhandlungsgeschick und Kontaktpflege zu tun hat als mit dem zarten Kuss der Muse, belegen die Fotos in der Ausstellung. Die auf den ersten Blick etwas öden Bilder von Ortsbegehungen und Besprechungen mit lokalen Politikern und Landbesitzern dokumentieren, was jeder Kulturschaffende, der einmal einen Projektantrag gestellt hat, aus Erfahrung weiss: Kunst ist Überzeugungsarbeit. Die Bewilligungen sind auch für Christo und Jeanne-Claude noch immer das grösste Problem.Das breite Publikum überzeugen Christo und Jeanne-Claude mit ihren dekorativen Projekten immer wieder. Allein 5 Millionen Besucher liessen sich von der Silberhülle um den Berliner Reichstag bezaubern. Was aber verbirgt sich hinter dem Stoff? Das Künstlerduo geizt seit je mit Interpretationen. Vor der Presse in Lausanne lächelt Jeanne-Claude und sagt: «Wir wollen Kunstwerke schaffen, die mit der Schönheit spielen.» Ein bescheidenes Ansinnen, gemessen am enormen Aufwand der Projekte.Die Ausstellung dauert bis 24. Mai. Katalog zur Ausstellung: Simon Schama und Wolfgang Volz (Hrsg.): Over the River. Christo and Jeanne-Claude. Projekt for the Arkansas River, State of Colorado. Taschen-Verlag, Köln 2008. 196 S. Fr. 57.–.>

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